Der Sirenengesang des linken Selbstbetrugs
Kein Zweifel, es wäre lohnend, jenen Film zu sehen, den Rosenfelder bespricht, – wenn es denn der wäre, der momentan als „Odyssey“ in den Kinos läuft.
Die wohl absurdeste Szene war die des Überfalls der „People of the Sea“ auf ein Dorf, bei dem Odysseus seine mordende und brandschatzende Crew auf Englisch als „the Greeks“ vorstellt, was einem verängstigten Dorfbewohner gedolmetscht wird, damit dieser dann auf Neugriechisch antworten kann! Diese einzige Szene, in der nicht die Lingua franca des westlichen Imperialismus gesprochen wird, wird man wohl kaum als besonders raffinierte Kritik an der Selbstvernichtung des Westens oder gar an der Donroe-Doktrin interpretieren können. Für die meisten Kinogänger/innen dürfte sich der Dorfbewohner einfach Spanisch anhören: „It sounds all Greek to me“ – also unverständlich. Die Idee, den Dorfbewohner etwa Arabisch sprechen zu lassen, hatte Nolan ganz einfach nicht, weil Troja für ihn genauso wenig Gaza war, wie mit dem griechischen Fischerdorf Deir el-Balah gemeint sein sollte.
Von Respekt für die heutigen wie auch die vergangenen Kulturen der Länder, in denen die Odyssee spielt, fehlt nach Nolans Geldverschwendung jede Spur. Mit Ausnahme des Schwerts des Odysseus, das einem Bronzeschwert des 11. Jhs. v.u.Z., das sich im British Museum (London) befindet und angeblich aus Ithaka stammen soll, war in dem gesamten Film kein einziges auch nur annähernd authentisches Objekt zu sehen. Wenn ein Regisseur die Armee der unterlegenen westasiatischen Stadt Troja mit Rüstungen ausstattet, die man nur als ultrabilligen Verschnitt der Sturmtruppenpanzerung aus Star Wars mit einem schlecht gezeichneten Antikencomic bezeichnen kann und die alle so aussahen, das hätte man dem 3D-Drucker den Befehl „drucke 20 x die weiße Plastikmontur!“ gegeben, wo bemüht sich der Regisseur dann auch nur minimal um das Nicht-Westliche?
Dass Zeus, Achilles, Helena etc. mit schwarzen Schauspieler/inne/n besetzt werden, ist seit der britischen Netflixserie „Troy: Fall of a City“ von 2018 kalter Kaffee – ebenso wie die entzückten Reaktionen liberal-bürgerlicher Kommentator/inn/en (auch aus den altertumswissenschaftlichen Disziplinen) und die rassistischen Gegenreaktionen, die ob einer solchen Zumutung das Abendland untergehen sehen.
Wahr ist, dass sich die acht Jahre alte Fernsehserie und der laufende Hollywoodfilm um die Diversität der Bevölkerungen im heutigen Mittelmeerraum – geschweige denn eine wissenschaftlich rekonstruierte Realität aus dem 12. oder 7. Jahrhundert v.u.Z. – einen Dreck scheren. Sonst wäre vielleicht eine Hauptrolle tatsächlich mit einer/m Schauspieler/in aus einem Mittelmeeranrainerstaat besetzt worden. Es war ganz einfach ein kommerzieller Trick, um zahlende Zuschauergruppen in den USA und Großbritannien abzuhaken, Segmente des kapitalistischen Markts zu bedienen. Es ging nicht darum, tatsächlich progressive gesellschaftliche Aussagen zu treffen.
Bei aller Verdrehung der Geschichte hatte „Troy“ von Petersen in Agamemnon/Brian Cox einen Imperialisten, der heute noch ins Weiße Haus einziehen könnte (während Nolans Agamemnon dort höchstens einen Job als Türsteher mit Knopf im Ohr bekäme), und zugleich konnte „Troy“ mit dem grandios humanen Dialog zwischen Achilles/Brad Pitt und Priamos/Peter O’Toole aufwarten, der der literarischen Vorlage würdig war. Nolan dagegen ist nicht einmal dazu in der Lage, Odysseus’ berühmteste List, die die Flucht seiner Krieger vor den versammelten Kyklopen ermöglicht, mit dem einen einzigen dafür nötigen Satz (und ein-zwei zusätzlichen Kyklopen) umzusetzen! Tatsächlich: Wenn wir im Kino nur Nolans zähes, akustisch (und teilweise visuell) schlecht umgesetztes, uninspiriertes und langweiliges Machwerk sehen könnten, dann hätte niemand Odysseus’ Irrfahrten verfilmt. So wenig wie Nolan weiß, dass sein Name Niemand ist, so wenig ist er Antiimperialist. Dass die Sahrauis mit ihrem von Nolan ignorierten Protest schon während der Dreharbeiten der ganzen Welt unmissverständlich bewiesen hatten, dass der Regisseur mit beiden Beinen fest im imperialistischen Lager steht, kann Rosenfelder nicht verschweigen; doch er muss dem Publikum am Ende seiner Filmkritik schwach verklausuliert nahelegen, darüber hinwegzusehen – um seine Überinterpretation zu retten.
Seiner Klassenposition entsprechend ist Nolan ein westlicher Liberaler, der eine vage Ahnung davon hat, dass sich sein komfortables bourgeoises Lebensumfeld demnächst in Rauch auflösen könnte. Warum das so ist, versteht und behandelt er in seinem Film nicht – trotz der billig wirkenden Metaphorik, mit der er seine plakative, aber ganz individualistische Scham auf der Leinwand ausbreitet.