Zum Hauptinhalt springen

Fünf Illusionen, die uns gefangen halten

Der Kapitalismus ist weder natürlich noch freiheitlich. Wollen wir uns wirklich emanzipieren, müssen wir mit einer Reihe falscher Vorstellungen brechen.
Austerität soll die Arbeitenden schwach machen. IMAGO / CFOTO

Im Jahr 2025 haben die 500 reichsten Menschen der Welt ihr Vermögen um 2,2 Billionen Dollar vergrößert, während über 2 Milliarden Menschen unter Ernährungsunsicherheit leiden. Laut Oxfam ziehen die Superreichen aus Ländern mit hohem Einkommen stündlich rund 30 Millionen Dollar aus den ärmsten Ländern ab, in denen 85 Prozent der Weltbevölkerung leben.

Während immer mehr Menschen damit zu kämpfen haben, sich ein Dach über dem Kopf zu sichern, haben die weltweiten Militärausgaben 2,7 Billionen Dollar erreicht. Auch öffentliche Investitionen in sogenannte »Hightech-Lösungen« konzentrieren sich zunehmend auf die Rüstungsindustrie und schüren ökologische Zerstörung, Ressourcenextraktion und die Nutzung fossiler Brennstoffe.

Diese Daten bieten nur einen kleinen Einblick in die tiefe Irrationalität einer Gesellschaft, in der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen – selbst der lebensnotwendigsten – der abstrakten und gewalttätigen Logik des kapitalistischen Profits untergeordnet ist. Um diesen historischen Moment ernsthaft anzugehen, müssen wir uns von einigen Illusionen befreien, die unsere wirtschaftliche Vorstellungswelt beherrschen – auch auf der Linken.

Die Wahrheit über Markt und Staat

Die erste ist die Vorstellung, dass der Markt eine spontane und natürliche Institution sei. Wie Ellen Meiksins Wood gezeigt hat, entspringt der Kapitalismus nicht der angeborenen menschlichen Neigung zum »Tauschen und Handeln«, wie Adam Smith es darstellte. Märkte gab es schon vor dem Kapitalismus. Der kapitalistische Markt ist jedoch etwas qualitativ anderes: Der Kapitalismus ist ein Gesellschaftssystem, das darauf beruht, dass Menschen zum Überleben auf den Markt angewiesen sind.

Durch die Privatisierung der Gemeingüter und der Lebensgrundlagen wurden Millionen von Menschen der Möglichkeit beraubt, unabhängig zu leben. Um Zugang zu lebensnotwendigen Gütern – Nahrung, Wohnung, Gesundheitsversorgung – zu erhalten, braucht man Geld. Und um Geld zu haben, muss die Mehrheit der Menschen ihre Arbeitskraft auf dem Markt verkaufen. Der kapitalistische Markt ist also nicht das Reich der Freiheit, sondern ein Zwang.

Das bedeutet auch, mit einer zweiten tief verwurzelten Illusion zu brechen: der Vorstellung, der Markt existiere, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. In Wirklichkeit sind im Kapitalismus wir es, die dem Markt dienen, nicht umgekehrt. Produktion, Arbeit, Innovation und sogar die Grundbedürfnisse werden der Kapitalakkumulation untergeordnet.

»Viele beschränken sich darauf, den Neoliberalismus, die übermäßige Finanzialisierung oder die Macht der Monopole anzuprangern, als gäbe es irgendwo einen ›guten‹ und demokratischen Kapitalismus, den es wiederherzustellen gälte.«

Daraus ergibt sich drittens auch die wahre Bedeutung von Austerität. Diese ist keine »schlechte Politik« und auch nicht das Ergebnis der Irrationalität inkompetenter Regierungen. Sie ist eine strukturelle Notwendigkeit des heutigen Kapitalismus. Kürzungen bei den Sozialausgaben, Privatisierungen, Zinserhöhungen, Prekarisierung der Arbeit: All diese Maßnahmen dienen dazu, das grundlegende soziale Verhältnis aufrechtzuerhalten, auf dem das System beruht, nämlich die Abhängigkeit der Mehrheit vom Arbeitsmarkt und die Unterordnung der Arbeit unter den Profit. Dies nimmt für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung im Globalen Süden noch räuberischere Züge an, da ihnen durch die Austerität ständig Ressourcen entzogen werden, um die Akkumulation im Zentrum zu begünstigen.

Es gibt keinen Kapitalismus ohne Austerität. Die Austerität dient dazu, die Arbeiter schwach und das Kapital stark zu halten.

Viertens ist die Unterscheidung zwischen Staat und Markt weitgehend ideologisch. Der kapitalistische Staat zieht sich nicht aus dem Markt zurück: Er greift ständig ein, um die für die private Akkumulation notwendigen Bedingungen zu schaffen und zu reproduzieren. Er tut dies, indem er Reichtum von unten nach oben umverteilt, die Arbeit diszipliniert, die Profite schützt und die sozialen Verhältnisse sichert, auf denen der Markt selbst beruht.

Ein Beispiel unter vielen: In seinem Artikel vom Juni 2026 für Le Monde diplomatique beschreibt Evgeny Morozov, wie das Pentagon plant, in den nächsten drei Jahren bis zu 200 Milliarden Dollar zu mobilisieren, um strategische Sektoren wie künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, digitale Infrastruktur und Militärtechnologien durch ein enges Bündnis zwischen Staat, Big Tech und großen, mit Private-Equity-Fonds verbundenen Finanzkonzernen wie Cerberus Capital Management zu fördern.

Deshalb schreiten Militarismus und Austerität gemeinsam voran. Militärausgaben sind aus kapitalistischer Sicht vollkommen rational: Sie stimulieren Wachstum und Gewinne, ohne die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zu stärken. Im Gegensatz dazu würden wirklich emanzipatorische soziale Investitionen – Vollbeschäftigung, universelle Sozialleistungen, garantierte Einkommen – die Abhängigkeit vom Markt verringern und damit die Klassenverhältnisse destabilisieren, auf denen das System basiert.

Fünftens ist auch Arbeitslosigkeit kein Zufallsprodukt des Kapitalismus, sondern ein struktureller Bestandteil desselben. Die Zentralbanken beweisen dies, wenn sie die Zinssätze anheben: offiziell, um »die Inflation zu bekämpfen«, konkret aber, um die Wirtschaft zu bremsen, die Arbeiterschaft zu schwächen und die Lohndisziplin zu erhöhen.

Kein Selbstläufer

Deshalb ist es falsch zu glauben, dass wir Zeuginnen und Zeugen einer »Ausartung« des Kapitalismus sind. Viele zeitgenössische Kritiken beschränken sich darauf, den Neoliberalismus, die übermäßige Finanzialisierung oder die Macht der Monopole anzuprangern, als gäbe es irgendwo einen »guten« und demokratischen Kapitalismus, den es wiederherzustellen gälte. Doch was wir heute sehen, ist keine Abweichung vom System: Es ist das immer deutlichere Hervortreten seiner grundlegenden Logik.

»Der Kapitalismus erhält sich nicht von allein aufrecht. Er muss ständig durch politische Institutionen, wirtschaftliche Disziplin und soziale Machtverhältnisse durchgesetzt, geschützt und reproduziert werden.«

Die gute Nachricht ist, dass nichts davon selbstverständlich ist. Der Kapitalismus erhält sich nicht von allein aufrecht. Er muss ständig durch politische Institutionen, wirtschaftliche Disziplin und soziale Machtverhältnisse durchgesetzt, geschützt und reproduziert werden. Und genau diese permanente Abhängigkeit von politischer Macht macht das System viel fragiler, als wir oft annehmen.

Dies ist das Bestreben des Forum for Real Economic Emancipation (FREE): permanente Versammlungen der Wirtschaftsdemokratie zu schaffen, Orte, an denen die Menschen sich gemeinsam die Entscheidungen zurückerobern können, die heute den Märkten, den Technokraten und privaten Interessen überlassen werden. Wir haben bereits Versammlungen in Tulsa, Zürich und Turin ins Leben gerufen und stoßen auf großes Interesse daran, das Projekt auch nach Deutschland auszuweiten.

Wenn der Kapitalismus ein historisch gewachsenes politisches System ist, dann kann er auch historisch verändert werden. Doch dies erfordert Organisation, Konflikt und demokratische Vorstellungskraft.

Noch keine Antworten

Sei die erste Person, die ihre Gedanken teilt.