Warum Friedrich Merz scheitern muss
Am 21. August 2026 schickten Audi, BMW, Siemens und Porsche gemeinsam mit den Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbänden einen Brandbrief an Friedrich Merz. Darin brachten sie ihren Unmut über die ausbleibende wirtschaftliche Dynamik vor und forderten weitreichende Maßnahmen in Form von niedrigeren Sozialversicherungsbeiträgen, Strukturreformen bei den Sozialausgaben sowie mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -erfassung.
Der Brief traf eine Kanzlerschaft, die bereits vor der Sommerpause zu bröckeln begonnen hatte. Nach dem Rücktritt Jens Spahns begann in der Union eine Personaldebatte, die sich rasch zu einer größeren Neuordnung von Fraktion, Kabinett und Parteizentrale ausweitete. Dabei sollte auch Verkehrsminister Patrick Schnieder unerwartet ausgetauscht werden. Als der designierte Nachfolger absprang, entstand eine öffentliche Hängepartie. Schnieder sprach von einem »unwürdigen Zustand” und bat schließlich selbst um seine Entlassung.
Medial wurde die Schnieder-Affäre als Führungskrise verhandelt: Merz' Politikstil, so der Tenor, reiße bereits bei der ersten Belastungsprobe. Der Brandbrief der Industrie wiederum wurde als Ausdruck wachsender Ungeduld mit der ausbleibenden Reformdynamik gelesen. Doch beides greift zu kurz: Hinter Merz' Fall steckt mehr als ein Stilproblem, das sich mit dem versprochenen »Herbst der Reformen« schon lösen ließe.
»Nach Merkels Rückzug kehrte Merz zurück, entschlossen, sich endlich die Führungsrolle zu holen, die ihm einst entglitten war. Doch auch dieses Comeback verlief holprig.«
Vielmehr sind sein Führungsstil, die Lage der deutschen Wirtschaft und die Krise seines politischen Projekts keine drei getrennten Geschichten. Sie alle sind Symptome desselben strukturellen Problems des konservativen Projektes, das eine Koalition unvereinbarer ökonomischer Interessen zusammenhalten und ein erschöpftes Entwicklungsmodell wiederbeleben soll – mit den Mitteln von gestern. Doch die versuchte Rückkehr in die Nachkriegszeit-Prosperität führt nicht in den Wohlstand, sondern den verwalteten Abstieg.
Ein zweiter Anlauf, ein alter Konflikt
Seine erste große Machtposition verdankte Friedrich Merz einem Skandal: der CDU-Spendenaffäre um die Jahrtausendwende. Als Wolfgang Schäuble im Februar 2000 zurücktrat, wurde der damals 44-jährige Merz konkurrenzlos zu seinem Nachfolger als Fraktionschef gewählt, während Angela Merkel den Parteivorsitz übernahm.
Die Doppelspitze hielt jedoch nicht lange. Schon 2002 musste Merz den Fraktionsvorsitz wieder abgeben, nachdem Merkel sich beim »Wolfratshauser Frühstück« mit Edmund Stoiber verständigt hatte: Verzicht auf die Kanzlerkandidatur zugunsten des Bayern, im Gegenzug der Fraktionsvorsitz für sie selbst. Merz habe das »sehr enttäuscht« zur Kenntnis genommen, schrieb Merkel später – das eigentliche Problem sei aber tiefer gelegen: »Wir wollten beide Chef werden.«
Nach weiteren Machtkämpfen zog sich Merz schrittweise zurück: 2004 gab er seine Parteiämter auf, 2009 verzichtete er auf eine erneute Kandidatur. Es folgte eine Karriere als Anwalt und Unternehmensberater, 2016 übernahm er den Aufsichtsratsvorsitz von BlackRock Deutschland – bei einem kolportierten Arbeitspensum von ein bis zwei Tagen pro Woche.
Nach Merkels Rückzug kehrte Merz zurück, entschlossen, sich endlich die Führungsrolle zu holen, die ihm einst entglitten war. Doch auch dieses Comeback verlief holprig: 2018 unterlag er Annegret Kramp-Karrenbauer, Anfang 2021 Armin Laschet. Erst im dritten Anlauf, im Dezember 2021, wählten ihn 62,1 Prozent der CDU-Mitglieder zum Parteichef, auf dem Parteitag bekam er dann 94,6 Prozent der Stimmen. Im Februar 2022 kam der Fraktionsvorsitz dazu.
Doch der Weg ins Kanzleramt führte nicht über einen strahlenden Wahlsieg. 2021 unterlag die Union mit ihrem bis dato schlechtesten Wahlergebnis von 24,1 Prozent der SPD. Erst das vorzeitige Ende der Ampel brachte den langersehnten Einzug ins Kanzleramt: 2025 wurde die Union mit 28,5 Prozent zwar stärkste Kraft, blieb aber weit hinter den Merkel-Jahren zurück, während die AfD auf 20,8 Prozent kam. Und selbst die Kanzlerwahl geriet zur Panne: Erst im zweiten Wahlgang, nachdem er im ersten die Mehrheit verfehlt hatte, wurde Merz Kanzler.
Eine widersprüchliche Koalition
Hinter Merz steht eine Koalition aus teils konvergierenden, teils offen widersprüchlichen Interessen. Nach Recherchen von Correctiv lässt sich sein Einflussnetzwerk in vier Ebenen gliedern. Die erste bilden seine früheren Auftraggeber aus der Privatwirtschaft: Sechzehn Jahre arbeitete Merz für die Kanzlei Mayer Brown, die seit 1983 den Chemiekonzern BASF vertritt, war zudem Referent beim Verband der chemischen Industrie und saß fast ein Jahrzehnt im Aufsichtsrat von BASF Antwerpen. Vier Jahre stand er an der Spitze von BlackRock Deutschland – größter BASF-Investor – und war insgesamt in mindestens fünfzehn Aufsichts- und Verwaltungsräten vertreten, von der Deutschen Börse bis HSBC-Trinkaus & Burkhardt.
Die zweite Ebene bilden Branchenverbände wie der Verband der Familienunternehmer als Lobbyverband globaler Konzerne und der BDI. Forderungen verschiedener Verbände finden sich fast wortgleich im CDU-Programm wieder: von Gesamtmetalls »Agenda 2040« bis zum VCI-Ruf nach einem »Belastungsmoratorium«.
»Soziale Ungleichheit gilt Merz vor allem als Folge mangelnder Marktintegration und der Kapitalismus und die Soziale Marktwirtschaft sind für ihn nicht nur effizient, sondern auch sozial gerecht.«
Die dritte Ebene sind parteiinterne Lobby-Vehikel: der Wirtschaftsrat der CDU als Merz' langjährige »Machtbasis«, die Wirtschafts- und Mittelstandsunion, der 70 Prozent der Unions-Abgeordneten angehören, und das Umfeld der Werteunion, das sich von Merz die Abwicklung der Merkel-Jahre erhoffte.
Die vierte Ebene bilden marktliberale Thinktanks wie die von Gesamtmetall finanzierte Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, deren Chef Thorsten Alsleben über Carsten Linnemann eng mit Merz' Regierungskreisen verbunden ist. Flankiert wird das Ganze von der CSU um Markus Söder, die sich einen durchsetzungsfähigen Kanzler wünschte.
Entscheidend ist jedoch, dass diese Ebenen zwar alle ein Interesse an wirtschaftlichem Aufschwung haben, aber keineswegs ein homogenes Kapitalinteresse verkörpern.
Zwischen Finanzkapital und Produktionskapital kollidieren zwei Zeithorizonte und zwei Rollen für den Staat, die sich nicht gleichzeitig bedienen lassen: BlackRock, Goldman Sachs, Deutsche Bank und der Wirtschaftsrat drängen auf Deregulierung und wollen schnelle Renditen bei kurzen Anlagehorizonten, während das industrielle Kapital in VDA und VCI auf Planungssicherheit über Jahrzehnte, verlässliche Energiepreise und massive staatliche Infrastrukturinvestitionen angewiesen ist. Die einen wollen, dass sich der Staat zurückzieht; die anderen, dass sie der Staat unterstützt.
Ähnliches gilt für den Gegensatz zwischen Exportindustrie und binnenorientiertem Mittelstand: Die Exportindustrie in Form von BASF und der Automobilindustrie hat Interesse an offenen Weltmärkten, niedrige Energiepreisen und internationaler Wettbewerbsfähigkeit, selbst wenn das heißt, heimische Nachfrage und Löhne niedrig zu halten — das war lange Zeit das ökonomische Modell der deutschen Entwicklung. Das nationale Klein- und Mittelkapital dagegen ist auf eine starke Binnennachfrage, Schutz vor internationaler Konkurrenz und öffentliche Unterstützung in der Krise angewiesen. Die einen wollen Öffnung, weil sie sich gegenüber Konkurrenz unterlegen sehen; die anderen wollen Schutz vor ebenjener Konkurrenz.
Diese Bruchlinien sind der Ausdruck strukturell unterschiedlicher Kapitalfraktionen mit je eigener Verwertungslogik. Merz’ Projekt bestand in dem Versuch, genau diese Fraktionen unter einem gemeinsamen neoliberalen Banner zu versammeln und zu behaupten, ihre Interessen ließen sich gleichzeitig bedienen.
Merz wagt mehr Kapitalismus
Mit welcher Politik Merz diese Koalition zusammenhalten wollte, lässt sich anhand seines 2008 erschienenen Buches Mehr Kapitalismus wagen verstehen. Darin verteidigt er in ordoliberaler Manier Wettbewerb, Privateigentum und Eigenverantwortung als Fundament gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Soziale Ungleichheit gilt ihm vor allem als Folge mangelnder Marktintegration und der Kapitalismus und die Soziale Marktwirtschaft sind für ihn nicht nur effizient, sondern auch sozial gerecht.
Diese neoliberale Grundhaltung führte schon 2004 zum offenen Bruch mit Merkels integrierender, taktisch beweglicher Form von Konservatismus: Merz forderte unter anderem, den Kündigungsschutz abzuschaffen, mit Verweis auf die Schweiz und dort herrschende Vollbeschäftigung – ohne jedoch die Spezifika der jeweiligen ökonomischen Modelle wahrzunehmen.
Mit Merz' Rückkehr an die Parteispitze wurde dieser Gegenentwurf reaktiviert: Aus dem »German No« sollte ein »German Go« werden. »Links ist vorbei«, verkündete er im Wahlkampf, und der damalige Generalsekretär Carsten Linnemann lieferte die Kurzformel dazu: »Einfach mal machen.«
»Merz trat mit dem Versprechen an, die Wirtschaft zu dynamisieren – und genau das blieb aus.«
Fünf Versprechen sollten dieses Projekt zusammenhalten: eine Wirtschaftswende aus Steuersenkungen und Deregulierung; eine sozialpolitische Wende, die Sicherung enger an Erwerbsarbeit koppelt; eine Migrations- und Ordnungspolitik aus Abschottung und Zurückweisung; eine militärische Wende zur »konventionell stärksten Armee Europas«; und als verbindendes Element Führungsstärke – Schluss mit dem Streiten oder »Durchwursteln«, stattdessen verlässliche Entscheidungen. Diese Versprechen sollten sich gegenseitig tragen: wirtschaftliche Dynamik als materielle Basis, Ordnungspolitik zur Konfliktbegrenzung, militärische Stärke für außenpolitische Handlungsfähigkeit, persönliche Führung als Klammer für die widersprüchlichen Interessensgruppen. Nach nicht einmal zwei Jahren steht dieses Gebäude vor dem Einsturz.
Wenn wirtschaftliche Dynamik ausbleibt
Schon an der Stromsteuerreform im Juli 2025 zeigte sich, wie wenig sich der Balanceakt zwischen den verschiedenen Kapitalinteressen in der Praxis auflösen ließ: Die Entlastungen kamen dem exportierenden Kapital zugute, während binnenmarktorientierte Unternehmen leer ausgingen und lautstark protestierten.
Die 100-Tage-Bilanz im August 2025 fiel entsprechend verheerend aus: Der Mittelstandsverband BVMW vergab die »Gelbe Karte«, der Zentralverband des Handwerks konstatierte »Ernüchterung und nicht selten auch Frust«. Im Februar 2026 schickte der BVMW einen Brandbrief ans Kanzleramt: 64 Prozent der befragten Unternehmen glaubten nicht mehr an die versprochene Wirtschaftswende, 79 Prozent erkannten nicht einmal mehr ein »engagiertes Bemühen« der Regierung. Im März 2026 war die Kritik der Wirtschaftsverbände-Spitzen des BDA, BDI, DIHK und ZDH ebenfalls entsprechend deutlich: Nach drei Jahren ohne Wachstum stehe der Standort »unter Druck wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte«, die Maßnahmen der Regierung reichen »bei weitem nicht aus«.
Auch die Entlastungen im April 2026 blieben halbgar, am Ende blieb es bei der befristeten Senkung der Mineralölsteuer, ohne weitere tiefgreifende Maßnahmen. Als im August 2026 schließlich Audi, BMW, Siemens und Porsche gemeinsam mit den Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbänden ihren Brandbrief schickten, hatte der Unmut auch Teile des Exportkapitals erfasst, das bisher hinter Merz stand.
Die wirtschaftliche Lage ist dabei nicht allein Merz’ Verschulden. Geopolitische Konflikte, Energieunsicherheit und jahrelange strategische Versäumnisse der Industrie haben sie verschärft. Doch Merz trat mit dem Versprechen an, die Wirtschaft zu dynamisieren – und genau das blieb aus: 2025 wuchs die Wirtschaft real um lediglich 0,2 Prozent, nach zwei Rezessionsjahren zuvor. Für 2026 wurde zunächst nur ein Plus von etwa einem Prozent erwartet; eine spürbare Erholung wird aktuell frühestens ab 2027 prognostiziert. Parallel bleiben private Unternehmensinvestitionen schwach, das Geschäftsklima hat sich bestenfalls stabilisiert. Und ausgerechnet öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung liefern aktuell einen erheblichen Teil der verbleibenden Dynamik. Der Staat stabilisiert also jene Wirtschaft, die politisch durch privates Kapital, Steuersenkungen und Deregulierung erneuert werden sollte.
Dass die Stagnation nicht allein Merz’ Versagen ist, ändert nichts daran, dass er politisch verantwortlich dafür bleibt, wie seine Regierung sie deutet. Und genau hier zeigt sich die Grenze seines Ansatzes neoliberaler Erneuerung: Steuerentlastungen verteilen zugunsten von Unternehmen um, sie erzeugen aber keine Profitraten aus dem Nichts. Auch das Problem der niedrigen inländischen Nachfrage, auf die die binnenwirtschaftliche Erholung angewiesen ist, lässt sich nicht durch weitere Arbeitsmarktflexibilisierung lösen.
»Merz verwechselt Führung mit Verfügung. Er versteht sich eher als ›CEO der Regierung‹ statt als demokratisch eingebundener und entsprechend gestützter Kanzler.«
Merz versprach, strukturelle Probleme mit Anreizen und Entschlossenheit zu lösen; doch die wirtschaftliche Entwicklung entzieht sich diesem einfachen politischen Zugriff und die widersprüchliche Koalition verhindert zusätzlich einfache Lösungen. Die objektiven Schwierigkeiten sind deshalb der erste Hinweis darauf, warum Merz strauchelt. Dafür, dass aus diesen von Anfang an bestehenden politischen Zielkonflikten eine persönliche Führungskrise wurde, ist Merz jedoch selbst verantwortlich.
Merz kann keine Demokratie
Im Spätsommer 2026 steht Merz vor einem selbstverschuldeten Trümmerhaufen. Wie Verkehrsminister Schnieder vor der Sommerpause abgesägt werden sollte, erinnerte eher an einen Personalaustausch im Unternehmen als an demokratische Regierungsführung. Der Bremer CDU-Landeschef Heiko Strohmann brachte das Ende Juli im CDU-Bundesvorstand auf den Punkt: »Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei.« Eine Partei, so Strohmann weiter, funktioniere nicht so, dass einer vorne einen Monolog halte und alle applaudierten; frei gewählte Abgeordnete ließen sich nicht kommandieren.
Darin liegt Merz’ akutes Problem: Er verwechselt Führung mit Verfügung. Er versteht sich eher als »CEO der Regierung« statt als demokratisch eingebundener und entsprechend gestützter Kanzler. Konflikte behandelt er deshalb nicht als politische Auseinandersetzungen, sondern als Managementprobleme, die eine klare Ansage lösen kann. Doch eine Regierung ist kein Unternehmen. Ein Kanzler muss Zustimmung organisieren, in der Wirtschaft zwischen Kapitalfraktionen wie in der Politik zwischen Partei und Fraktion, mit Koalitionspartnern und Ländern, im Parlament sowie gegenüber einer Öffentlichkeit voller widersprüchlicher Interessen.
Merz‘ Führungsproblem ist jedoch keine bloße Charakterfrage. Weil sein Projekt versucht, unvereinbare Interessen gleichzeitig zu bedienen, müsste Merz eigentlich noch viel mehr vermitteln. Er tut jedoch genau das Gegenteil. Dabei merken selbst Konservative inzwischen, dass genau das ihre Partei beschädigt. Christian Bäumler, Vizechef des CDU-Arbeitnehmerflügels, brachte es im Kontext der Schnieder-Affäre auf den Punkt: »Eine Bundesregierung sollte nicht wie ein Feudalkönigreich geführt werden. Diese Vorgehensweise beschädigt das Vertrauen der Menschen in die Demokratie.«
Diese Verschiebung hat Konsequenzen für die CDU selbst. Statt Wahlversprechen zu korrigieren oder offen einzugestehen, dass zentrale Zusagen nicht haltbar sind, verkauft Merz Kompromisse als Stärke und eskaliert Konflikte, wo Vermittlung nötig wäre. Er ersetzt damit genau jene innerparteiliche Aushandlung, die sein Projekt zur Stabilisierung der widersprüchlichen Interessen bräuchte, durch einseitige Ansagen und beschädigt so die Mechanismen, auf die er selbst angewiesen wäre. Statt die widersprüchliche Koalition zusammenzuhalten oder die wirtschaftlichen Zielkonflikte einzugestehen, verschärft sein Führungsstil beide zugleich.
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Diese Führungskrise ist aber nur die Oberfläche eines noch grundsätzlicheren Problems. Wir müssen das Projekt von Merz als Versuch begreifen, ein ganzes Entwicklungsmodell wiederzubeleben. Hinter niedrigeren Steuern, weniger Regulierung, billigerer Energie, mehr Arbeit und gestärkter klassischer Industrie steckt die Fantasie, Deutschland könne zu einer früheren Form wirtschaftlicher Stärke zurückkehren, wenn der Staat nur entschlossen genug handelt.
Doch wie der Soziologe Hanno Pahl in Fordistische Hauntologie darlegt, sind die Voraussetzungen jenes deutschen Wirtschaftsmodells – die besondere Stellung deutscher Industrie auf den Weltmärkten, die Einbettung in eine längst vergangene globale monetäre Ordnung, wachsende internationale Nachfrage, billige Energieimporte, technologische Vorsprünge, stabile Wertschöpfungsketten und eine relativ ruhige geopolitische Umgebung – längst historisch überholt. China ist längst kein Absatzmarkt mehr, sondern technologischer und industrieller Rivale, die Autoindustrie steckt in einem tiefen technologischen Umbruch, die fossile Basis industrieller Produktion gerät ökologisch wie geopolitisch unter Druck.
Für Merz’ Projekt heißt das: Steuersenkungen und Deregulierung verteilen zugunsten des Kapitals insgesamt um, lösen aber weder fehlende Nachfrage noch globale Überkapazität noch technologische Entwertung ganzer Branchen. Eine Überakkumulationskrise verschwindet nicht, weil man Unternehmen zu mehr Entschlossenheit auffordert – und damit werden die Grenzen jeder klassischen Angebotspolitik sichtbar.
»Merz kann seiner Koalition keine kohärente Politik anbieten, weil sein neoliberales Weltbild auf diese Krise schlicht keine wirksame Antwort hat.«
Die Automobilindustrie führt das exemplarisch vor, wie eine Analyse des niederländischen Thinktanks SOMO zeigt. Sie war nicht zu arm für den Strukturwandel: Europäische Hersteller erzielten 2023 noch 40,6 Prozent der weltweiten Branchengewinne, zusammen 98,1 Milliarden Euro. Das Geld war da; die strategische Erneuerung wurde jedoch erst verhindert, dann verzögert, dann zurückgedreht. Statt in Elektromobilität, Batterien und neue Produktionsstrukturen zu investieren, setzten die Konzerne auf höhere Preise, größere Fahrzeuge und das Premiumsegment. Die Investitionsquote fiel von 28 Prozent 2006 auf 16 Prozent 2023, während sich die Reserven auf über 200 Milliarden Euro auftürmten und Rekorddividenden ausgeschüttet wurden.
Der viel beschworene »China-Schock 2.0« trifft also auf eine hochprofitable, aber strategisch selbstverschuldet blockierte Industrie. Damit ist er vielmehr eine Diagnose europäischer Schwäche als ein äußerer Angriff. Der aktuelle Stellenabbau in der Automobilindustrie ist die schmerzhafte Korrektur für das Versagen eines Managements, das jetzt unter dem Druck internationaler Konkurrenz Kapazitäten abbauen muss.
Für andere Industrien gilt dieselbe Dynamik: Anstatt zu investieren, wurden Reserven angehäuft, Dividenden ausgeschüttet sowie Aktien zurückgekauft und die Transformation im Endeffekt ausgesessen. Eine Politik, die diese Industrien mit billigerer Energie, laxeren Umweltauflagen oder Protektionismus schützt, verlängert damit genau jene Strukturen, die den Rückstand und die aktuelle Misere erst produziert haben, statt sie in der Transformation zu erneuern.
Kulturkampf statt Verteilung
Genau hier schließt sich der Kreis zur Führungskrise. Weil Merz’ Projekt weder die eigene Koalition noch die wirtschaftliche Stagnation durch Kompromiss oder Verteilung lösen kann, bleibt ihm nur, Handlungsfähigkeit zu inszenieren, wo er sie ökonomisch nicht herstellen kann. Was wie ein Stilproblem aussieht, ist die politische Übersetzung des ökonomischen Widerspruchs: Merz kann seiner Koalition keine kohärente Politik anbieten, weil sein neoliberales Weltbild auf diese Krise schlicht keine wirksame Antwort hat.
Also verkauft er Entschlossenheit als Ersatz. Migration, Kriminalität und Sozialleistungsbezug werden zu Bühnen, auf denen der Staat Entschlossenheit demonstriert, ohne dass sie die eigentlichen Ursachen der Krise berühren. Der gesellschaftliche Konflikt verschiebt sich damit von stagnierenden Löhnen, ausbleibenden Investitionen und dem überfälligen Umbau der Industrie hin zu Fragen von Zugehörigkeit, Leistung und nationaler Ordnung.
Die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl hat für diese Bewegung den Begriff des »radikalisierten Konservatismus« geprägt: die Zuwendung staatstragender, konsensorientierter Parteien zu Kulturkampf, Polarisierung und Personalisierung. Merz’ Politik trägt mehrere dieser Züge: personalisierte Führung, zugespitzte Kulturkonflikte, Handlungsfähigkeit, die sich vor allem durch Entschlossenheit beweisen soll, während Migration, Leistung und Abgrenzung nach links zu Erregungsfeldern werden. Die materiellen Konflikte treten dabei bewusst in den Hintergrund. Doch anders als in anderen europäischen Ländern trifft dieser Kurs in der eigenen Partei auf Widerstand: Die CDU begehrt gegen das Feudalkönigreich auf, das ihr Vorsitzender errichten will.
Merz Problem ist damit nicht, dass er schlecht führt oder einzelne Versprechen bricht. Sein Führungsstil, seine Unfähigkeit zur demokratischen Vermittlung und sein Kulturkampf sind ein und dasselbe Grundproblem in drei Erscheinungsformen. Es ist das Kernproblem konservativer Parteien in der Gegenwart: Sie versuchen, ein Entwicklungsmodell zu verlängern, dessen historische Grundlagen erodiert sind. Der Weg zurück in die Nachkriegs-Prosperität führt nicht zurück zum Wohlstand, sondern in die politische Verwaltung des Abstiegs.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Merz persönlich übersteht, sondern ob die Union weiterhin versucht, die Vergangenheit mit oder ohne ihn zu restaurieren – oder endlich ein Modell entwickelt, das auf globale Konkurrenz, technologische Transformation, Klimakrise und die Krise der sozialen Reproduktion antwortet. Der Fall des Anti-Merkel ist deshalb mehr als der mögliche Sturz eines einzelnen Kanzlers: Er markiert das Scheitern des Versuchs, die Merkel-Jahre durch einen wirtschaftsliberalen, national selbstbewussten und autoritäreren Konservatismus zu überwinden.