Steuersenkungen sind schlechte Sozialpolitik
Fabian Nehring ist Politikwissenschaftler und aktives Mitglied bei der Linken in Berlin.
Zur Frage der Regierungsbeteiligung in Berlin hab ich eine längere Analyse im Debattenblog Licht und Luft geschrieben. Meine Grundthesen:
1. Bevor wir in eine Regierung gehen müssen wir prüfen, ob eine Regierungsbeteiligung der Berliner Linken angesichts der aktuellen Kräfteverhältnisse strategisch sinnvoll ist fur den langfristigen Aufbau des Sozialismus.
2. Der Staat sichert die Verwertungsbedingungen des Kapitals, seine Spielräume für Reformen im Interesse der Lohnabhängigen sind daher immer begrenzt.
3. Berlin ist dabei zusätzlich durch Bundesrecht, Schuldenbremse und ein Haushaltsdefizit von rund fünf Milliarden Euro eingeschränkt, eine Koalition wäre zudem nur mit SPD oder Grünen möglich, die das Zeil einer sozialistischen Transformation nicht teilen.
4. Die historische Bilanz linker Regierungsbeteiligung in Berlin zeigt Sozialabbau, Privatisierungen und massive Stimmenverluste statt sozialistischer Gestaltung, sowie daraus resultierende sinkende Wahlergebnisse.
5. Ohne durchgesetzte Vergesellschaftung und eine breite außerparlamentarische Mobilisierung würde Regierungsbeteiligung nur neoliberale Sachzwänge verwalten und der AfD nützen, weshalb jetzt Opposition und der Aufbau einer organisierenden Klassenpartei zu priorisieren sind.
@fabiannehring Das Endergebis ist wirklich schwach am Ende und Berlin ist alles andere als sicher: da kann am Ende fast jeder (außer die SPD) stärkste Kraft werden.
@Schiebermatzen Die Gefahr die ich sehe ist eher, was man dann mit der neuen Stärke macht. Beteiligt man sich an der prekären Verwaltung des Status Quo, oder macht man den Unterschied zum politischen Zentrum , zu (progressiv) neoliberalen Parteien wie Grünen und SPD deutlich? Die Gefahr, in der Regierung auf Grund der Haushaltssituation und dem fehlenden Willen zur Vergesellschaftung keinen Unterschied machen zu können und das Narrativ der AfD zu stützen , dass nur sie die wahre Alternative seien, ist groß.
@snips Ich glaube das Antifaschismus als politisches Programm reichen würde, würden wir diese Ideologie mit Inhalt (und Antikapitalismus) füllen. Da wir Wirtschaft und Faschismus getrennt voneinander sehen, reicht Antifaschismus als Programm nicht.
@ErikUden @snips Wenn man sich denn mal wenigstens auf das Diktum von Max Horkheimer besinnen würde, das gerade in den 90ern ja auch von vielen Antifas vertreten wurde: Wer vom Kapitalismus nicht reden wolle, soll zum Faschismus schweigen. Sollte doch gerade der eher antideutsch geprägten Szene in Leipzig durchaus geläufig sein.
@fabiannehring Meine Sorge: die Linke kann den Kurs nicht wechseln, da die Reformer:innen weiterhin dominant ihre Strategie in der Partei aufrecht erhalten können.
Und welchen Kurs soll man einschlagen? Sozialistische Kampfpaetei in der Opposition? Das findet auch keiner Mehrheit.
Es ist gerade nicht leicht.
@Schiebermatzen Mann muss ja nicht von einem extrem gleich ins andere Wechseln, sondern eine kluge Vermittlung finden.
@fabiannehring D'accord, gleichzeitig fällt es mir schwer zu formulieren, wie ein solcher Kurs konkret auszusehen hat in einer Situation, wo die AfD kurz vor der absoluten Mehrheit steht. Aber sicher ist, das parlamentarische Taktieren das jetzt folgt wird nicht gut sein sein für Die Linke.
@lorenbalhorn Ich denke, es gibt niemanden, der oder die das seriös beantworten kann. Wichtig ist jetzt aber erst mal sich einzugestehen , dass der bisherige Kurs gescheitert ist und zum Scheitern verdammt ist und auf die Suche zu gehen. Klar ist, dass es einer eigenständigen Positionierung bedarf. pantisano hat das gestern versucht . auch er hat allerdings zwar das Soziale angesprochen, aber mal wieder das Thema Aufrüstung ausgespart. Das geht nicht. Es muss klar ausgesprochen werden, dass es eine andere Vision von Gesellschaft braucht und dass der Weg von Union/SPD/Grünen genauso in die Katastrophe und zur Stärkung der AfD führt.
@fabiannehring Die Wählerwanderung von der Linken könnte man auch so interpretieren, dass paar Zehntausend Leuten der Bruch mit dem Status quo wichtiger war als zusammen mit der CDU »die Demokratie« zu retten, und daher zu AfD und BSW gegangen sind. Zu den Grünen offenbar gar nicht soo viele.
@thomaszimmermann Ja, so meinte auch das auch. Und so interpretiere ich ebenfalls die Wähler*innenwanderung zur AfD.
Hot Take: Die Linke hat in Sachsen-Anhalt vor allem deswegen abgekackt (bis zu 4 % im Vergleich zu dem Umfragen verloren ), weil sie den Menschen mit der Ankündigung die CDU zu stützen letztlich versprochen hat, den beschissenen Status Quo zu verteidigen. Die Linksliberalen wählten lieber das Original, die Grünen . Die Strategie und Politik der in Sachsen-Anhalt domierenden Reformer*innen in der Linken ist es, die heute krachend gescheitert ist. Die Linke, auch in Berlin , muss jetzt daraus lernen und einen vom politischen Zentrum unabhängigen eigenen sozialistischen Kurs fahren.
Ich habe am Samstag auf der Linke Neukölln-Veranstaltung gesprochen, über die sich alle aufregen. Hunderte Teilnehmer, lockere Stimmung – Musik war zwar nicht meins, aber ich bin auch nicht die Zielgruppe. Die Kids haben es jedenfalls gefeiert.
Während meiner Diskussion mit Deborah Feldman hat der Moderator uns gefragt, was wir von der Linken erwarten, und Deborah hat darauf hingewiesen, wie Zohran Mamdani (auf den sich die Partei so übelst gern bezieht) sich weigert, in Debatten zu Israel/Palästina sich von der rechten Presse treiben zu lassen, und wie er damit in der Frage die Oberhand gewinnt. Absurd, dass direkt am nächsten Tag die Partei genau das Gegenteil macht. Wie soll sie den Druck in der Regierung dann bitte aushalten, wo es nicht um verbale Abgrenzung sondern um Milliardenbeträge geht?
Durch die deutsche und in Teilen auch die europäische Politik und Presselandschaft hallt aktuell wieder der Ruf nach härteren Konsequenzen gegenüber Russland. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Das Land stecke, so sagt es zumindest die deutsche Bundesregierung, hinter einer mit Sprengstoff beladenen Drohne am Leipziger Flughafen.
Es gibt nur vergleichsweise dünne öffentlich präsentierte Beweise für diese Behauptung – und doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Drohne tatsächlich auf Moskau zurückzuführen ist. Die Spannungen zwischen Russland und dem Westen schaukeln sich seit Jahren hoch. Ob und wie eine größere Eskalation auch abseits ukrainischen Bodens eintritt, ist für viele nur noch eine Frage der Zeit.
Aber noch ist es nicht so weit. Darum reagiert Deutschland auf den mutmaßlichen Angriff nicht mit Panzern und Drohnen, sondern mit dem weiteren Abbau diplomatischer Beziehungen, etwa indem es das russische Generalkonsulat in Bonn schließen lässt. Dabei ist klar, dass das sukzessive Kappen von Kommunikationsmöglichkeiten den Krieg weiter verlängert. Wer das sinnlose Sterben in der Ukraine – und damit auch alle Debatte über hybride Kriegsführung in Europa – beenden möchte, braucht offene diplomatische Kanäle.
@magdalena An der Stelle sei noch mal darauf hingewiesen , dass die Bundesanwaltschaft nach substanziellen Ermittlungen davon ausgeht, dass die Sprengung von Nord-Stream von staatlichen unkraunischen Stellen veranlasst wurde. Ohne irgend eine ersichtliche Konsequenz für die Beziehungen zur Ukraine.
Damals war übrigens auch der erste Reflex Russland eine False Flag Aktion zu unterstellen.
@fabiannehring @marlenborchardt In dem Fall finde ich die »Blöcke« tatsächlich passender als die »Klassen«. Bin aber persönlich dafür, auch nicht-marxistische Begriffe zu verwenden, wenn sie sich in der Öffentlichekeit beweisen, wie »Establishment« oder auch »Tech-Oligarchen«. Es soll ja auch Spaß machen 😊
@thomaszimmermann @marlenborchardt Ja, für eine konkret-historische Analyse der Kräfteverhältnisse ist Klasse zu grob. Mit Klassenfraktionen kommt man aber schon weiter. Es lohnt sich ja schon sich anzugucken, aus welche Kapitalfraktionen heraus die AfD z.B. unterstützt wird und welche Wirtschaftsverbände und Lobbygruppen an einer Normalisierung der AfD und damit einer Integration in den herrschenden Block an der Macht arbeiten .
Im neuen Jacobin Journal geht es um Sachsen-Anhalt. Aber zwischen den Zeilen stellt sich eine andere Frage, die ich ganz interessant finde – die nach dem »Establishment«.
Ich schreibe in meinem Artikel, dass »das Establishment das BSW nicht als eigenständige politische Kraft fürchtet, sondern als potenziellen Siegmund-Steigbügelhalter«. Und an späterer Stelle, dass »die Linke nicht selbst Teil des Establishments sein« bzw. werden dürfe.
@marlenborchardt spricht wiederum in ihrem Artikel von rechten »Attacken gegen ein Establishment, zu dem die AfD eigentlich selbst gehört«.
Also was denkt ihr: Wer gehört alles zum Establishment – und in welchem Sinne?
Im neuen Jacobin Journal geht es um Sachsen-Anhalt. Aber zwischen den Zeilen stellt sich eine andere Frage, die ich ganz interessant finde – die nach dem »Establishment«.
Ich schreibe in meinem Artikel, dass »das Establishment das BSW nicht als eigenständige politische Kraft fürchtet, sondern als potenziellen Siegmund-Steigbügelhalter«. Und an späterer Stelle, dass »die Linke nicht selbst Teil des Establishments sein« bzw. werden dürfe.
@marlenborchardt spricht wiederum in ihrem Artikel von rechten »Attacken gegen ein Establishment, zu dem die AfD eigentlich selbst gehört«.
Also was denkt ihr: Wer gehört alles zum Establishment – und in welchem Sinne?
@thomaszimmermann @marlenborchardt Establishment ist letztlich ein leerer Signifikant. Besser wäre es mit marxisitischen Begriffen zu operiere, also mit Klassen an und für sich, Klassenfraktionen an und für sich (eben politisch formiert oder nicht), hegemonialer Block (Gramsci) und Block an der Macht (Poulantzas).
Der Siegeszug der AfD in Sachsen-Anhalt war lange absehbar
@tillmanderbach stabiler Beitrag!
Der Siegeszug der AfD in Sachsen-Anhalt war lange absehbar
bin ich jetzt Bourgeoisie weil ich auf einem Bürostuhl sitze der nicht meinen Rücken zerstört?
@ErikUden 24/7 auf Plastikstühlen sitzen ist keine Voraussetzung für diese Klassenerfahrung. Sie kann auch nur punktuell sein.
@fabiannehring @Xenophanes gibt es nicht eine Korrekturfunktion? Man sollte jeden Beitrag bearbeiten können!
@ErikUden @Xenophanes srimmt, habs gefunden, Danke!
Was sagt man dazu?
@thomaszimmermann MV ist komplett lost.
Ich fand diese Frage sehr wichtig, da es wahrscheinlich darauf hinausläuft das Die Linke in Berlin eine starke, wenn nicht sogar die stärkste Kraft wird. Ich selbst halte nicht viel von Regierungsbeteiligungen, denke aber, dass zumindest rote Linien zu haben ein wichtiger erster Schritt ist. Was denkt ihr? Wo sollte Die Linke auf keinen Fall einen „Komprimiss” eingehen?
@ErikUden Viele deiner Vorschläge sind nicht Beschlusslage bzw. gegen über die Beschlusslage hinaus. D.h. die kann man hier gut funden und zur Wahl stellen, Sie sind aber ein von aussen an die Partei herangetragene Wunschvorstellung, die keine Entsprechung im Programm haben und daher auch nie die Chance haben werden die rote Linie zu sein.
@Xenophanes Als Marxist kann ich deine Trennung zwischen "Unternehmer" und "Anleger" nicht so ganz nachvollziehen. Beide beuten Lohnabhängige aus, indem sie sich die Arbeit anderer aneignen. Der Unterschied besteht nur darin, dass der eine sich die Mehrarbeit als Mehrwert als Unternehmergewinn einstreichen, der andere als Zins oder Dividende. Es ist ja keine moralische Frage, wie man zu Unternehmern oder Anlegern steht. Linke lehnen Unternehmer wie Anleger als Charaktermasken ab und nicht als Individuen, weil sie als mit "Willen und Bewusstsein begabtes Kapital", als "Charaktermasken" des Kapitals fungieren. Marx schrieb das im Vorwort zum Kapital auch selbst so. Die Kapitalist*innen sind "die Personifikation ökonomischer Kategorien [.] Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen", und er sagt dazu "Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt […] den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag." (MEW 23, S. 16)
Privat können das trotzdem super Menschen sein, die versuchen im Rahmen der falschen Verhältnisse richtig zu handeln oder eben auch richtige Schweine. Das bleibt individuell zu beurteilen. Erst da greift sinnvollerweise ein moralisches Urteil, nicht schon bei der Funktion im Kapitalismus.
@Xenophanes damn, es braucht hier ne Korrekturfunktion. Meinte natürlich Mehrwert und Mehrarbeit ertc.pp.