Dolly Parton war eine Stimme für ihre Klasse
Die legendäre Sängerin, Songwriterin und Kulturikone Dolly Parton ist am 25. August im Alter von 80 Jahren verstorben. Die Nachricht von ihrem Tod sorgte umgehend für zahlreiche Würdigungen von Stars und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie für rege Diskussionen in den sozialen Medien.
Nur wenige Promis würden heutzutage in den USA eine derart breite und einhellige Ehrung von allen Seiten erfahren. Das Empire State Building wurde zu Partons Ehren rosa beleuchtet; Präsident Donald Trump ordnete an, dass die amerikanischen Flaggen eine Woche lang auf Halbmast gesetzt werden. Partons Popularität scheint politische Gräben zu überbrücken – in einer Zeit, in der Spaltungen, gerade in Kulturfragen, oft als unüberbrückbar gelten. So würdigte der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson ebenso wie sein politischer Gegner, der Demokrat Chuck Schumer, die verstorbene Künstlerin.
Parton bleibt vor allem wegen ihrer Erfolge als Musikerin in Erinnerung: Sie verkaufte 100 Millionen Tonträger, platzierte 44 Alben in den Country-Top-10 und schaffte auch den Sprung in die Billboard Hot 100. Von den mehr als 3.000 Liedern, die sie geschrieben hat, gehören einige zu den bekanntesten der Popmusik, darunter »Jolene«, »9 to 5« und »I Will Always Love You« – wobei letzteres durch Whitney Houstons unvergessliche Coverversion besonderen Ruhm erlangte.
Letztendlich ist Parton über ihre bescheidenen Anfänge als Songwriterin in Nashville weit hinausgewachsen und zu einer überlebensgroßen Ikone der Popkultur im weiteren Sinne geworden. In einer Umfrage vom März 2026 gaben 70 Prozent der befragten Amerikanerinnen und Amerikaner an, eine positive Sicht auf Parton zu haben. Online-Kommentatoren zogen sie als ultimativen Maßstab für Sympathiewerte heran.
Im Laufe ihrer Karriere erntete die Country-Sängerin außerdem Anerkennung für ihr philanthropisches Engagement und ihre Unterstützung für marginalisierte Gruppen – insbesondere die LGBTQ-Community, für die sie sich jahrzehntelang stark machte.
»Parton sprach genau das an, was die Menschen erlebten und worüber sie mehr hören wollten: Armut, Ungerechtigkeit, Ausbeutung der Arbeiterschaft und den Stolz der Arbeiterklasse.«
Trotzdem weigerte Parton sich ausdrücklich, zu aktuellen politischen Themen Stellung zu beziehen. Sie betonte stets: »Ich mache keine Politik. Ich bin Entertainerin.« Parton lieferte in ihren späteren Lebensjahren eine Reihe von Kontroversen und künstlerischen Patzern, darunter ein Duett mit Kid Rock sowie eine Neuauflage von »9 to 5« als kitschig-businessfreundlicher Jingle für das Unternehmen Squarespace.
Doch das spielt keine Rolle. Unabhängig von ihren persönlichen Ansichten war Parton eine der beständigsten Stimmen aus und für die Arbeiterklasse. Sie nutzte ihre Lieder, um Geschichten von harter Arbeit, Armut und Trotz zu erzählen. Sie verwandelte das Leben gewöhnlicher Menschen in Themen für Heldenballaden. Zohran Mamdani brachte es wohl am treffendsten auf den Punkt, als er Parton als »unersetzliche Verfechterin der Arbeiterklasse« bezeichnete.
Wir trauern um diese große Stimme der Arbeiterschaft.
Eine Stimme (aus) der Arbeiterklasse
Im Laufe ihrer Karriere widersetzte sich Parton immer wieder gesellschaftlichen Konventionen und durchbrach Klischees, insbesondere hinsichtlich der Wünsche und Anliegen von Frauen aus abgehängten Gegenden.
Sie war bekannt für ihre selbstironischen Sprüche wie »Man braucht viel Geld, um so billig auszusehen« und stand zu einer Ästhetik, die mit Blick auf ihre gesellschaftliche Herkunft oft verlacht wurde. Die Sängerin kokettierte damit, ihr Look sei »der Dorfschlampe« ihres ländlichen Heimatdorfes nachempfunden: »Sie war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Wenn alle sagten: ›Ach, die ist doch Abschaum‹, sagte ich: ›Okay, dann werde ich eben irgendwann auch solch ein Abschaum sein‹.«
Dieses Grundgefühl durchdringt Partons Musik. In den Texten treten Landstreicherinnen, Witwen, hungernde Kinder, Geschiedene und andere Frauen aus der Arbeiterklasse als Erzählerinnen auf. Ihre Songs sind Geschichten von armen Familien, die dennoch den Kopf hochhalten und weitermachen, selbst wenn die Welt gegen sie zu sein scheint. Parton scheute sich auch nicht, anspruchsvolle Fragen wie weibliche Sexualität und Lust oder Ehebruch anzusprechen.
Diese Themen standen in den 1960er- und 1970er-Jahren im Mittelpunkt ihrer Musik. So fing beispielsweise der Titelsong aus In the Good Old Days (When Times Were Bad) (1969) den Schmerz der Landarbeiter ein, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang schuften, nur um mit anzusehen, wie ihre Ernte vom Hagel zerstört wird. Der Song handelt von Familien, die zu arm sind, um zum Arzt zu gehen, und die mitansehen müssen, wie ihr Haus vor ihren Augen verfällt.
»Dolly Parton zählte zu den Besten, dank der Kraft und Leidenschaft, mit der sie ihre Themen behandelte.«
Das Album enthielt zudem Coverversionen von Tammy Wynettes »D-I-V-O-R-C-E«, das schonungslos den Schmerz einer Scheidung thematisiert, sowie von Jeannie C. Rileys beliebtem Crossover-Hit »Harper Valley PTA«, der die Geschichte einer Witwe erzählt, die die heuchlerischen Moralapostel bloßstellt, die sie als schlechte Mutter ansehen.
Mit dieser Songauswahl steht Parton in der Tradition vieler einflussreicher Sängerinnen, die ihrerseits kontroverse Sujets aufgriffen. Neben Wynette und Riley waren einige der herausragendsten Vertreterinnen Sängerinnen wie Bobbie Gentry, die mutig Themen wie die Sexualität von Frauen, Selbstmord und Prostitution ansprach, sowie Loretta Lynn, die in Titeln wie »Don’t Come Home A-Drinkin’ (With Lovin’ on Your Mind)« (1966) und »The Pill« (1975) – wobei es bei letzterem explizit um Empfängnisverhütung geht – unverblümt Geschlechterungleichheiten ansprachen.
Diese Ära brachte derweil auch Männer wie Johnny Cash, John Prine und Kris Kristofferson hervor – Sänger, die die hässlichen und die schönen Seiten des alltäglichen Lebens dokumentierten, die oft ignoriert oder aus dem Blickfeld verdrängt werden. Parton war somit eine von vielen Künstlerinnen und Künstlern, die Country-Musik als Raum nutzten, um die harten Wahrheiten in einer Gesellschaft anzusprechen, die von ihren Führern und Verfechtern oft in ein allzu rosiges Licht gerückt wird. Dolly Parton zählte zu den Besten unter ihnen, dank der Kraft und Leidenschaft, mit der sie ihre Themen behandelte.
In den 1970er Jahren erweiterte Parton ihre künstlerische Palette und baute ihren Ruf weiter aus. Doch auch während sie als Co-Moderatorin an der Seite von Porter Wagoner den Sprung ins Fernsehen schaffte, veröffentlichte sie weiterhin Alben, die sich mit den dunklen und schwierigen Seiten des Lebens befassen.
Im Song »Coat of Many Colors« (1971) beispielsweise verwandelt sich eine Armutserfahrung in der Kindheit in stillen Widerstand und Würde. Der Titel erzählt die Geschichte eines Kindes, das in -zigfach geflickter Kleidung und durchgetragenen Schuhen zur Schule geht und die Hänseleien ignoriert, weil es weiß, dass seine liebende Familie innerlich reich ist. My Tennessee Mountain Home (1973), ein Konzeptalbum über ihre Kindheit in Ost-Tennessee, enthält »Daddy’s Working Boots«, eine der großartigsten Hymnen über die Mühen und Opfer der arbeitenden Menschen. Und dann ist da natürlich noch »Jolene« aus dem gleichnamigen Album von 1974. Es ist die eindringliche Geschichte einer Frau, die befürchtet, zugunsten einer anderen verlassen zu werden.
Ein Bild der Arbeiterklasse: 9 to 5
Partons bekannteste und ausdrucksstärkste Auseinandersetzung mit dem Thema Klassenunterschiede ist »9 to 5«. Es ist die Geschichte einer Frau, »trapped in a rich man’s game«. Der Song wurde für den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1980 geschrieben, in dem Parton an der Seite von Jane Fonda und Lily Tomlin eine von drei erschöpften Frauen spielt, die gegen ihren sexistischen, ausbeuterischen Chef aufbegehren und den Spieß umdrehen.
Parton schrieb den Liedtext während der Dreharbeiten. Sie sagte später, das Klackern ihrer Fingernägel beim Schreiben habe sie an das Klappern der Schreibmaschine einer Sekretärin erinnert, als würde sie dieses imitieren (Parton wird in den Linernotes zum Lied sowohl für den Leadgesang als auch für das »Fingernagelklappern« gelistet.) Der Song erreichte Platz eins in drei verschiedenen Billboard-Charts – den Hot 100, den Adult Contemporary und den Hot Country Songs.
Mitunter wurde der Titel als eine Art Ode an die stille Widerstandskraft und Leidensfähigkeit kritisiert; es sei eine Lobeshymne darauf, die Zähne zusammenzubeißen, sich nicht zu beschweren und die Arbeit zu erledigen. Diese Thematik steht auch im Mittelpunkt von Partons besagtem Super-Bowl-Werbespot für Squarespace aus dem Jahr 2021, in dem eine überarbeitete Version des Songs zu hören ist und sie die Zuhörerin auffordert, selbst ein Unternehmen zu gründen und »Dein eigener Chef zu sein«. Das ist bedauerlich, sowohl mit Blick auf den Original-Track als auch mit Blick auf die Story des zugehörigen Films.
»Parton war kein Aushängeschild oder gar Heldin der Linken. Ihre Ansichten waren vielschichtig – und oft ebenso sehr in idealisierten Vorstellungen von Widerstandsfähigkeit, Eigeninitiative und Unternehmergeist verwurzelt wie in dem Wissen, dass dieses System niemals allen Menschen Erfolg bescheren würde.«
Partons Lied beginnt mit dem besagten klappernden, an eine Schreibmaschine erinnernden Rhythmus; in den Lyrics schildert sie die Erfahrungen einer ebenso überarbeiteten wie unterbezahlten Frau. Sie singt davon, wie dem Chef »Deine ganze Zeit« geopfert wird, während er selbst »die ganze Anerkennung« einsackt. So kritisiert sie ein System des »Nur-Nehmens und Nichts-Gebens«, in dem die Bosse mit Lorbeeren geschmückt werden, während die Arbeiterinnen und Arbeiter »kaum über die Runden kommen«. Aufgrund der fröhlichen Stimmung des Songs konnte er durchaus als »Feel-Good-Hit« interpretiert und für Werbezwecke instrumentalisiert werden. Doch das Original ist voller Wut über die darin beschriebenen Ungerechtigkeiten.
Noch deutlicher wird das im Film: Die drei Frauen haben die schlechte Behandlung satt, erwägen, ihren Chef zu ermorden, und beschließen schließlich, ihn zu entführen. Während er in einem Versteck festgehalten wird, übernehmen sie das Unternehmen und gewinnen schrittweise die Kolleginnen und Kollegen für sich, weil sie Veränderungen wie faire Bezahlung, bessere Arbeitszeiten und betriebsinterne Kinderbetreuung einführen.
Der Squarespace-Werbespot ist mit viel Spott bedacht worden. Der New Statesman bezeichnete die neue Version des Songs als Sell-out, als einen »Ausverkauf an die toxische ›Side-Hustle‹-Kultur«. David Sirota nannte ihn »den dystopischsten Werbespot, den ich je gesehen habe«. Letzten Endes werden die Menschen sich aber an das Original erinnern – als eine starke Botschaft Partons, in der sie (auf dem Höhepunkt ihrer Karriere) Partei für die Arbeiterschaft ergriff.
Anknüpfungspunkte
Rückblickend war Parton kein Aushängeschild oder gar Heldin der Linken. Ihre Ansichten waren vielschichtig – und oft ebenso sehr in idealisierten Vorstellungen von Widerstandsfähigkeit, Eigeninitiative und Unternehmergeist verwurzelt wie in dem Wissen, dass dieses System niemals allen Menschen Erfolg bescheren würde.
In diesem Sinne verkörpert sie ein Spannungsfeld, das dem Kern der gesamten Country-Musik innewohnt: Country ist Musik, die das Leben der Arbeiterklasse oft besser einfängt als viele andere Genres, das den Schmerz jedoch ebenso oft in Traditionalismus und ein Hinnehmen des Status quo auflöst, anstatt sich den Ursachen der Misere entgegenzustellen.
Doch Musik muss nicht immer als politische Predigt dienen können. Kunst ist nicht nur dazu da, Dogmen zu verbreiten wie das Lehrbuch eines marxistischen Oberlehrers.
»Parton gab denjenigen eine Stimme, die sowohl in der Kultur als auch in der Politik allzu oft vergessen, übersehen oder übergangen werden.«
Parton sprach genau das an, was die Menschen erlebten und worüber sie mehr hören wollten: Armut, Ungerechtigkeit, Ausbeutung der Arbeiterschaft und den Stolz der Arbeiterklasse. Sie tat dies auf eine Weise, die zugleich unterhaltsam und witzig sowie traurig und herzzerreißend sein konnte. So schuf sie Musik, die weit über ihren jeweiligen zeitlichen Kontext hinaus Bestand haben wird.
Die Themen, die sie ansprach, sind auch heute viel zu selten in den Country- und Pop-Charts vertreten (ganz zu schweigen in der Auffassung der breiteren Linken darüber, wer ihr Publikum eigentlich sei).
Parton gab denjenigen eine Stimme, die sowohl in der Kultur als auch in der Politik allzu oft vergessen, übersehen oder übergangen werden. Es würde der Linken nicht schaden, die ein oder andere Erkenntnis aus ihren Songs zu ziehen.
Übersetzung von Tim Steins.