Niemand hat um KI gebeten
Die großen Tech-Unternehmen haben seit Beginn des KI-Booms eine Billion Dollar in Künstliche Intelligenz investiert. Nahezu die gesamte Summe floss in den Bau von Rechenzentren, den Kauf von Chips für diese Zentren sowie in die Errichtung der Energiesysteme, die sie mit Strom versorgen und kühlen.
Diese Billion hätte für alles Mögliche verwendet werden können. Man hätte sie in erneuerbare Energien stecken können. Man hätte lebensrettende neue Medikamente entwickeln können. Man hätte Wohnraum, öffentliche Infrastruktur oder andere Dinge bauen können, die Menschen zum Überleben und Wohlfühlen brauchen.
Stattdessen floss das Geld in den Bau energieverschlingender, wasserintensiver Rechenzentren, die große Sprachmodelle (LLMs) betreiben, die auf dem Diebstahl der kreativen Arbeit von Millionen von Menschen basieren. Noch schlimmer: Diese Maschinen liefern regelmäßig falsche Antworten und treiben dabei viele Nutzer in den Wahnsinn. Eine schlechtere Verwendung der gemeinsamen gesellschaftlichen Ressourcen ist kaum vorstellbar.
Wir leben nicht in freien Marktwirtschaften
Nun könnten manche einwenden, dass wir nun einmal in Gesellschaften mit freiem Markt leben und dass Investitionen gemäß den Gesetzen des Marktes erfolgen. All das Geld fließt demnach in KI, weil diese schlichtweg die rentabelste Nutzung der Ressourcen zu sein scheint. Und wenn die Gesellschaft auf diese Weise Gewinne maximiert, maximiert sie auch die Effizienz – wodurch sichergestellt wird, dass es insgesamt und langfristig gesehen allen besser gehen wird.
Diese Argumentation hat zahlreiche Probleme. Zunächst einmal leben wir nicht in freien Marktwirtschaften. Wir leben in kapitalistischen Gesellschaften – das heißt, in Gesellschaften, die vom Kapital beherrscht werden. Das Kapital verteilt sich nicht auf viele kleine Unternehmen, die jeweils in perfektem Wettbewerb miteinander Produkte herstellen. Das Kapital konzentriert sich, bis es in den Händen einiger weniger riesiger, monopolistischer Konzerne gebündelt ist, die wiederum von einigen wenigen mächtigen Männern kontrolliert werden.
»Unternehmenskonzentration und Monopolmacht setzen sich gegen Wettbewerb und Effizienz durch. Immer.«
Diese riesigen Konzerne können es sich kurzfristig leisten, Aspekte wie Rentabilität zu ignorieren, um längerfristig etwas anzustreben, das ihren Eigentümern immensen Reichtum und Macht einbringt. Beispiel Amazon: Das Unternehmen war jahrelang unrentabel, während Jeff Bezos massiv in die Expansion investierte. Geldgeber pumpten weiterhin Milliarden in Amazons Kassen, weil sie darauf setzten, dass Bezos ein mächtiges Monopol aufbauen würde. Und sie behielten Recht. Unternehmenskonzentration und Monopolmacht setzen sich gegen Wettbewerb und Effizienz durch. Immer.
Trotz des Hypes um KI sind LLMs aktuell nicht rentabel. OpenAI und Anthropic – zwei Unternehmen, deren Schicksal vollständig von der Leistung ihrer LLMs abhängt – haben bislang noch keinen Gewinn erzielt. Und dennoch versuchen beide, an die Börse zu gehen, und streben dabei eine Bewertung von einer Billion Dollar an.
Warum? Weil diese Firmen es geschafft haben, weite Bereiche des menschlichen Wissens »einzuzäunen« – sie haben es in Besitz genommen und mit Mauern umgeben. Nun verkaufen sie uns dieses Wissen in Form seltsam-unterwürfiger Chatbots zurück, die all dieses Wissen auf unvorhersehbare – und manchmal völlig nutzlose – Weise wieder zusammenfügen. Dennoch setzen Investoren darauf, dass diese Innovation die kapitalistische Produktion revolutioniert und dass eines oder beide dieser Unternehmen in Zukunft immense Macht über den Markt ausüben werden.
Alle anderen Firmen im Ökosystem – diejenigen, die die Infrastruktur aufbauen, die Chips produzieren oder die Rechenzentren betreiben – sind von der Leistungsfähigkeit der LLMs abhängig, die im Mittelpunkt des Booms stehen. Aus diesem Grund betreiben Konzerne wie Nvidia und Oracle ein zirkuläres Finanzierungsnetzwerk mit OpenAI. Sie finanzieren OpenAI, obwohl das Unternehmen Verluste macht, da ihre eigenen Gewinne vom langfristigen Erfolg von OpenAI abhängen.
Die Rechnung geht nicht auf
Hier kommt das nächste Problem der ursprünglichen These ins Spiel. Bei der KI handelt es sich aktuell zweifellos um eine Blase. Das bedeutet nicht, dass die Technologie nicht dauerhaft Einfluss auf die Funktionsweise unserer Wirtschaft haben und diese verändern wird. Aber es bedeutet, dass die Technologie nicht so profitabel sein wird, wie die meisten Investoren erwarten – insbesondere kurzfristig. Das zeigt: Unsere Märkte sind nicht nur nicht frei, sie sind auch nicht effizient.
Anleger setzen darauf, dass der aktuelle Technologiezyklus dem vorherigen ähneln wird – damals, als Unternehmen wie Google, Meta und Amazon das gesamte Internet unter ihre Kontrolle brachten. Viele dieser Firmen brauchten lange, bis sie tatsächlich Profite erzielten. Lange Zeit investierten sie massiv, um sich eine marktbeherrschende Stellung zu sichern, und nicht, um kurzfristig die Gewinne zu maximieren. Die am KI-Boom beteiligten Unternehmen versuchen derzeit, dasselbe zu tun – doch es funktioniert nicht.
»Es ist unklar, wie all diese LLMs die Gewinne erwirtschaften sollen, die erforderlich sind, um eine zufriedenstellende Rendite für die Billionen-Dollar-Investitionen zu erzielen.«
Erstens herrscht zu viel Wettbewerb unter den US-amerikanischen LLM-Anbietern. Es ist mittlerweile kein Zweikampf zwischen ChatGPT und Claude mehr; Gemini und Copilot sind ihnen dicht auf den Fersen. Hinzu kommt die Konkurrenz aus China. Chinesische Unternehmen haben bereits eigene LLMs entwickelt. Diese sind vielleicht nicht so gut wie die Originale, doch das spielt kaum eine Rolle, da sie unglaublich preisgünstig sind.
Und dann ist da noch das Produktivitätsproblem: Damit LLMs langfristig rentabel sind, müssen sie von vielen Unternehmen eingesetzt werden, die ihre Abonnements nicht kündigen, sobald eine günstigere Alternative verfügbar ist. Im Gegenzug heißt das, dass die Produktivitätsgewinne durch die KI-Einführung für Drittunternehmen sehr deutlich sein müssen. Tatsächlich haben bislang nur wenige Firmen nennenswerte Produktivitätssteigerungen dank KI verzeichnet. Vor diesem Hintergrund ist unklar, wie all diese LLMs die Gewinne erwirtschaften sollen, die erforderlich sind, um eine zufriedenstellende Rendite für die Billionen-Dollar-Investitionen zu erzielen.
Was nach dem Crash kommt
Wenn Anleger feststellen, dass einige der von ihnen getätigten Investitionen kaum Rendite abwerfen, werden die Geldflüsse versiegen; die Finanzierungsnetze werden zusammenbrechen; einzelne Unternehmen werden in Konkurs gehen. Und die Welt »erbt« hunderte riesige Rechenzentren, die nicht mehr genügend Kunden haben. Rechenleistung wird extrem billig werden, genau wie Internetzugang, nachdem die Telekommunikationsunternehmen in den 1990er Jahren Milliarden ausgegeben hatten, um im Wettlauf um Glasfasernetze konkurrenzfähig zu bleiben.
Nach dem Crash wird der Boom erneut anlaufen – wobei die Unternehmensbewertungen aber auf vernünftigere Niveaus zurückkehren werden. Einige der großen Tech-Unternehmen werden die Überreste der anderen aufkaufen, wodurch der Markt noch stärker konzentriert wird. Die Technologie an sich wird alltäglich und in praktisch jeden Bereich unseres Lebens integriert werden. Die Leute werden realistisch einschätzen können, was KI leisten kann und was nicht.
»Millionen Menschen werden während des Crashs ihre Arbeitsplätze und ihre Ersparnisse verlieren. Reichtum und Macht werden sich noch stärker konzentrieren.«
Natürlich werden Millionen Menschen während des Crashs ihre Arbeitsplätze und ihre Ersparnisse verlieren. Reichtum und Macht werden sich noch stärker konzentrieren, wenn die größten Technologieunternehmen ihre untergegangenen Konkurrenten aufkaufen, um anschließend ihre Kontrolle über die technologische Infrastruktur auszunutzen, die die meisten anderen Firmen für ihre Arbeit benötigen. Sie werden diese Macht nutzen, um unsere Demokratien weiter zu vereinnahmen und die Politik dazu zu drängen, hart gegen ausländische Konkurrenten vorzugehen.
Auch unsere Umwelt wird sich dauerhaft verändern. Erald Kolasi und Jesse Damiani haben kürzlich einen hervorragenden Artikel veröffentlicht, in dem sie die Umweltauswirkungen des KI-Booms berechnen. Sie schätzen, dass die KI im Jahr 2026 für 1,1 Prozent des gesamten weltweiten Energiebedarfs verantwortlich zeichnet. KI verbraucht bereits mehr Energie als das gesamte Vereinigte Königreich. Unterdessen sind viele Kommunen gezwungen, ohne Wasser auszukommen, während andere unter ausgeprägten »Wärmeinseleffekten« leiden, verursacht durch die Hitze, die diese Industriegiganten abgeben.
Das Kapital muss dafür bezahlen
Nach Jahren des Hypes und Billionen von Dollar wird uns der KI-Boom also eine gekaperte Wirtschaft, eine korrumpierte Demokratie und eine zerstörte Umwelt hinterlassen. Man wird uns sagen, dass Märkte nun einmal so funktionieren: Manchmal geht es aufwärts, manchmal abwärts. Doch diese Darstellung verschleiert, wie Entscheidungen in kapitalistischen Volkswirtschaften tatsächlich getroffen werden.
Denn wie ich in meinem Buch Die Geburt der Freiheit aus dem Geist des Sozialismus dargelegt habe, zeichnen sich kapitalistische Volkswirtschaften durch allgegenwärtige Zentralplanung aus. Monopolistische Konzerne arbeiten mit korrupten Politikern zusammen, um zu entscheiden, wer was erhält, während sie »den Markt« als Deckmantel nutzen, um ihre Macht zu verschleiern. Der KI-Boom ist da keine Ausnahme. Einige wenige mächtige Kapitalisten haben beschlossen, dass wir mehrere Jahre lang unsere gesamte Zeit und unser gesamtes Geld in die Entwicklung und Einführung von KI investieren werden. Und genau das tun wir gerade.
Nicht »der Markt« hat entschieden, dass KI unsere Zukunft sein wird, sondern das Kapital. Und wenn die verheerenden Folgen dieser Entscheidung deutlich werden, dürfen wir nicht zulassen, dass es sich einmal mehr hinter abstrakten »Marktkräften« verstecken kann. Das Kapital hat uns auf diesen Weg geführt, und das Kapital muss dafür bezahlen. Klar ist auch: Die Politikerinnen und Politiker werden nicht gegen ihre wohlhabenden Geldgeber vorgehen. Das liegt an uns. Blockieren wir also neue Rechenzentren, zerlegen wir sie in Einzelteile und beginnen wir, den Widerstand in unseren Gemeinschaften und an unseren Arbeitsplätzen zu organisieren.
Übersetzung von Tim Steins.
Dieser Text erschien zuerst auf Grace Blakeleys Substack.