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Wie das Rote Wien die Wohnungsfrage beantwortete

Im Jahr 1919 eroberten Sozialisten das Wiener Rathaus und gingen neue Wege, um die dramatische Wohnungsnot in der Stadt zu beheben. Das Rote Wien kann auch heute noch als Inspiration für linke Stadtpolitik dienen.
Johan Hartle
Der Lassalle-Hof im 2. Bezirk. Bild: IMAGO / piemags

Das Rote Wien ist ein singulärer Augenblick in der Geschichte des Sozialismus. Er ist der politischen Sondersituation der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in der österreichischen Hauptstadt geschuldet, die nach dem Fall des Kaiserreichs bis zur Machtergreifung der Austrofaschisten im Jahre 1934 mit absoluter Mehrheit zu regieren vermochte. Nachdem die Sozialdemokraten nach Ende der Donaumonarchie zunächst kurz in großer Koalition mit den Christlichsozialen an der Macht standen (1918–1920), blieben sie in der Folge auf Bundesebene in der Opposition. 

Die historische Situation der Ersten Republik ist eine Pattsituation, in der sich sozialistische Politik parlamentarisch nicht so richtig zu etablieren vermag und trotzdem Regierungsverantwortung erhält: Obgleich die SDAP aus den Parlamentswahlen am 16. Februar 1919 als stimmenstärkste Partei hervorgegangen war, war sie in der Ersten Österreichischen Republik in ihrem sozialistischen Gestaltungsvermögen durch die Koalition mit den Christlichsozialen immer wieder neutralisiert. 

Sie konnte zwar, im Rahmen der begrenzten parlamentarischen Möglichkeiten, durchaus eine Reihe von relevanten Reformen durchsetzen (so etwa den Achtstundentag oder das Betriebsrätegesetz). Alle Bemühungen um weiterreichende Sozialisierungsmaßnahmen (etwa der Kohle- und Elektrizitätswirtschaft oder der Montanindustrie) mussten aber an den Mehrheitsverhältnissen scheitern. Die sozialistische Programmatik einer grundsätzlichen Transformation der Gesellschaftsordnung wich im parlamentarischen Alltag einem der Einsicht in die Kräfteverhältnisse geschuldeten realpolitischen Pragmatismus.

»Der Historiker Anson Rabinbach hat errechnet, dass die österreichische sozialdemokratische Partei in der Zwischenkriegszeit (relativ zur Einwohnerzahl) die größte der Welt war – sowohl hinsichtlich der Wahlergebnisse als auch hinsichtlich der Mitgliederzahlen.«

Zugleich rieb sich dieser Pragmatismus an der organisierten Arbeiterschaft, radikalisiert durch die revolutionären Ereignisse des Jahres 1918. Die Zeichen der Zeit standen in Österreich, zumindest in der Wahrnehmung vieler, durchaus auf Sozialismus, was angesichts des hohen Organisationsgrades der österreichischen Arbeiterinnen und Arbeiter (zu Hochzeiten hatte die SDAP rund 700.000 Mitglieder) kein bloßes Hirngespinst war. Der Historiker Anson Rabinbach hat errechnet, dass die österreichische sozialdemokratische Partei in der Zwischenkriegszeit (relativ zur Einwohnerzahl) die größte der Welt war – sowohl hinsichtlich der Wahlergebnisse als auch hinsichtlich der Mitgliederzahlen.

Die SDAP stand unter Legitimationsdruck, der durch eine doppelte Wendung kanalisiert werden sollte. Nach der Niederlage gegen die Christlichsozialen bei den Nationalratswahlen im Jahre 1920 folgte der Ausstieg der Sozialdemokratie aus der Regierungskoalition. Diese Entwicklung erwies sich als eine glückliche Fügung und gelungene Strategie zugleich: Sie erlaubte der SDAP, die Position der Schwäche im Nationalrat abzulegen und sich damit auf die Kommunalpolitik im Roten Wien zu konzentrieren. Der marxistische Architekturhistoriker Manfredo Tafuri stellte fest: »Das Abrücken von Reformvorhaben, die entschieden in die Produktionsverhältnisse eingreifen, wird kompensiert durch großangelegte öffentliche Projekte und die Reorganisation der kommunalen Verwaltung.«

Dass Wien seit November 1920 zudem als eigenes Bundesland zählte und mit erweiterten Befugnissen (etwa in der Steuergesetzgebung) ausgestattet wurde, kam dieser taktischen Wende entgegen: Im Roten Wien konnte, zumindest innerhalb der engen Grenzen, die die bundespolitische Mehrheit der schwarzen Regierung festlegte, eine eigenständige sozialistische Politik gemacht werden. Wien wurde das eigentliche Kampffeld, auf dem, angesichts des Unvermögens, die eigene Programmatik landesweit zu realisieren, die utopischen Bestrebungen aufs Lokale konzentriert wurden. Das war die Geburtsstunde der roten Insel.

Die Arbeiter von Wien

Die Fokussierung auf die Bundeshauptstadt entsprach dem Organisationsgrad der Wiener Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Wiener Arbeiterbewegung war stark, sichtbar und in herausragend hohem Maße in Organisationen verbündet. 1920 waren 458.653 Wienerinnen und Wiener Mitglieder der sozialistischen Gewerkschaften, womit sie 50 Prozent der Mitglieder von ganz Österreich stellten. Die Wiener SDAP, die 1921 nur 188.379 aktive Parteibücher zählte, stellte damit 38 Prozent aller Mitglieder überhaupt. Dieser Organisationsgrad konnte durch die in vielen Hinsichten erfolgreiche und populäre Kommunalpolitik noch gesteigert werden. Die SDAP hatte 1931–32 allein in Wien rund 425.000 Mitglieder, ihre verschiedenen Kulturvereine rund 400.000 Mitglieder. Die Gewerkschaften konnten in Wien 375.000 Mitglieder zählen und selbst die Mieterschutzorganisationen wurden von 150.000 Mitgliedern getragen. 

»Die Wiener Sozialdemokratie konstituierte einen politischen Raum, in dem die Arbeiterbewegung auf eine im Kontext kapitalistischer Gesellschaften singuläre Weise repräsentiert war und in dem elementare Grundbedürfnisse durch starke politische Eingriffe in ebenso singulärer Weise adressiert werden konnten.«

Die kulturellen Bemühungen der österreichischen Sozialdemokratie haben zu einer Politisierung der Kultur beigetragen, die, wie der Historiker Helmut Gruber argumentiert hat, historisch einzigartig war. Programmatisch ist Arbeiterbildung, selbst wenn sie sich mit allgemeinen Fragen der Lebensführung oder elementaren Kulturtechniken beschäftigt, immer auch politische Bildung, politische Ermächtigung. Die politische Funktion der Arbeiterbildung war klar formuliert. Der Begründer der SDAP, Victor Adler, hatte sie, in einer Rede aus dem Jahre 1902 humorvoll, in Kritik eines philisterhaften Bildungsverständnisses folgendermaßen charakterisiert:

»Bildung ist ein Wort und hat genau so viel Inhalt, wie der zu denken imstande ist, der dieses Wort ausspricht. Das, was man gewöhnlich darunter versteht, das, was die bürgerliche Gesellschaft als Bildung anerkennt, das ist vor allem die Fähigkeit, orthographisch zu schreiben, orthographisch zu reden, orthographisch zu essen und orthographisch sich anzuziehen. [...] Wir verlangen von Euch keinerlei Art von Orthographie, wir verlangen von Euch nichts als Selbsterkenntnis. Darüber nachzudenken, wie Sie geworden sind und was aus Ihnen werden soll, das nenne ich Bildung. Und auf eine noch höhere Stufe der Bildung gelangen Sie, wenn einmal die Erkenntnis den Willen geweckt hat, wenn aus dem Bewusstsein, Produkte der Gesellschaft zu sein, das bewusste Streben erwächst, ihre Herren, ihre Formen und Lenker zu sein.«

Die Wucht der Bildungsbemühungen lässt sich in Zahlen abbilden: Im Jahre 1930 veröffentlichten die SDAP, die Gewerkschaften und die Genossenschaften 127 verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (darunter sieben Tageszeitungen, 68 thematische Zeitschriften – etwa für Frauen, Mieter, Antialkoholiker – und 52 Wochenzeitungen der verschiedenen Gewerkschaften), die in einer Gesamtauflage von 3.161.000 erschienen). 

Wohnelend und Aufbruch

Die historische Faktenlage ist gut bekannt und die politische Großleistung des Roten Wien unbestritten. Die Wiener Sozialdemokratie konstituierte einen politischen Raum, in dem die Arbeiterbewegung auf eine im Kontext kapitalistischer Gesellschaften singuläre Weise repräsentiert war und in dem elementare Grundbedürfnisse – Gesundheit, Bildung und eben vor allem auch Wohnen – durch starke politische Eingriffe in ebenso singulärer Weise adressiert werden konnten. 

Im Wien des 19. Jahrhunderts war die Wohnsituation deutlich dramatischer als in vielen anderen europäischen Metropolen dieser Zeit. Das lag zum einen – und vor allem – an einem massiven Bevölkerungswachstum (rund 40 Prozent allein zwischen 1830 und 1850), zum anderen aber auch an fehlenden Bautätigkeiten und sozialpolitischen Maßnahmen, die den prekären Wohnsituationen erfolgreich hätten begegnen können.

Eklatant war die Überbelegung der proletarischen Kleinstwohnungen. Im Jahre 1910 hatten 22 Prozent der Einraumwohnungen in Wien sogenannte Bettgänger, also Untermieter. Die Überbelegung der einzelnen Wohnungen, die sich bis an die äußeren Ränder der Stadt erstreckten, war häufig so hoch, dass die Quadratmeterpreise der kleinen Wohnungen jene der Luxuswohnungen auf der Ringstraße noch überstiegen. Während des Weltkrieges kam die Bautätigkeit in Wien fast vollständig zum Erliegen. So war der Anteil der Leerstände am Gesamtvolumen des Wohnraums in Wien im Jahre 1919 auf knappe 0,96 Prozent bemessen.

Hinzu kam die schlechte Ausstattung der Wohnungen, die in den allermeisten Fällen keine eigene Wasserversorgung und kein eigenes WC hatten (nur einen Wasserhahn und ein WC auf der Etage). Typisch für proletarisches Wohnen waren sogenannte Bassenahäuser (Bassena ist der Name für die allgemein zugängliche Wasserstelle im Hausflur), Kleinstwohnungen mit Küche und einem Wohnraum (manchmal noch einer ergänzenden Kammer), mit geteilten Toiletten und ohne eigenen Wasseranschluss. Noch im Jahre 1919, also unmittelbar vor der gezielten Bautätigkeit des Roten Wien, hatten »92 Prozent der Kleinwohnungen in Wien kein WC und 95 Prozent keinen Wasseranschluss in der Wohnung«, wie der Architekturhistoriker Gert Kähler feststellt.

»Die vom sozialdemokratischen Finanzstadtrat Hugo Breitner realisierten Luxussteuern waren symbolisch in höchstem Maße wirksam. Sie sahen die Besteuerung großbürgerlichen Lebensstils vom Reitpferd bis zum Hauspersonal vor.«

Angesichts dieses allgemeinen Wohnelends war das bürgerliche Repräsentationsbedürfnis, das sich in der Ringstraße manifestierte, eine regelrechte Provokation. Auf sie wurde zunächst nur sehr bescheiden geantwortet: in Form zweier Höfe, die kurz vor der Jahrhundertwende realisiert wurden, dem Lobmeyerhof und dem Stiftungshof (beide 1896), die Kleinwohnungen (von etwa 28 Quadratmetern) enthielten, die mit Wasser und WC ausgestattet waren. Solche Wohnungen enthielten Vorgriffe auf die spätere Wohnungspolitik der Sozialdemokratie, aber vor allem deswegen, weil sie bereits Gemeinschaftseinrichtungen (eine Volksbibliothek, Badeanlage, Dampfwäscherei und medizinische Versorgung) enthielten.

Später konnte sich die Wiener Sozialdemokratie politisch gerade dadurch profilieren, dass sie sich gegenüber den »Hausherren-Parteien« der Christlich-Sozialen und Liberalen, die an einer vermeintlich durch den Markt regulierten Wohnungspolitik festhielten, als eine »Mieter-Partei« darstellte, die bald Wohnungsspekulation unrentabel werden ließ und einen massiven kommunalen Wohnungsbau vorantrieb.

Strategien sozialen Wohnbaus

Die politischen Strategien zur Begrenzung von Mietwachstum und zur Finanzierung umfassender Bauvorhaben waren in Wien in der Tat in sehr viel konsequentere Programme allgemeiner Umverteilung eingebettet als in anderen sozialdemokratisch regierten Städten dieser Zeit. Kähler hebt hervor, dass es – im Vergleich mit Frankfurt und Hamburg in den zwanziger Jahren – allein Wien gelungen war, »die Mietwohnung aus dem Marktgefüge zu lösen und sie auf diese Weise für die wenig verdienenden Familien verfügbar zu machen.« 

Ideologisch war das Bauprogramm durch einen klassenkämpferischen Diskurs gut vorbereitet. Otto Bauer formuliert bereits 1919 in Der Weg zum Sozialismus: »Ist das Bauland, sind die Mietshäuser in das Eigentum der Gemeinden übergegangen, dann gibt es keine Obdachlosigkeit mehr; denn jedermann hat dann klagbaren Anspruch auf Zuweisung einer angemessenen Wohnung. [...] Es gibt keine Willkürherrschaft des Hausherren, Hausinspektors oder Hausmeisters mehr: an ihre Stelle tritt ja der von den Mietern selbst gewählte Mieterausschuss. Und es gibt schließlich auch keine freudlosen, unbehaglichen Einzelhaushalte mehr: die kleine Wohnung der einzelnen Familie findet ihre Ergänzung in den gemeinsamen Räumen und gemeinsamen Einrichtungen, die die demokratische Gemeinschaft der Mieter für alle schafft.« 

Die Wiener Gemeinde begann ihre Wohnungspolitik bereits 1918 mit Notdekreten, die es ihr ermöglichten, direkt in das Vertragsverhältnis von Mietern und Vermietern zu intervenieren. 1921 folgte das Wohnungsanforderungsgesetz, mit dem sie den Zugriff auf Leerstände erhielt und insgesamt Kontrolle über den Wohnungsmarkt gewann. Auf diese Weise (und mit Hilfe eines Punktesystems) konnten bis Ende 1923 30.000 Wohnungen an Mieterinnen und Mieter vermittelt werden. Auf diese Weise war der Zugang zu Wohnungen sozial reguliert. Das Punktesystem berücksichtigte Aspekte wie die »Unbewohnbarkeit oder Gesundheitsschädlichkeit der gegenwärtigen Wohnung« und nahm Rücksicht auf »getrennte Haushalt[e] von Ehegatten, Kündigung, Raummangel, Entfernung vom Arbeitsort, an prominenter Stelle auch [behördliche] Zuständigkeit nach Wien oder Verheiratung«, wie der Historiker Wolfgang Maderthaner zusammenfasst.

»Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Gemeindebauten in sämtlichen Gemeindebezirken etabliert wurden, trägt bis heute dazu bei, dass Dynamiken der Ghettoisierung in keinem einzigen Wiener Bezirk vollständig zur Realität geworden sind.«

Mit dem neuen Status als eigenes Bundesland, der am 29. Dezember 1921 ratifiziert wurde, konnte Wien fortan auf Länderebene unabhängig von Niederösterreich agieren. Dadurch ermöglichte sich 1923 eine eigene Steuerpolitik, die zum entscheidenden Instrument des mächtigen Wiener Wohnungsbauprojekts werden sollte und vielleicht das politische Herzstück des Roten Wien war. Insgesamt wurden bis 1934 rund 63.000 Wohnungen neu errichtet und immerhin sieben Superblocks mit mehr als 1000 Wohnungen realisiert, die heute noch ikonische Wirkung haben. 

Die vom sozialdemokratischen Finanzstadtrat Hugo Breitner realisierten Luxussteuern waren symbolisch in höchstem Maße wirksam. Sie sahen die Besteuerung großbürgerlichen Lebensstils vom Reitpferd bis zum Hauspersonal vor. Ob sie es allerdings auch vermochten, frontal gegen die dominanten Kapitalfraktionen der Zeit vorzugehen, ist kritisch hinterfragt worden. Hans und Rudolf Hautmann haben beispielsweise hervorgehoben, dass Breitners Steuern eben nicht gegen das Finanz- und Bankkapital gerichtet waren. 

Allerdings führte Breitner als Teil seiner umfassenden Steuermaßnahmen eine wirksame progressive Wohnbausteuer ein, die diejenigen, die bereits eine Wohnung besaßen, und diejenigen, die über besonders großen Wohnraum verfügten, stark progressiv besteuerte, um den Bau fehlenden Wohnraums zu ermöglichen. »Auf diese Weise trugen die 498.121 billigsten Wohnungen und Geschäfte, die 86 Prozent aller relevanten Objekte ausmachten, 23,5 Prozent des Gesamtaufkommens, die 3258 teuersten aber 42,6 Prozent«, wie der Kunsthistoriker Markus Eisen vorrechnet. 

Die Einnahmen waren ausdrücklich nur für den Wohnungsbau bestimmt und verhinderten eine Abhängigkeit der öffentlich gesicherten Wohnungsbaufinanzierung vom Finanzkapital, da keine Bankzinsen und keine Privatkredite notwendig wurden. »Die Profite der Bodenspekulanten, die Zinsgewinne der Banken – alles, was heutigentags die Wohnkosten zu einem Hauptfaktor der Teuerung macht«, so rekapituliert die Kommunistin und Architektin Margarete Schütte-Lihotzky in ihren Memoiren, »waren durch Mieterschutz und Wohnbausteuer ausgeschaltet.«

In der Sowjetunion war der entscheidende Schritt zur Revolutionierung der Wohnungsfrage die Verstaatlichung des städtischen Grund und Bodens. Im Roten Wien wurde dieser Schritt geschickt durch steuer- und wohnungspolitische Maßnahmen möglich gemacht: Da durch die neuen Gesetze im Wohnungsbau und im Mieterschutz der privatwirtschaftliche Wert des Bodens massiv gesunken war, konnte die Gemeinde im Laufe der Jahre zunehmend Bauland erwerben. 1926 waren es 25 Prozent der Gesamtfläche der Gemeinde, die in Besitz der Stadt waren. »[A]uf der Grundlage [des] besonderen Finanzierungssystems kam man in Wien zu den niedrigsten Mieten in Europa, so dass die Verteilung der Wohnungen nach ausschließlich sozialen Gesichtspunkten erfolgen konnte«, so Kähler.

»Die markanten Höfe sind bis heute sichtbar und behalten eine eindringliche Symbolik, die es nicht zulässt, die historischen Leistungen der Arbeiterbewegung zu leugnen.«

Damit war der entscheidenden Dynamik einer spekulativen Wohnbaupolitik Einhalt geboten. Denn wenn Baugrund frei handelbar ist, dann sind Preisentwicklungen nach oben unbegrenzt. Das bedeutet vor allem, dass bestimmte Stadtgebiete exponentiell teurer werden, so dass sich preisgünstiger Wohnraum dort nicht mehr realisieren lässt und soziale Segregation die notwendige Folge ist. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Gemeindebauten in sämtlichen Gemeindebezirken etabliert wurden, trägt bis heute dazu bei, dass die städtebauliche Ideologie der Entmischung, der vollständigen Gentrifizierung und Homogenisierung der Stadtviertel sowie die Dynamiken der Ghettoisierung in keinem einzigen Wiener Bezirk vollständig zur Realität geworden sind.

Quantitativ blieb die Bauleistung des Roten Wien im Vergleich mit den Wohnungsbauprojekten anderer Orte und Zeiten, wie unter anderem Gert Kähler oder der Stadtsoziologe Peter Marcuse betont haben, durchaus im Rahmen. Dennoch markiert der wohnungspolitische Aufbruch des Roten Wien eine folgenreiche Wende: Die markanten Höfe sind bis heute sichtbar und behalten eine eindringliche Symbolik, die es nicht zulässt, die historischen Leistungen der Arbeiterbewegung zu leugnen. Heute profitieren zwei Drittel der Wienerinnen und Wiener von geförderten Mietverhältnissen. Das führt noch ein Jahrhundert später dazu, dass die Wucht der Eigentumsverhältnisse, die sich mit jeder Mietzahlung manifestiert, spürbar abgefedert werden konnte. 


Dieser Artikel ist ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus Johan Frederik Hartles Buch Die Sichtbarkeit des Proletariats. Architektur und Ideologie im Roten Wien, das soeben im Mandelbaum Verlag erschienen ist.

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