Wer in den vergangenen Wochen Bilder aus Frankreich verfolgt hat, kam nicht umhin, ein warmes Gefühl der Hoffnung zu verspüren. Da war etwa der Bürgermeister von Saint-Denis Bally Bagayoko, der sich schützend vor die Protestierenden stellte und dafür selbst Tränengas abbekam. Oder die Dutzenden Schülerinnen und Schüler, die sich begeistert um Jean-Luc Mélenchon scharrten, der sich zur Unterstützung in die Menge begab. In Frankreich schien etwas zu gelingen, das hierzulande selten vorkommt: Unterschiedliche Gruppen – von Lehrkräften, Schülerinnen und Gewerkschaftern bis hin zu Politikerinnen und Eltern – kämpften Seite an Seite für ein gemeinsames Ziel. Sie verbanden Kritik an den maroden französischen Schulen mit einer Kritik über die politische Richtung des Landes.
Diese Bilder haben rechte Kräfte in Deutschland wenig interessiert. Warum auch, widerständige Jugendliche, die massiver Polizeigewalt ausgesetzt sind, kann man schwer für die eigene politische Agenda instrumentalisieren. Aber seit es am Samstag zu größeren Zusammenstößen kam, dominiert eine Erzählung unter Konservativen: Die Ausschreitungen seien die Schuld des »politischen Islam« (Sebastian Kurz)/ »migrantischer Milieus« (Alexander Dobrindt)/ der »gescheiterten Integration« (FAZ)/ (beliebiges Buzzword einfügen) in einer unheiligen Allianz mit den »Linksextremen«, die gemeinsam den Westen »zerstören« möchten. Islamo-Gauchisme, wie er leibt und lebt.
Mit diesen rassistischen Zuschreibungen soll die soziale Realität der Proteste überdeckt werden. Denn mit der Wut auf Frankreichs Straßen werden die sozialen Fragen der Gegenwart verhandelt. Fragen der Bezahlbarkeit, der Verelendung, der Perspektivlosigkeit in vielen der Pariser Vororte, die nicht zuletzt durch den Ex-Banker Emmanuel Macron verstärkt wurden.
Gleichzeitig sind die Demonstrationen urfranzösisch und das nicht nur wegen des Sturmes auf die Bastille. Nicht umsonst gibt es unter den Protestierenden viele Bezugnahmen auf 1968, wo sich Studierendenproteste binnen weniger Wochen zu einem Generalstreik entwickelten. Damals ging Präsident Charles de Gaulle sogar einen Tag lang ins Exil nach Baden-Baden – wenig später errangen die Gaullisten trotzdem einen großen Erfolg bei den Parlamentswahlen. Ob es heute gelingt, die Wut in einen politischen Prozess zu kanalisieren, der die französische Gesellschaft transformieren kann, ist noch offen. Diese Wut auf Migration zu reduzieren, ist allerdings eine glatte Lüge.
@magdalena Ich empfehle diesen meines Erachtens sehr sehr guten Textes eines französischen Genossen. Leider auf Französisch aber ich denke mit KI lässt er sich relativ einfach übersetzen. nosrevolutions.fr/2026/10/21...
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