Linke Influencer werden keine Revolution anführen
In der Jugendwahlstudie 2025 des Instituts für Generationenforschung gaben knapp 72 Prozent der Befragten an, dass Social Media »sehr wichtig« für die politische Erstansprache sei. Der Erstkontakt mit linker Politik findet für viele junge Menschen nicht mehr durch Dorf-Antifas statt, sondern auf sozialen Medien. Auch die neue Sozialdemokratie der 2020er hat diese »neuen Medien« für sich entdeckt. Von New York bis Berlin wird versucht, sich in die Parlamente zu posten.
Egal ob Zohran Mamdanis Bürgermeisterkampagne oder der Wahlkampf von Ines Schwerdtner um das Mandat in Berlin-Lichtenberg – Abgeordnete sprechen beim Gehen in die Kamera und versuchen, Tiktok-Trends mit ihren Inhalten zu verknüpfen. Selbst Menschen, die der Linkspartei nicht gewogen sind, hatten Heidi Reichinneks Bundestagsrede während des Wahlkampfes zur Bundestagswahl 2025 in ihrem Feed. Und auch abseits von Parteipolitik gibt es mittlerweile für jede politische Ausrichtung den passenden Content zu konsumieren.
Sozialistische bis linksliberale Influencer wie Marcant, Fabian Lehr, Wolfgang M. Schmidt oder Lena Gumo versuchen ein Publikum auf Instagram, Twitch oder Youtube von ihren politischen Ideen zu begeistern. Aber wie erfolgreich kann das sein in einem Ökosystem, in dem profitorientierte Megakonzerne Hausrecht haben und alles ihrer Profitmaximierung dient?
Soziale Medien sind keine Medien
Die digitalen Orte, an denen linke Influencerinnen und Influencer ihre Inhalte veröffentlichen, sind keine Medien im eigentlichen Sinne. Sie sind keine bloße Produktions- oder Verbreitungstechnik wie Zeitungen, Magazine, Radio, Fernsehen oder Film, sondern jedes soziale Medium ist ein nach außen abgeschnittenes System, das allein von den Konzernen bestimmt wird, die es betreiben. Zwar gibt es Ausnahmen wie das sogenannte Fediverse, das aus mehreren miteinander vernetzten Plattformen besteht, allerdings kann es mit knapp 12 Millionen Nutzenden, davon rund 1 Million monatlich aktiv, kaum mit Diensten wie Instagram (3 Milliarden monatlich aktive Nutzende) oder Tiktok (laut eigenen Angaben 169 Millionen monatlich aktive Nutzende allein in der EU) mithalten.
Klassische Medien wie Fernsehen, Film und Radio hatten durch kostspielige Technik und die Vergabe von Funkfrequenzen immer hohe Eintrittshürden, aber es war nie unmöglich, diese Hürden zu umgehen, wie die lange Geschichte von Piratensendern oder die Situationistische Internationale beweisen, deren Ziel es war, ab den 1960er Jahren eine neue Kultur der arbeitenden Klasse zu bilden. Zwar sind auch in Radio, Fernsehen und Film die Formen der Inhalte technisch eingeschränkt, jedoch sind sie theoretisch innerhalb dieser technischen Limitationen frei in der Form, die sie annehmen können. Ein Film kann 10 Minuten oder 5 Stunden Laufzeit haben, auf Film oder als digitale Kopie entstanden sein, verschiedene Filmformate nutzen und so weiter. Die Wahl des Filmformats liegt theoretisch allein bei der Regie.
»Klassische Medien wie Fernsehen, Film und Radio hatten durch kostspielige Technik und die Vergabe von Funkfrequenzen immer hohe Eintrittshürden, aber es war nie unmöglich, diese Hürden zu umgehen.«
Studios und Herausgeber beeinflussen diese Entscheidungen natürlich direkt oder indirekt. Aber sobald ein Film entstanden ist, kann er vervielfältigt werden und (mit entsprechender Technik) gezeigt werden. Gleiches gilt für Radio und Fernsehen. Wer allerdings auf Tiktok ein Video über 10 beziehungsweise 60 Minuten Länge posten möchte, versucht dies vergebens. Die Regeln für die Form sind strikt von den Besitzerinnen und Besitzern der Plattformen vorgegeben.
Aber nicht nur kreative Gestaltungsfreiheit ist auf sozialen Medien nur in einem sehr engen Rahmen möglich. So merkten etwa bereits kurz nach Beginn des Genozids an der palästinensischen Bevölkerung im Oktober 2023 tausende Nutzerinnen und Nutzer von Instagram, dass ihre Accounts an Reichweite verloren hatten. Bei einem solchen »Shadowban« werden weder einzelne Posts noch der gesamte Account gelöscht, sondern »lediglich« die Reichweite eingeschränkt. Sie werden meist einfach nicht mehr im Feed angezeigt oder tauchen nicht mehr in Suchen auf. Inhalte verschwinden in den Schatten der jeweiligen Plattform, nur noch auffindbar für die, die wissen, dass sie überhaupt existieren und wo sie zu finden sind.
In einigen Fällen verschwinden Inhalte allerdings nicht nur in den Schatten, sondern komplett von der Plattform. Das war beispielsweise beim palästinensischen Journalisten Tamer Almisshal der Fall, dessen Facebook-Profil nach seiner Berichterstattung über die Zensur palästinensischer Inhalte gelöscht wurde. In Deutschland wurde im Mai letzten Jahres das Instagram-Konto des Podcasts Kommunisten-Kneipe ohne Angabe von Gründen einfach gelöscht. Eine weitere, wesentlich weniger invasive Methode, (politische) Inhalte einzuschränken, ist es, ihnen die Anteile an Werbemaßnahmen zu streichen. Plattformen haben es also komplett selbst in der Hand, welchen Content sie zeigen und welchen nicht.
Wie Plattformkapitalismus funktioniert
Die sogenannten sozialen Medien sind also weder form- noch wertneutrale Träger von Inhalten, sondern Werbeplattformen, wie der Philosoph Nick Srnicek in seinem Buch Platform Capitalism argumentiert. Wie bei allen anderen Arten von Plattformen, die er in seinem Buch beschreibt, ist das Hauptaugenmerk von sozialen Medien nicht etwa, wie die Marketingabteilungen es uns weismachen wollen, Menschen miteinander zu verbinden und Kreativität zu fördern. Vielmehr geht es ihnen darum, Daten zu extrahieren und an andere Kapitalfraktionen zu verkaufen.
Alles, was auf ihnen passiert, ob der Akt des Postens oder die heilige Dreifaltigkeit des Likens, Teilens und Kommentierens, sowie der Rahmen für diese Aktivitäten, wird von den Plattformeigentümern bestimmt. Laut Srnicek sind sie eine neue Art von Unternehmen, die nicht ein reales Produkt anbieten, sondern einen Rahmen, der verschiedene Gruppen verbindet, dabei Daten extrahiert und an Werbetreibende weiterverkauft.
»Plattformen haben es komplett selbst in der Hand, welchen Content sie zeigen und welchen nicht.«
Dieser Fokus auf Datenextraktion erklärt auch, weshalb die Entmonetarisierung und, dem nachgelagert, Shadowbans zur bevorzugten Disziplinierungsmethode der Plattformen geworden sind. Es ist eigentlich recht simpel: Vollständig gebannte Accounts können keine Daten mehr extrahieren. Insbesondere große Konten mit vielen Abonnentinnen und Abonnenten, die regelmäßig die Inhalte aufrufen, sind wertvolles Kapital für die Plattformen, auch wenn es ihrem Ansehen eventuell schadet. Deshalb zögern die großen Plattformen, auch rechts bis rechtsextreme Accounts zu entfernen. Sie generieren einfach zu viele Daten.
Influencern – egal aus welcher politischen Richtung – kommt in diesem System damit eine spezifische Rolle zu: Sie sollen Nutzerinnen und Nutzer möglichst lang auf einer Plattform halten, um so viele Daten wie möglich von ihnen zu extrahieren. Sie fügen sich in einen endlosen Feed an Content und knalligen Animationen ein. Dafür werden sie über spezielle »Creatorprogramme« meist an Werbeeinnahmen beteiligt.
Das geschieht beispielsweise auf Youtube im Idealfall direkt in Relation zu den tatsächlichen Werbeeinnahmen. Pro Dollar an Werbeeinnahmen bekommen die Erstellerinnen und Ersteller 55 Cent und die Plattform 45 Cent. Bei Kurzvideos ist dieses Verhältnis umgedreht. Zusätzlich gibt es noch sogenannte Superchats, also Nachrichten im Chat während Livestreams, die besonders hervorgehoben werden, dafür aber etwas kosten. Hier ist das Verhältnis 70 zu 30.
Ein ähnliches Produkt gibt es auch auf den Plattformen Instagram und Tiktok. Beim Abomodell auf Youtube bekommen die Kanalinhaberinnen und -inhaber einen Anteil an den von Premium-Abonnenten geschauten Minuten. Auf Instagram sind nur Reels monetarisierbar, auch wenn die Plattform nicht offen kommuniziert, in welchem Verhältnis diese Monetarisierung stattfindet. Tiktok hat mit seinem »Creator Fund« ein recht intransparentes System, das je nachdem, wo und wie oft ein Video angezeigt wurde und wie es vom Algorithmus gewichtet wird, 2 bis 4 Cent pro 1.000 Aufrufe an seine Nutzerinnen zahlt. Daneben gibt es noch »TikTok Pulse«, mit dem, sobald ein Video in den Top 4 Prozent aller Videos auf der Plattform landet, 50 Prozent der Werbeeinnahmen durch dieses Video an den erstellenden Account ausgezahlt werden.
An all diesen Finanzierungsmöglichkeiten hängt allerdings ein großes »Aber«. Dieses Aber besteht aus den sogenannten »Community Guidelines«. Das sind die Hausregeln der Plattformen, die durch bewusst schwammige Formulierungen einen großen Interpretationsspielraum bei der Regulierung von Inhalten lassen, die die Werbetreibenden nervös werden lassen, also nicht brandsafe sind. Über linken Influencern schwebt also ein andauerndes Damoklesschwert der Entmonetarisierung: Im Gegensatz zu Rechten haben sie weder reiche Sponsoren noch können sie auf sichere Werbeeinnahmen zählen.
Sie sind meist gezwungen, sich auf Spenden und (Kleinst-)Abonnements auf Drittseiten wie Patreon zu verlassen, um keinen zweiten Job neben der Tätigkeit als Influencer ausüben zu müssen. Denn häufig sind sie nur so in der Lage, die vielfältigen Aufgaben, die ein Job als Influencer mit sich bringt, auszuüben: Inhalte planen und recherchieren, Skripte schreiben, Grafiken erstellen, Videos schneiden, die Kommentare moderieren, mit Nutzerinnen interagieren, Finanzen klären.
»Über linken Influencern schwebt ein andauerndes Damoklesschwert der Entmonetarisierung: Im Gegensatz zu Rechten haben sie weder reiche Sponsoren noch können sie auf sichere Werbeeinnahmen zählen.«
Und wenn dann durch ein unliebsames Wort, wie beispielsweise Genozid, Sex oder Tod/Töten, die Monetarisierung wegfällt, ist die Arbeit nahezu umsonst, da die wichtigen Einnahmen fehlen. All dies führt dazu, dass es für Menschen ohne Absicherung durch Finanzierung von außen nahezu unmöglich ist, von politischen Inhalten auf Social Media zu leben. Und diejenigen, die davon leben, müssen sich irgendwie daran anpassen. Linksfluencer Simon David Dressler berichtet beispielsweise, dass er bestimmte Dinge nicht postet, weil er für diese einfach »keine gute Hook« finden könne.
Die Finanzierungsdynamiken der Plattformen sind dem Propagandamodell von Edward S. Herman recht ähnlich. Er beschreibt darin, wie durch implizite ökonomische Zwänge kritische Journalistinnen und Journalisten nach und nach aussortiert werden oder gar nicht erst an wichtige Positionen und Geschichten kommen. Ähnlich verhält es sich auf Social Media: Durch ihre Abhängigkeit von Werbeeinnahmen müssen Influencerinnen Inhalte produzieren, die die Werbetreibenden zumindest tolerieren. Wer das nicht kann oder will, wird durch ökonomische Zwänge und Shadowbans langsam aussortiert.
Die Tiktok-isierung linker Politik
Was macht das Konzept von Brandsafety mit den Inhalten linker Influencerinnen und Influencer? Sie werden gezwungen, sich in einer permanenten Rolle von besserwisserischen Kritikern zu befinden, die zwar auf Probleme aufmerksam machen, aber keine (nachhaltige) Lösung anbieten. Denn diese könnten unter Umständen die Kapitalmehrung der Werbepartner der Plattformen mindern. Themen, die nicht in das von den Plattformen vorgegebene Format passen, können leider nur umständlich, verwässert oder gar nicht auf den Plattformen platziert werden.
Wenn ein Thema nicht mit dem aktuellen Tiktok-Trend kompatibel ist, ist es unwahrscheinlich, dass es große Verbreitung bringt, weshalb man es lieber nicht postet. Selbst wenn linke Influencer sich um materialistische Analysen bemühen, können diese nur in stark deformierter Form passieren. Aber nicht nur Influencer und Influencerinnen fallen diesem Phänomen zum Opfer. Auch Parteien wie Die Linke verlassen sich auf algorithmusfreundliche Kurzvideos, in denen nur Platz für eine kurze Phrase wie »Du zahlst zu viel Miete« ist.
Auch die Fixierung auf nur einige wenige Botschaften und die krampfhafte Wiedererkennbarkeit im endlosen Strom an Content, um ja im Kopf zu bleiben, stellt die Inhalte in den Dienst der Social-Media-Arbeit, anstatt diese in den Dienst des Programms zu stellen. Anstatt eine reale Gegenmacht aufzubauen, wird auf fragile Erfolge auf Plattformen gesetzt, deren einziges Interesse die Maximierung ihrer Profite ist und die jedem, der diesem Ziel im Weg steht, den Zugang verwehren werden.
Aber die Lösung kann auch nicht sein, den Plattformen zynisch den Rücken zu kehren. Sie sind die Orte, an denen sich sehr viele Menschen versammeln und verbinden; wo sie nach Inhalten suchen. Sozialisten und Sozialistinnen sollten auch dort für sie ansprechbar sein. 1922 schrieb Lenin in einem Brief an Stalin über die damals junge Radiotechnik, dass sie für »Agitation und Propaganda« sowie die Bildung der analphabetischen ländlichen Bevölkerung der jungen Sowjetrepublik »eine unbedingte Notwendigkeit« darstelle. Außerdem sei sie ein guter Weg, um die Lektionen der wenigen sozialistischen Intellektuellen im gesamten Gebiet des Sowjetstaates zu verbreiten. Im selben Jahr bemerkte er im Gespräch mit dem Volkskommissar für Bildung, Anatoli Lunatscharski , dass das Kino von allen Kunstformen »die wichtigste« für den Aufbau der Sowjetrepublik sei.
»Auch wenn das Internet im Kapitalismus nie wirklich zu hundert Prozent frei sein wird, können eigene Websites oder Blogs ein wichtiger Schritt zu einer kämpferischen digitalen Öffentlichkeit und Organisierung im digitalen Raum sein.«
Auch Regisseur Sergei Eisenstein erklärte in seinem bahnbrechenden Essay Montage von Filmattraktionen, dass das Erste, woran es sich zu erinnern gilt, der Fakt ist, dass jeder Film ein »Agit-Film« sei. Beide bemerkten, dass die damals neu aufkommenden Medien für sie als Revolutionäre kritische Faktoren für den Aufbau der jungen Räterepublik waren.
Auch Revolutionäre von heute haben die Möglichkeit, an den Torwächtern der etablierten Medien vorbei sozialistische Inhalte zu verbreiten und die Klasse zu erreichen. Heute gilt, was Brecht über das Radio schrieb: »Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.« Dabei sollte man aber das eigentliche Ziel nie aus den Augen verlieren: eine tatsächliche Gegenmacht aufzubauen und Menschen langfristig zu organisieren. Das bedeutet allerdings auch, dass der primäre Ort dafür außerhalb der Plattformen liegen muss – das kann aber nicht im Interesse der Influencer und Influencerinnen sein, da diese von einer möglichst langen Aufmerksamkeit durch das Publikum auf den Plattformen leben.
Diese alternativen Orte findet man in den realen Organisationen vor Ort, in denen gemeinsam Kämpfe in den Betrieben und in Bewegungen stattfinden. Und auch online braucht es eine Gegenöffentlichkeit fernab der großen Plattformen. Auch wenn das Internet im Kapitalismus nie wirklich zu hundert Prozent frei sein wird, solange die komplette Kette von Internetanbietern bis zu Serverbetreibern gewinnorientiert arbeitet, können eigene Websites oder Blogs ein wichtiger Schritt zu einer kämpferischen digitalen Öffentlichkeit und Organisierung im digitalen Raum sein. Denn bei aller Liebe zu den neuen Medien waren sich die Revolutionäre und Revolutionärinnen ihrer politischen Ökonomien immer bewusst.
Ich glaube der Teil der in diesem Artikel ein wenig runterfällt ist die Formdiskussion, die Frage ob soziale Medien denn nun überhaupt Medien sind und wie ein neuer Stil geboren werden könnte. Die Eisensteinsche Herangehensweise wäre ja das Medium bis zu seinen Rändern zu pushen (Eisenstein mit dem dialektischen Schnitt oder Lang der den Ton außerhalb des Bildes verlagert etc pp.), was ich mich Frage ist wie das auf den Plattformen überhaupt funktionieren könnte.