Ich kann die Populismus-Definition »einfache Antworten auf komplizierte Fragen« nicht mehr hören. Als würden elitistische Parteien nicht genauso einfache Antworten geben: »Wir können uns das nicht mehr leisten!«
Und genauso geht mir die Demokratie-Definition »miteinander reden« auf den Geist. Bekanntlich ist ja demos altgriechisch für »zusammen« und krateis heißt »sprechen«.
(Ja, ich habe Lanz geschaut.)
Chef vom Dienst bei Jacobin.
»Bauchlinker Normie« laut jacobin.de/quiz
@thomaszimmermann 100%, für Elitenkritik von links wäre es echt mal Zeit. Hab dazu mal einen kurzen Text geschrieben mit dem Titel, frei nach Lenin: "Jede Köchin kann regieren, aber momentan tun's nur Anwälte."
@janniskoester Ich fand die Gehaltsdeckel-Diskussion im Grunde nicht schlecht als Ansatzpunkt, um den strukturell elitären Charakter der Politik zu kritisieren. Man müsste sie nur zu der Forderung ausweiten, die Diäten aller Politiker aller Parteien zu senken.
Die missliche Lage von Friedrich Merz erinnert stark an die von Keir Starmer vor ein paar Monaten. Starmer war der unbeliebteste britische Premierminister der Geschichte, so wie Merz der unbeliebteste deutsche Bundeskanzler aller Zeiten ist. Starmers Labour Party unterlag bei Kommunalwahlen schmerzhaft der Rechtsaußen-Partei Reform UK, so wie die CDU unter Merz bei Landtagswahlen von der AfD vorgeführt wird.
Nach diesen Niederlagen wurde der blutleer wirkende Starmer durch den sich volksnah und zupackend gebenden Andy Burnham ersetzt und siehe da: Labour hat in Umfragen kräftig zugelegt und steht jetzt wieder über Reform. Offensichtlich hätte die Union das auch gern. Um die Parallele weiterzuziehen: Was die möglichen Kanzler-Anwärter der Union angeht, denkt man bei »volksnah und zupackend« wohl eher an Markus Söder als an Hendrik Wüst.
Ein Kanzler Söder könnte wie der Premier Burnham sein Social-Media-Geschick spielen lassen, mit ein paar populären Sofortmaßnahmen punkten und die Union wieder in Umfragen steigen lassen. Doch ebenso, wie unklar ist, ob der »Burnham-Bounce« überhaupt bis zur nächsten Wahl trägt, wäre auch ein »Söder-Schub« gewiss nur vorübergehend.
Denn Merz und Starmer scheiterten nicht deshalb, weil sie elitäre Technokraten sind – das beschleunigte und verschärfte lediglich ihr Scheitern. Der Politikbetrieb an sich ist in viel grundsätzlicherer Weise elitär und technokratisch, was sich mit oberflächlicher Popularisierung nicht beheben lässt, sondern strukturelle Demokratisierung erfordert.
ich hab diese woche den film "bruno - der junge kreisky" im kino gesehen und er war so schlecht, dass es mich wohl noch einige tage beschäftigen wird, haha.
dabei hatte er eigentlich alles, was ich an einem film liebe: biopic über eine person, mit der ich mich wahnsinnig viel ausinandergesetzt habe. 1920s, zwischenkriegszeit, sozialismus in österreich.
aber die dialoge waren so gottloser Slop. also da waren so szenen drin, wo er auf arbeitslose menschen schaut und dann sagt "die bekämpfung der arbeitslosigkeit wird mir immer am wichtigsten sein". what happened to "show dont tell"??
man lernt den menschen überhaupt nicht kennen, er bleibt total unnahbar. 1/5 und ich dachte vor ein paar tagen noch, schlechter als der bachmann-film kanns nicht werden.
@magdalena Schade! Dann schau ich ihn mir wohl doch nicht an. Hast du »Der junge Marx« gesehen? Da fand ich es auch schon super cringe, dass die Drehbuchschreiber Marx und Engels einfach Zeilen aus ihren Texten als Dialog in den Mund gelegt haben. Als wären das keine normalen Menschen gewesen.
grüne, wenn plötzlich taktisch gegen sie gewählt wird: x.com/GrueneMission/status/2...
@magdalena Beweisstück X, dass es vor allem Probleme macht, wenn »gegen die AfD« das A und O jedes Wahlkampfs ist.
Letzte Woche habe ich hier in meinem Kommentar argumentiert, dass Merz scheitern wird, weil er versucht, das deutsche Entwicklungsmodell mit den Mitteln von gestern wiederzubeleben. Mit Blick auf die widersprüchliche Koalition, die er hinter sich versammelt hat und in Anbetracht der anhaltenden Krise der deutschen Wirtschaft wird auch der Herbst der Reformen daran nichts ändern.
Die Katastrophe von Sonntag – würde ich sagen – unterstreicht die Schlüsse des Textes nochmals: Die bürgerlichen Parteien werden der AfD nichts entgegenbringen können, eher sie nicht anfangen, sich vom kapitalistischen Realismus abzuwenden und eine andere Zukunftsvision zu entwerfen.
Wo aber kann so eine Vision ansetzen? Und wieso sind selbst progressive Kräfte der Mär auf den Leim gegangen, die von Merz angestrebten Reformen seien notwendig?
@janniskoester Ich habe in meinem letzten Text auch davon gesprochen, dass die Parteien, die die AfD schlagen wollen, dazu besser mit Visionen statt mit Kompromissen aufwarten sollten. Bei der CDU finde ich es aber besonders schwer, zu sagen, wie so eine Vision aussehen sollte. Für mich stehen Konservative eben für den Status quo.
Sonst fällt mir nur der kurze Moment in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein, als sie es mal mit sozialistischen Positionen versucht hat. Aber ich fürchte, ich bin eher Teil einer Minderheit damit, dass ich am liebsten fünf/sechs sozialistische Parteien hätte, um mir die vernünftigste aussuchen und auch mal wechselwählen zu können.
Zu den Ermittlungen wegen Bestechlichkeit gegen den Berliner SPD-Spitzenkandidaten Steffen Krach kann ich nur sagen: Wer wirtschaftsnahe Manager-Typ-Sozialdemokraten will, kriegt wirtschaftsnahe Manager-Typ-Sozialdemokraten.
@Entelegenz @thomaszimmermann Das wird dann so ein rechter Prof. von der Uni in Magdeburg. 😂
@Schiebermatzen @Entelegenz Oder irgendein Unternehmer, so als hätte Team Freiheit die Wahl gewonnen.
Was sind denn die konkreten Kriterien für einen "überparteilichen" Kandidaten und wer würde konkret diese Rolle füllen können?
Als ob die AfD nach einem historischen Wahlergebnis diesem Vorschlag zustimmt und auf den Posten freiwillig verzichtet. Die haben den Laden dort fest in der Hand. Wenn es nicht nach deren Nase laufen wird, werden sie einfach auf Neuwahlen setzen und sich potenziell die restlichen 2-3 Sitze für die Absolute Mehrheit holen.
@Entelegenz Konkretes gibts dazu nach wie vor nichts. Und natürlich wäre es für Ulrich Siegmund irre, auf das Amt zu verzichten. Aber vielleicht ließe sich auch beides verbinden: Zumindest hat sich jetzt Dieter Dehm zu Wort gemeldet und vorgeschlagen, Siegmund könnte einfach seine AfD-Parteimitgliedschaft ruhen lassen, dann wäre er parteilos und das BSW könnte ihn wählen. Also ja, es geht noch verrückter. Dehm selbst ist ja auch parteilos, vielleicht käme auch er fürs Amt infrage 😂
@magdalena Innerhalb der vergangenen 4 Jahre hat die Lesekompetenz meiner Studierenden auch ziemlich nachgelassen. Mitunter bin ich sprachlos, wie selbst sehr alltagssprachliche Texte aus der Wissenssoziologie zunehmend schlecht durchdrungen werden. Vor allem aber die Geschwindigkeit dieser Entwicklung überrascht mich -- und mit der Zugänglichkeit von Chat-Bots wird das Halten von (Pro-)Seminaren zunehmend deprimierend...
@Manu @magdalena Darf ich fragen, wie diese Chat-Bot-Folgen konkret aussehen im Seminar? Können die Studis einfach nicht konzentriert lesen? Oder fehlt ihnen die Energie? Oder sehen sie das gleichgültig? Und gibt es nicht auch KI-Abstinente unter ihnen?
Ich komm nicht drauf klar: Nach der SPD gestern zeigen sich jetzt auch die Grünen offen für den BSW-Vorschlag eines »überparteilichen Ministerpräsidenten« für Sachsen-Anhalt. Ich war mir wirklich die längste Zeit nicht sicher, ob das BSW selbst das überhaupt ernst meint – es ist einfach so ein unpassend technokratisches Konzept für eine populistische Partei. Wenn das jetzt wirklich zum Tragen kommt, ist das der Plot Twist des Jahres.
"Ausgerechnet die demokratiefeindliche AfD schafft es, die resignierten Massen zur demokratischen Teilhabe zu animieren." - Welch Widerspruch. Vielleicht sollte die linke Bubble einsehen, dass Demokratie nicht bedeutet "Mehrheit für die richtigen Parteien", sondern Herrschaft der Mehrheit, wie auch immer sie dann im politischen System institutionalisiert ist. Evtl. klappt das Parteienverbot ja noch...
@Ibrahim_Orha Warten wir mal ab, was die AfD an der Macht macht, dann können wir besser beurteilen, ob sie Demokratie eher auf- oder abgebaut hat. Wenn sich Ulrich Siegmund als der neue Willy Brandt herausstellt, nehme ich alles zurück.
Wenn ich so die Reaktionen zur Wahl in Sachsen-Anhalt aus meinem alten Kiez Connewitz sehe, wird mir immer klarer, wie groß mit der geographischen auch die politische Distanz geworden ist.
Das ist jetzt vielleicht hart, aber man muss hier von identitärer Antifa sprechen, ganz nach Erich Fried:
»Ein Faschist, der nichts ist als ein Faschist, ist ein Faschist. Ein Antifaschist, der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist.«
Stay safe Leute, konkreter Selbstschutz wird wahrlich so nötig wie seit den 90ern nicht mehr. Aber Antifa als politisches Programm, wenn es denn je eins war, ist gescheitert.
@snips Starkes Zitat, hätten wir auch auf die aktuelle Ausgabe drucken können.
Sachsen-Anhalt offenbart den Bankrott der »Demokratieverteidigung«
Wie es aussieht, könnte es drei Linke-Direktmandate geben, in den Wahlkreisen Magdeburg II sowie Halle II und III.
Hot Take: Die Linke hat in Sachsen-Anhalt vor allem deswegen abgekackt (bis zu 4 % im Vergleich zu dem Umfragen verloren ), weil sie den Menschen mit der Ankündigung die CDU zu stützen letztlich versprochen hat, den beschissenen Status Quo zu verteidigen. Die Linksliberalen wählten lieber das Original, die Grünen . Die Strategie und Politik der in Sachsen-Anhalt domierenden Reformer*innen in der Linken ist es, die heute krachend gescheitert ist. Die Linke, auch in Berlin , muss jetzt daraus lernen und einen vom politischen Zentrum unabhängigen eigenen sozialistischen Kurs fahren.
@fabiannehring Die Wählerwanderung von der Linken könnte man auch so interpretieren, dass paar Zehntausend Leuten der Bruch mit dem Status quo wichtiger war als zusammen mit der CDU »die Demokratie« zu retten, und daher zu AfD und BSW gegangen sind. Zu den Grünen offenbar gar nicht soo viele.
Die AfD hat in allen Klassen gewonnen, aber am deutlichsten mal wieder unter Arbeitern.
@thomaszimmermann Ich denke 3 CDUler laufen noch über, da die in dieser Partei keine Zukunft für ihre Karriere sehen.
@Schiebermatzen Durchaus möglich. Oder es könnte die CDU-Fraktion direkt spalten. Ganz abgesehen davon, dass bei dem Ergebnis auch Sven Schulze ganz schnell weg vom Fenster sein könnte.
@lorenbalhorn @thomaszimmermann ja, zum taktischen Wählen wäre die Wählerwanderung mal interessant. Wurde bei mir im Umfeld auch stark propagiert.
@VvolffM @lorenbalhorn Die Wählerwanderung sieht so aus für die Grünen. Überraschenderweise scheinen sie mehr von der CDU geholt zu haben als aus dem linken Lager.
Wäre irgendwie schon verdient für alle Beteiligten, wenn ausgerechnet das BSW der AfD die absolute Mehrheit kostet.
@lorenbalhorn Einige Wähler, die zwischen AfD und BSW geschwankt haben und sich für die letztere Partei entschieden haben, werden sich jetzt sicher ärgern. Aber die Vibes zwischen Alice Weidel und Claudia Witting waren vorhin ganz gut im ARD-Studio, also mal sehen.