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Nicht Israel hat den Irakkrieg verursacht, sondern der US-Imperialismus

John Mearsheimer und Stephen Walt machen Israel für die militärischen Fiaskos der USA im Nahen Osten verantwortlich. Doch vom Irak- bis zum Irankrieg hatte Washington seine eigenen Gründe für Kriege in der Golfregion.
Gilbert Achcar
Zu glauben, Donald Trump habe eine Militäroperation dieses Ausmaßes hauptsächlich gestartet, um Netanjahu zu erfreuen, ist eine ebenso grobe Fehlinterpretation des »America First«-Präsidenten wie die vor seiner zweiten Amtseinführung und noch Monate danach verbreitete Vorstellung, er sei ein Mann des Friedens. Bild: Newscom / AdMedia

Es ist jedes Mal dasselbe. Die USA stürzen sich kopfüber und unüberlegt ins Chaos im Nahen Osten, und wie auf Knopfdruck werden Stimmen laut, die gesamte Schuld dafür liege bei Israel. Die beiden markantesten Beispiele dafür waren die Irak-Invasion 2003 unter George W. Bush sowie der gemeinsame US-israelische Angriff auf den Iran, der am 28. Februar 2026 unter der zweiten Trump-Regierung begann.

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Die bekanntesten Beiträge zum Thema »Israel hat immer Schuld« sind nach wie vor die von John Mearsheimer und Stephen Walt. Alles begann mit einem Artikel der beiden, der 2006 in der London Review of Books erschien und im Jahr darauf zu einem umfangreichen Buch mit fast fünfhundert Seiten weiterentwickelt wurde: Die Israel-Lobby: Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird. Die beiden Autoren begannen mit dieser Arbeit zu einer Zeit, als das Fiasko der Bush-Regierung im Irak schon so offensichtlich geworden war, dass der US-Kongress eingreifen und eine überparteiliche Kommission einsetzen musste – die Iraq Study Group, auch bekannt als Baker-Hamilton-Kommission. Deren Aufgabe war es, einen Ausweg aus der verheerenden Lage zu finden.

Schon der Zeitpunkt der Artikel- und der Buchveröffentlichung wirft eine Frage auf: Warum hatten die beiden Autoren nicht schon auf den früheren verheerenden Krieg reagiert, den die Vereinigten Staaten gegen den Irak geführt hatten – nämlich 1991 unter der Führung von George H. W. Bush?

1991 vs. 2003

Schließlich war Israels damaliges Interesse, sowohl die irakischen Streitkräfte als auch die Infrastruktur des Landes zu zerstören, sicherlich größer als das Interesse, das es daran gehabt haben könnte, dass amerikanische Truppen das Land 2003 besetzten – zumal diese Besatzung die irakischen Verbündeten von Israels regionalem Erzfeind Iran aus dem Exil mitbrachten und sie zu einem Teil der nach der Invasion gebildeten sogenannten »Koalitions-Übergangsverwaltung« im Irak machten.

Vor dem Angriff von 1991 war Saddam Husseins Irak aus seinem achtjährigen Krieg gegen den Iran mit einer aufgeblähten Armee und einer riesigen Verschuldung hervorgegangen. Im August 1990 marschierte er in das ölreiche Emirat Kuwait ein, um seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen und den Erhalt sowie den Ausbau der Streitkräfte zu finanzieren. Israel hatte damals verständlicherweise ein riesiges Interesse an der Zerstörung dieses irakischen Staates. Es wäre ein Leichtes gewesen, ein überzeugendes Argument aufzubauen, das zeigt, wie sowohl die israelische Regierung als auch die Israel-Lobby in den USA intensiv und entschlossen auf der Seite der Falken im US-Establishment intervenierten.

»Wurde die Invasion im Irak auf Druck Israels und seiner Unterstützer entgegen den nationalen Interessen der USA durchgeführt, oder war sie gerade Teil einer Verfolgung der nationalen Interessen der USA, wie sie von der Regierung unter George W. Bush verstanden wurden?«

Warum Mearsheimer und Walt diese Geschichte ausgelassen haben, ist allerdings kein großes Rätsel: Beide unterstützten diesen ersten Irakkrieg, weil sie ihn vermutlich als im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten liegend betrachteten. Der konservative Realismus dieser beiden Wissenschaftler interpretiert die Welt als eine, die in Mächte aufgeteilt ist, deren legitime Interessen sich aus ihrer geopolitischen Position und ihrem Streben nach regionaler oder globaler Hegemonie ergeben.

Als Realisten standen Mearsheimer und Walt dem Realismus der Bush-Senior-Regierung sehr nahe. Dazu gehört auch die Übereinstimmung mit der Ansicht der arabischen Verbündeten Washingtons, dass der Sturz des Regimes von Saddam Hussein vermieden werden sollte, solange es keine glaubwürdige Alternative gibt, die einer US-Hegemonie entgegenkommen würde. Deshalb ging der Angriff von 1991 nicht bis nach Bagdad – eine Entscheidung, die zu bitteren Vorwürfen seitens einiger Neokonservativer und ihrer irakischen Verbündeten führte, die darin einen Verrat an ihrem Wunsch nach einem Regime Change sahen. Trump würde Jahrzehnte später, nachdem das Vorhaben gescheitert war, diese Wünsche nach einem Regimewechsel mit Spott überhäufen und sich voll und ganz dem sogenannten realistischen Ansatz anschließen.

Der Kontrast zwischen dem Krieg von 1991 und der Invasion von 2003 war eklatant – nicht nur, weil die mit Neokonservativen besetzte Bush-Junior-Regierung nun einen echten Regimewechsel anstrebte (sehr zum Ärger der arabischen Ölmonarchien, die zu Recht befürchteten, dass der eigentliche Nutznießer ihr Erzfeind Iran sein würde), sondern auch hinsichtlich der Kriegsbegründung mit Blick auf die vermeintlichen nationalen Interessen der USA, wie Mearsheimer und Walt sie sahen.

Die beiden empfanden die Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, als »schwer verständlich«. Hussein sei, das räumten sie ein, »ein brutaler Tyrann mit beängstigenden Ambitionen – einschließlich des Strebens nach Massenvernichtungswaffen –, aber seine eigene Unfähigkeit hatte diese gefährlichen Ziele unerreichbar gemacht. Seine Armee war im zweiten Golfkrieg 1991 besiegt und durch ein Jahrzehnt UN-Sanktionen weiter geschwächt.« Demnach sei die militärische Macht des Irak »außer auf dem Papier nie besonders beeindruckend gewesen«. Doch nach den Anschlägen vom 11. September, als man erwarten hätte können, dass sich die Vereinigten Staaten voll und ganz auf Al-Qaida konzentrieren, entschied sich die Bush-Regierung dafür, »ein verfallendes Land anzugreifen, das mit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon nichts zu tun hatte und das bereits wirksam unter Kontrolle gehalten wurde«. 

Für Mearsheimer und Walt war das »eine äußerst rätselhafte Entscheidung«.

Druck der »Israel-Lobby« oder nationales Interesse?

Die denkbar schlechteste Erklärung für diese »rätselhafte Entscheidung« ist Israel, und zwar aus dem offensichtlichen Grund, dass die oben genannten Faktoren die Prioritäten des zionistischen Staates noch stärker bestimmten als die der Vereinigten Staaten: Warum um alles in der Welt sollte die israelische Regierung darauf aus sein, die Vereinigten Staaten zu einer Invasion im Irak anzustacheln, wo dieses Land doch bereits 1991 durch die verheerende Zerstörung seines Militärs sowie seiner zivilen Infrastruktur lahmgelegt worden war, gefolgt von einem Dutzend Jahren US-geführter wirtschaftlicher Strangulierung? Würde irgendjemand glauben, dass Israel weniger besorgt war als die arabischen Ölmonarchien am Golf, dass der Iran möglicherweise die Kontrolle über den Irak übernehmen könnte? Und doch hinderten solche offensichtlichen Umstände Mearsheimer und Walt nicht daran, die Schuld der Israel-Lobby zuzuschreiben. Dabei warfen sie unbedacht spezifisch proisraelische US-Institutionen – darunter vor allem das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) – und die Neocons, insbesondere jene, die sich als Mitglieder des Project for the New American Century (PNAC) für die Invasion des Irak einsetzten, in einen Topf. 

Keine Frage, die beiden Wissenschaftler haben gute Arbeit dabei geleistet, den Einfluss der Israel-Lobby auf die US-Nahostpolitik im Allgemeinen aufzudecken. Dafür wurden sie zu Unrecht des Antisemitismus bezichtigt (ein Vorwurf, den Israel und seine Unterstützer gegen die meisten Kritiker ins Feld führen). Doch sie lieferten auch sehr viel neue Nahrung für die »Israel hat immer Schuld«-Theorie, an die sie sich voll und ganz hielten.

»Das Ziel des PNAC ist nicht die Unterstützung Israels, sondern ein ›neues amerikanisches Jahrhundert‹. Mit anderen Worten: die Förderung und Festigung der imperialen Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt.«

Ihre Argumentation stützte sich auf zahlreiche Zitate israelischer Politiker und Medien, um zu zeigen, dass Israel intensiv für die Irak-Invasion 2003 lobbyiert hatte, was allerdings gegen das »nationale Interesse« der USA gewesen sei. Zweifellos unterstützten viele israelische Politiker den Plan der Regierung von George W. Bush, den Irak zu besetzen. Der enthusiastischste unter ihnen war Benjamin Netanjahu. Allerdings sollte bedacht werden, dass Netanjahu – während der entscheidenden Diskussionsphase in den USA, an der er teilnahm, indem er als Privatperson unter Eid vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses aussagte – gleichzeitig damit beschäftigt war, gegen seinen Rivalen Ariel Sharon zu taktieren, der damals israelischer Ministerpräsident sowie Vorsitzender der Likud-Partei war.

Die Frage nach Sharons Lobbyarbeit für eine Irak-Invasion 2003 ist weitaus weniger klar. Natürlich konnte der israelische Ministerpräsident seine eigenen Vorbehalte (und die der israelischen Geheimdienste) gegenüber diesem Lieblingsprojekt einer von vielen Freunden Israels im amerikanischen Establishment unterstützten US-Regierung kaum offen äußern. Doch als die These von Mearsheimer und Walt zu einem Thema hitziger Diskussionen geworden war, gab es bereits deutliche Hinweise, die auf ebendiese Vorbehalte (und ihre Äußerung über diskrete Kanäle) hindeuteten. Erinnert sei hier insbesondere an Lawrence Wilkerson, dem damaligen Stabschef von Außenminister Colin Powell, der 2007 in einem Interview sagte, Israel habe die Vereinigten Staaten explizit davor gewarnt, in den Irak einzumarschieren.

Die Debatte läuft letztlich auf die Frage hinaus: Wurde die Invasion im Irak auf Druck Israels und seiner Unterstützer entgegen den nationalen Interessen der USA durchgeführt, oder war sie gerade Teil einer Verfolgung der nationalen Interessen der USA, wie sie von der Regierung unter George W. Bush verstanden wurden?

Eine profitable Investition

Offensichtlich gibt es Unterschiede zwischen AIPAC und PNAC. Es ist unbestreitbar, dass das PNAC bei der Entscheidung der US-Regierung, in den Irak einzumarschieren, eine unvergleichlich größere Rolle spielte als alle Bestandteile der Israel-Lobby. Die drei in dieser Hinsicht einflussreichsten Regierungsmitglieder – Dick Cheney, Donald Rumsfeld und Paul Wolfowitz, die zufällig auch die drei am stärksten in das Irak-Abenteuer involvierten Personen waren – gehörten ebenso zu den 25 Gründern des PNAC wie Zalmay Khalilzad, Bushs Botschafter im Irak.

Der Unterschied zu AIPAC zeigt sich bereits im Namen: Das Ziel des PNAC ist nicht die Unterstützung Israels, sondern ein »neues amerikanisches Jahrhundert«. Mit anderen Worten: die Förderung und Festigung der imperialen Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt. In einem im Januar 1998 verfassten PNAC-Brief an Bill Clinton, in dem dieser ebenfalls zur Invasion des Irak gedrängt wird, erwähnten die 18 Unterzeichner Israel nur ein einziges Mal und stellten das Land dabei auf eine Stufe mit den arabischen Verbündeten der USA: »Die Sicherheit der amerikanischen Truppen in der Region, unserer Freunde und Verbündeten wie Israel und der gemäßigten arabischen Staaten sowie ein bedeutender Teil der weltweiten Ölversorgung würden allesamt gefährdet.«

In diesem Brief zeigt sich die in US-Elitekreisen am weitesten verbreitete Auffassung über das nationale Interesse der USA. Doch statt sich auf diese Sichtweise zu konzentrieren, entschieden sich Mearsheimer und Walt – selbst zwei Mitglieder des außenpolitischen Establishments der USA – dafür, die »Schuld« der Israel-Lobby zuzuschreiben. Eine Entscheidung, die es ihnen ermöglichte, das Irak-Fiasko zu erklären, ohne dabei eine ehrliche und offene (und schwierigere) Diskussion über die bedeutenden imperialistischen Interessen der USA (aka »nationales Interesse«) führen zu müssen.

Das ist kein Fall von »hinterher weiß man immer mehr«. Tatsächlich haben schon viele Kritikerinnen und Kritiker des US-Imperialismus dargelegt, die Annahme, Israel würde die US-Politik im Nahen Osten regelrecht diktieren, gleicht dem Schwanz, der mit dem Hund wedelt. 

»Anfang der 1960er Jahre hatte ein sich radikalisierender arabischer Nationalismus Washington gezwungen, seinen direkten militärischen Stützpunkt in der Region zu verlassen.«

Das Thema erfordert eine historische Perspektive: Anfang der 1960er Jahre hatte ein sich radikalisierender arabischer Nationalismus Washington gezwungen, seinen direkten militärischen Stützpunkt in der Region zu verlassen: Man gab den Luftwaffenstützpunkt Dhahran im Herzen der saudischen Ölfelder auf, gerade als die Interessen, die dieser Stützpunkt schützen sollte, bedroht wurden. Da die Vereinigten Staaten nicht offen eingreifen konnten, ohne die arabische Feindseligkeit weiter zu schüren, fanden sie in Israel einen unschätzbaren strategischen Trumpf. Wie ich 2003 schrieb: »Einerseits spielte Israel eine militärische Rolle als Wachhund imperialistischer Interessen in der Region. Und andererseits konnte Washington gegenüber den arabischen Ländern politischen Nutzen daraus ziehen, indem es den Eindruck vermittelte, die Leine dieses Wachhundes fest im Griff zu haben.«

Aus dieser Perspektive betrachtet stellen die Summen, die die Vereinigten Staaten für Israel aufwenden, eine der rentabelsten Investitionen dar, die jemals zum Ausbau der US-Hegemonie getätigt wurden. Man vergleiche die gut 300 Milliarden Dollar (inflationsbereinigt) an wirtschaftlicher und militärischer Hilfe, die Washington zwischen 1946 und 2024 Israel gewährt hat, mit den 1,5 Billionen Dollar, die die Trump-Regierung allein für das kommende Haushaltsjahr für das Pentagon vorgesehen hat. Ökonomen sprechen von einem »Grenznutzen pro ausgegebenem Dollar«. Hier ist klar, dass jeder für die Unterstützung Israels ausgegebene Dollar weitaus mehr Grenznutzen gebracht hat als jeder Dollar, der dem ohnehin schon gigantischen US-Militärhaushalt hinzugefügt wird.

Die Bedeutung der Golfregion

Diese Betrachtungsweise ermöglicht ein wesentlich tieferes Verständnis dessen, worum es bei dem Invasionsvorhaben von 2003 ging und was später über die Debatten bekannt wurde, zu denen es geführt hatte – nicht nur innerhalb der Bush-Regierung, sondern auch zwischen Washington und seinen arabischen Verbündeten (sowie hinter den Kulissen mit Israel). Ich habe mich bereits im Mai 2004, lange vor der Mearsheimer-Walt-Kontroverse, in einem Artikel mit dem Titel »Bushs entspannter Weg in die Irak-Zwickmühle« zu diesen Debatten geäußert.

Mearsheimer und Walt können sich offenbar nicht dazu durchringen, einzusehen, dass die strategische Bedeutung des Golfs für die imperialen Interessen der USA die Leitidee der US-Politik im Nahen Osten ist. Das sollte seit 1945 eigentlich allgemein bekannt sein. Ebenso wenig wollen sie zugeben, dass genau diese Bedeutung der Hauptgrund für das amerikanisch-israelische Bündnis selbst ist. Und so weigern sie sich auch, das anzuerkennen, was Alan Greenspan, Vorsitzender der Federal Reserve von 1987 bis 2006, in seinen 2007 erschienenen Memoiren einräumte. Nämlich, dass »es beim Irakkrieg größtenteils um Öl ging«. Greenspan, sicherlich kein Radikaler, bezeichnete Instabilität im Nahen Osten als den riesigen Faktor, der das weltweite Wirtschaftswachstum zum Erliegen bringen könne – ein Faktor, so merkte er an, den nüchterne Energieprognosen nicht einfach ausblenden können.

Heute ist die Kontrolle der USA über den Ölfluss aus der Golfregion weniger für die eigene Versorgung von Bedeutung als vielmehr als Druckmittel gegenüber anderen: Insbesondere gegenüber dem importabhängigen China, dem einzigen wirklichen Konkurrenten der USA, sowie gegenüber den eigenen importabhängigen Verbündeten in Europa und Ostasien. Dabei geht es nicht nur um Öl an sich, sondern auch um die vielen Petrodollars. Die Staatsfonds der sechs Monarchien des Golf-Kooperationsrats (GCC) verwalten zusammen fast 6 Billionen US-Dollar, mehr als 40 Prozent des globalen Gesamtvolumens. Genau diese Staaten sind außerdem wichtige Kundschaft des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI gehörten drei dieser Staaten – Saudi-Arabien, Kuwait und Katar – im Zeitraum 2020-2024 zu den zehn größten Waffenimporteuren der Welt. Die USA lieferten dabei 74 Prozent der saudischen Importe, 63 Prozent der kuwaitischen und 48 Prozent der katarischen.

Rechnet man die weiteren, gut bekannten Geschäftsinteressen hinzu, die die Familien Trump, Kushner und Witkoff in und mit den GCC-Staaten unterhalten, sowie die zunehmend wichtige Rolle der Tech-Oligarchie, wird das schiere Ausmaß der US-Interessen im Nahen Osten nochmals deutlicher. Das wog schwerer als jeder andere Faktor – einschließlich Netanjahus Zündeln – bei Trumps Entscheidung, sich im Juni 2025 den israelischen Angriffen auf den Iran anzuschließen und anschließend ab dem 28. Februar 2026 gemeinsam mit Israel einen Krieg zu führen. Zu glauben, Trump habe eine Militäroperation dieses Ausmaßes hauptsächlich gestartet, um Netanjahu zu erfreuen, ist eine ebenso grobe Fehlinterpretation des »America First«-Präsidenten wie die vor seiner zweiten Amtseinführung und noch Monate danach verbreitete Vorstellung, er sei ein Mann des Friedens.

»Ein nuklear bewaffneter Iran wäre eine ganz andere Geschichte: Er würde die US-Hegemonie in der Golfregion gefährden.«

Das einzige Argument dafür, dass ein Angriff auf das iranische Atomprogramm dem nationalen Interesse der USA zuwiderlaufen würde, wurde – fast schon präventiv – von Mearsheimer und Walt in ihrem ursprünglichen Artikel aus dem Jahr 2006 vorgebracht. Sie räumten dabei ein, dass die nuklearen Ambitionen des Iran in Washington durchaus Anlass zur Sorge gaben. Doch sie wiesen auch darauf hin, dass diese Ambitionen keine wirkliche Bedrohung darstellten: »Wenn die Vereinigten Staaten mit einer Nuklearmacht Sowjetunion und einer Nuklearmacht China […] leben konnten, wenn sie eine Nuklearmacht Pakistan tolerieren und sich mit einer Nuklearmacht Indien verbünden, dann können sie auch (und sei es nur widerstrebend) mit einer Nuklearmacht Iran leben.«

Hier wird erneut die strategische Bedeutung der Golfregion für die imperialen Interessen der USA eklatant unterschätzt. Den Vereinigten Staaten blieb schlichtweg nichts anderes übrig, als die eigene Nuklearstrategie an den faktischen Ausbau der Arsenale Chinas und der UdSSR anzupassen. Die nukleare Aufrüstung Nordkoreas, eines an China angrenzenden und unter dessen Einfluss stehenden Landes, war für Washington von begrenzter strategischer Bedeutung; sie veränderte das Kräfteverhältnis in Ostasien nicht wesentlich. Gleiches gilt für die nukleare Aufrüstung Indiens und Pakistans sowie deren gegenseitige Abschreckung. 

Doch ein nuklear bewaffneter Iran wäre eine ganz andere Geschichte: Er würde die US-Hegemonie in der Golfregion gefährden. Schließlich wäre eine Atommacht Iran ein klares Zeichen, dass die USA ihren Vasallenstaaten in der Region entgegen den Versprechen keinen Schutz gewähren können. Zudem würde ein nukleares Wettrüsten in der Region ausgelöst und die Sicherheit dieses strategisch höchst wichtigen Teils der Welt erheblich gefährdet werden – weit über die ohnehin schon bedeutende Rolle hinaus, die der Iran durch seine regionalen Stellvertreter und Verbündeten bei der Gefährdung dieser Sicherheit spielt.

Es ist daher glaubwürdig, dass sich Riad neben der offiziellen Linie der Saudis, den Iran zu beschwichtigen, tatsächlich mit Israel zusammentat, um Trump zum Kriegseintritt zu ermutigen, wie die Washington Post bereits am ersten Tag der Kämpfe berichtete. Auf jeden Fall hätte Trump keinen Krieg begonnen, ohne zuvor seine Freunde vor Ort zu konsultieren, allen voran die Saudis und die Emiratis. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass er in den Krieg gezogen wäre, wäre er auf echten Widerstand seitens dieser beiden wichtigen regionalen Verbündeten gestoßen. Der einzige plausible und bedeutende Vorbehalt gegen den Krieg wurde wahrscheinlich vom Emirat Katar geäußert, das sich stets durch Freundschaften mit allen Seiten gegen Risiken abgesichert hat (vom wichtigsten regionalen US-Militärstützpunkt bis hin zur Annäherung an Teheran und dessen Verbündete) und das von dem Krieg stark betroffen sein könnte, wie sich nun ja tatsächlich auch gezeigt hat. Allerdings ist Katars Einfluss auf Trump weitaus geringer als der des saudischen Königreichs und der Vereinigten Arabischen Emirate – trotz des Versuchs, den Einfluss zu stärken, indem Trump ein luxuriöses Boeing-Flugzeug aus der eigenen Flotte geschenkt wurde.

»Der verpfuschteste aller imperialistischen Kriege«

All dies ändert nichts an der Tatsache, dass Trump und seine Regierung etwas gestartet haben, was ich als »den verpfuschtesten aller imperialistischen Kriege der USA« bezeichnet habe. Es dauerte nicht lange, bis klar wurde, dass der Iran im Vergleich zum imperialistischen US-Feldzug gegen Venezuela ein deutlich härterer Brocken für Washington ist. Es zeigte sich, dass man sich letztendlich entscheiden müsste: Entweder eine weitere Eskalation des Krieges ohne Ausstiegsstrategie oder ein sofortiger Ausstieg, ohne die verkündeten Ziele erreicht zu haben. Zu diesem Zeitpunkt schwoll die Kritik aus allen Ecken an – von der radikalen Rechten à la Tucker Carlson über Persönlichkeiten der Mainstream-MAGA-Bewegung bis hin zu einigen Linken, die der Ansicht sind, Antizionismus erfordere die Übernahme der Israel-Lobby-These.

Lassen wir diejenigen, die von einem allmächtigen Israel fantasieren und damit die eigenen, riesigen imperialistischen Interessen der Vereinigten Staaten unterschätzen, außen vor. Die meisten anderen, die – bewusst oder aus einer reflexartigen Reaktion heraus – auf die These »Israel hat immer Schuld« zurückgreifen, lenken die Aufmerksamkeit von eben diesem Imperialismus ab, den sie selbst nachdrücklich befürworten, da er ihrer Ansicht nach dem sogenannten nationalen Interesse der USA dient.

»Welche Ratschläge und Forderungen Netanjahu in Richtung Trump auch immer geäußert haben mag – die entscheidende Verantwortung für den andauernden Krieg liegt beim US-Präsidenten sowie bei jenen Mitgliedern seiner Regierung, die seine größenwahnsinnigen Illusionen teilen.«

Dass Netanjahu und seine rechtsradikale Regierung sowie die gesamte israelische Machtelite den Krieg gegen den Iran von ganzem Herzen befürworteten, steht außer Frage. Doch dass sie für das Eingreifen und das äußerst ungeschickte Vorgehen Trumps und seines Teams in diesem Krieg verantwortlich gemacht werden, ist einfach nicht stichhaltig. Man kann sogar das Gegenteil behaupten: Netanjahu ist demnach eher Trumps »Schoßhündchen« (wie es damals über Tony Blair im Zuge der Irak-Invasion hieß) – zumindest gemessen daran, wie der US-Präsident den israelischen Ministerpräsidenten behandelt: Nicht umsonst wirft die israelische Opposition Netanjahu vor, eine »Marionette« zu sein und Israel in einen »Vasallenstaat« zu verwandeln. 

In jedem Fall muss die unausweichliche Wahrheit anerkannt werden: Welche Ratschläge und Forderungen Netanjahu in Richtung Trump auch immer geäußert haben mag – die entscheidende Verantwortung für den andauernden Krieg liegt beim US-Präsidenten sowie bei jenen Mitgliedern seiner Regierung, die seine größenwahnsinnigen Illusionen teilen.

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