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Der Siegeszug der AfD in Sachsen-Anhalt war lange absehbar

Die Vermögensungleichheit war zu abstrakt, um daran Gerechtigkeitsfragen zu verhandeln. Der neue Staubsauger des syrischen Nachbarn dagegen greifbar. Erinnerungen an ein Praktikum bei einer Tafel in Sachsen-Anhalt.
Till Manderbach
Eine Frau in einer Plattenbau-Siedlung in Halle-Neustadt. Bild: IMAGO / epd

Januar 2018: Ich führe ein Gespräch mit der Rentnerin Regina in der Sitzecke in den Räumlichkeiten der Tafel, in einer Stadt in Sachsen-Anhalt. Eben hat sie sich ihre wöchentliche Tüte mit Lebensmitteln abgeholt. Hinter uns werden weiter im Eiltempo Rationen zusammengestellt und von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern über den Tresen gereicht.

»Wählst du die CDU oder wählst du die anderen… Wer bestimmt eigentlich in unserem Land? Es sind die Leute, die Geld haben. So sehe ich das. Das heißt, die Betriebe, die eben viel Geld haben, was weiß ich, VW, die können sich eben das leisten, so’n Skandal, mit dem Diesel und so weiter. Da lachen die drüber, ja? Und unsere Kleinen betrifft es eben mehr. Mir ist zum Beispiel mein Staubsauger kaputtgegangen. Ich habe drei Kostenvoranschläge schicken müssen, damit ich irgendwann das Geld kriege und meine Nachbarn aus Syrien bekommen gleich einen neuen. Warum? Warum macht man da so einen Unterschied? Die Leute wissen genau, wo sie hinzugehen haben und wo sie was kriegen, komischerweise, es spricht sich halt eben rum. Wie gesagt, ich habe nichts gegen Ausländer, aber zuerst kommt unsers, ja? Unsere Kinder hungern auch!«

»Die Welt des Reichtums wies keine Schnittmengen mit der Welt der Menschen auf, die die Tafel aufsuchten. Migrantinnen und Migranten dagegen begegnete man in der Schlange.«

Mich interessierte damals, in welcher Beziehung politische Orientierungen auf der Mikro-Ebene zu gesellschaftlichen Großtrends, allen voran der wachsenden sozialen Ungleichheit, stehen. Die Rust-Belt Debatte nach dem ersten Wahlsieg von Trump und Bücher wie Didier Eribons Rückkehr nach Reims oder Arlie Russell Hochschilds Fremd in ihrem Land regten mein Nachdenken an. Deswegen nutzte ich meine anstehende Qualifikationsarbeit dazu, eine Position zu den im Kontext des neuen Rechtspopulismus aufgekommenen Debatten zu finden. Insbesondere zur wiederkehrenden Frage, warum rassistische Deutungen der sozialen Krise für viele »Abgehängte« attraktiver waren als kapitalismuskritische Deutungen. Als empirischen Zugang wählte ich eine Tafel, bei der ich teilnehmend-beobachtend aushalf und Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern führte.

Regina ist eine Genossin. Sie mag den Gysi. Sie beschreibt, wie sie Ende der 1980er Jahre für eine politische Öffnung auf die Straße gegangen sind und wie danach alle Betriebe in der Gegend dicht gemacht haben. Ihr Mann hatte Arbeit, doch als er starb, rutschte sie in die Armut. Sie schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Im Detail unterschiedlich, aber in der Tendenz ähnlich sind die Lebensläufe der anderen Gesprächspartner in ihrem Alter. Die Menschen erfahren einen sozialen Abstieg, analog zu der Entwicklung des Stadtteils: Von respektierten beruflichen Tätigkeiten am Ende der DDR und über unsichere Beschäftigungen in der Nachwendezeit geraten sie in Arbeitslosigkeit, danach erhalten sie eine Armutsrente. Am Ende stehen der Gang zur Tafel, 1-Euro-Jobs, Bundesfreiwilligendienst für 50-Jährige und Hartz IV. 

»Wir, Hartz IV, das ist die Kluft«, sagt Tafel-Nutzer Bernd. »Wir sind eben Abschaum und werden auch von vielen so behandelt.« Die Erniedrigung wirkt nach. Sie erzeugt eine innere Spannung, die nach Entladung sucht und die Gelegenheit dazu bevorzugt im sozialen Nahbereich findet. Man kann versuchen, die Spannung mit Alkohol zu betäuben. Eine für mich wichtige Lektion war, dass die Beziehung zwischen der eigenen Armut und gleichzeitig vorhandenen großen Vermögen herzustellen dadurch erschwert wurde, dass die Welt des Reichtums keine Schnittmengen mit der Welt der Menschen aufwies, die die Tafel aufsuchten. Migrantinnen und Migranten dagegen begegnete man in der Schlange der Tafel. Sie waren die am einfachsten als Andere auszumachende Gruppe, die spontan für soziale Vergleiche herangezogen wurde. Rechte politische Deutungsangebote – etwa auf Facebook – knüpften an diese Alltagserfahrung an und politisierten sie. 

Ein erniedrigendes Ritual

Dort, wo sich um Almosen gestritten wird, zeigen sich die Menschen nicht von ihrer besten Seite. Das Setting der Tafel lindert lediglich eine Situation künstlicher Knappheit in einem Land, in dem Lebensmittelüberproduktion herrscht, die wiederum das System der Tafeln ermöglicht. Supermärkte können ein mildtätiges Werk durch die Abgabe ihrer Ausschussware tun. 

Für die Betroffenen kostet der Gang zur Tafel Überwindung. Draußen vor der Ausgabestelle stellten sich meine Gesprächspartner an, sichtbar für die ganze Nachbarschaft. Nachdem die Nutzerinnen sich an dieses erniedrigende Ritual gewöhnt hatten, entstand für sie daraus ein Anspruch und manchmal eine übersteigerte Verletzlichkeit, wenn dieser Anspruch auch Leuten gewährt wurde, die als weniger berechtigt wahrgenommen wurden. Einige meiner Gesprächspartner betonten ihren Status als »deutscher Steuerzahler«. 

Die neuen Nutzerinnen und Nutzer, »die Ausländer«, konnten einen solchen Status nicht vorweisen, glaubten sie. Doch auch die neu Hinzugekommenen durften sich ihre Tüte abholen. Manche der jüngeren Geflüchteten aus Syrien und Afghanistan, die wussten, dass sie von anderen Nutzern gehasst wurden, nutzten ihre Körperkraft, um sich in der Schlange vorzudrängeln. So wurde das zumindest von »den Deutschen« wahrgenommen. Mit Genugtuung wurde berichtet, wie diese Geflüchteten von den Mitarbeiterinnen zur Ordnung gerufen wurden.

»Regina war gegen die AfD. Dennoch stellte sich fast spontan ein neidvoll-missgünstiger Blick auf die Migranten in ihrer Umgebung ein. Selbst auf den syrischen Nachbarn, den sie gerne mochte (den mit dem Staubsauger).«

Regina war gegen die AfD. Dennoch stellte sich fast spontan ein neidvoll-missgünstiger Blick auf die Migranten in ihrer Umgebung ein. Selbst auf den syrischen Nachbarn, den sie gerne mochte (den mit dem Staubsauger). Andere wiederum seien »kaum da und schon fahren die ein dickes Auto«. Auf die Frage, ob sie der Aussage zustimme, dass es »gut ist, dass es die Tafeln gibt, dass es aber andererseits ein Skandal ist, dass es sie geben muss«, entgegnete sie: »Ich stimme dem voll zu, ich finde unser Staat hat für die Flüchtlinge [atmet aus] so viel Geld ausgegeben, wenn ich doch sehe, 60 Millionen, was man so hört.« Jahrelang wurde ihr und anderen Nutzerinnen und Nutzern der Tafel gesagt, es sei nichts da – und nun konnten für Neuankömmlinge scheinbar unbegrenzte Ressourcen mobilisiert werden. 

Regina war Antifaschistin und hatte positive Begegnungen mit Migrantinnen und Migranten gehabt. Sie war immun gegen das Angebot der AfD. Aber bei den meisten anderen Gesprächspartnern war das nicht der Fall. Für Berta zum Beispiel sprach die AfD aus, »was die Deutschen denken, was die Deutschen fühlen und was die Deutschen wollen [...], weil die die Wahrheit sagen und weil wir als Deutsche verarscht werden. Wir werden überrannt!« In den Stimmbezirken des Stadtteils erreichte die AfD schon damals über 30 Prozent. 

In den Jahren danach kam es infolge der Corona-Pandemie zu einer Rezession und infolge der Kriege gegen die Ukraine und den Iran zu Preissteigerungen, was nicht nur in Sachsen-Anhalt den Druck auf Menschen mit geringem Einkommen erhöhte. Acht Jahre später, am 6. September 2026, kann die AfD in denselben Stimmbezirken locker die absolute Mehrheit erreichen.

Kampf um vermeintlich begrenzte Ressourcen

Im Gegensatz zu Regina war der pensionierte Ingenieur Winfried, der mit einer Selbstständigkeit gescheitert war, voll für das politische Projekt der AfD eingenommen. Sein Hauptproblem war die »Zusammenrottung der Ausländer« im Stadtteil, gegen die man mit »Polizeistreifen und ständigen Kontrollen« vorgehen sollte. Er selbst ordnete sich in der politischen Mitte ein. 

Seine politischen Auslassungen beginnen ähnlich wie die Reginas, nehmen dann aber eine andere Richtung: »Wenn wir zur Wahl gegangen sind, ob wir jetzt SPD gewählt haben oder CDU, es hat sich doch im Grunde nichts verändert. Und ich war angenehm überrascht, als die AfD auf dem Wahlzettel stand, wie viele Leute sich auf einmal in Bewegung gesetzt haben, sonst waren die Wahllokale leer und auf einmal waren sie wieder voll. Und das fand ich gut. Dass man endlich eine Alternative hat!« Die »Angriffe« und »arroganten« Reaktionen der anderen Parteien bestärkten Winfried nur in seiner Haltung.

Andere Gesprächspartner standen irgendwo zwischen Regina und Winfried. Doch auch wenn sie ihre soziale Lage skandalisierten, erschien sie ihnen als Schicksal. Beispiele für politische Projekte, die daran etwas hätten ändern können, hatten sie nicht erlebt. Zwischen den Wohnungsblöcken entstanden vermehrt Lücken. Rückbau von Wohneinheiten wegen Wegzug. Unter den Fortgegangenen waren oft auch die eigenen Kinder. Die einzigen, die kamen, kamen nicht aus freien Stücken. Mittellose Geflüchtete, die das deutsche Migrationsregime hierher verfrachtet hatte. 

»Am Ausgabetresen der Tafel trafen die Auswirkungen der Hartz-Reformen aus den 2000er Jahren und der Migrationsbewegungen von 2015 aufeinander. Das Setting war quasi darauf angelegt, die Konkurrenz zwischen den Bedürftigen anzuheizen.«

Der Hauptwiderspruch war gesetzt als der zwischen innen und außen, nicht oben und unten. Hier war etwas in Bewegung. Hier gab es einen Kampf, an dem sie teilnehmen konnten, den Gegner täglich vor Augen. Hier gab es einen politischen Akteur, der diesen Widerspruch so wirksam adressierte, dass die Parteien der Mitte seine Forderungen schon umsetzten, bevor dieser überhaupt an der Macht war.

Am Ausgabetresen der Tafel trafen die Auswirkungen der Hartz-Reformen aus den 2000er Jahren und der Migrationsbewegungen von 2015 aufeinander. Das Setting war quasi darauf angelegt, die Konkurrenz zwischen den Bedürftigen anzuheizen. »Die kriegen mehr als wir«, beklagte man sich. Wirklich reiche Leute, wie die VW-Manager, die gerade den »Diesel-Skandal« verursacht hatten, gab es nicht im sozialen Nahbereich. Große Geldsummen, die zwischen Bankkonten hin- und hergeschoben werden, waren zu abstrakt, um daraus politische Standpunkte herzuleiten. Haushaltskonsumgüter, wie der neue Staubsauger des syrischen Nachbarn, waren dagegen konkrete Objekte, an denen sich Gerechtigkeitsfragen im Alltag verhandeln ließen. 

Vor dem Hintergrund der persönlichen Abstiegsbiografien und dem Niedergang des Stadtteils herrschte die Vorstellung vor, dass es niemals besser werden wird. Allerdings konnte die AfD zumindest dafür sorgen, dass »die Wahrheit« gesagt wird, und fordern, dass vermeintlich unberechtigte Fremde von der Verteilung der knappen Ressourcen ausgeschlossen werden. Diesen Anderen sollte es zumindest nicht besser gehen. Dass es ihnen in der Wahrnehmung der autochthonen Tafelnutzenden aktuell besser ging als ihnen selbst, war der Skandal, den es zu korrigieren galt. Als Ostdeutsche ist ihnen Unrecht geschehen, aber als Deutsche haben sie ihren Anspruch auf Gerechtigkeit geltend gemacht.

Linke haben es schwerer

Den Rechten kommt die einfache Aufgabe zu, das vorhandene Ressentiment, für dessen Gedeihen die neoliberale Politik der Mitte beste Bedingungen geschaffen hat, aufzugreifen und weiter anzuheizen. Linke Akteure müssten dagegen erst einmal langfristig im Alltag und im Social Media Feed der Menschen präsent sein. 

Erst dann haben solidarische politische Deutungen eine Chance, an das proto-ideologische Material aus dem Alltag der Menschen anzuknüpfen. Erst dann nehmen die Menschen ihren Alltag durch die Begriffe dieser Deutungen wahr. Bleibt nur die Frage: Wer übernimmt den Job? Es gibt ja schließlich Gründe dafür, dass viele Linke lieber überteuerte Mieten in Großstädten bezahlen als preisgünstig in einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt zu leben. Ich möchte mir hier nicht anmaßen, dieses Dilemma auflösen zu können, aber es könnte der Anfang einer Diskussion sein. 

Das politische Überleben der Linkspartei, auch in Sachsen-Anhalt, ist Anlass zur Hoffnung. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis die rechte Hegemonie in Arbeiterschaft und Prekariat, außerhalb der urbanen Zentren, gebrochen werden kann. Neu-Mitglieder kommen eher aus dem Akademikermilieu, wie bei den Grünen. Persönlichkeiten wie Regina gibt es altersbedingt in den Ost-Landesverbänden immer weniger. Sie hinterlassen eine Lücke. 

Die bei VW können sich aktuell »so’n Skandal, mit dem Diesel« nicht mehr leisten. Es könnte sein, dass Verwerfungen wie in den de-industrialisierten Städten Sachsen-Anhalts bald auch in Wolfsburg drohen. Was Regina mir 2018 zu Protokoll gab, behält Aktualität: »Sagen wir mal so, Karl Marx hat damals schon gesagt: Der Kapitalismus ist nicht gut. Und das bewährt sich immer wieder.«


Die Namen aller Gesprächspartner wurden geändert.

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