Wilhelm Weitlings moralischer Sozialismus
8. Juni 1843: Skandal in Zürich. Der deutsche Schneidergeselle Wilhelm Weitling wird nur wenige Stunden vor seiner geplanten Flucht nach Deutschland auf Betreiben des Zürcher Kirchenrats mit einigen Genossen verhaftet. Der Grund: Eine kommunistische Auslegung der Evangelien unter dem frommen Titel Das Evangelium der armen Sünder. Der Kirchenbehörde war klar: Der Druck und die Verbreitung dieses Buches müssen verhindert werden! Die Druckfahnen werden noch vor dem Andruck von den Behörden konfisziert, Weitling selbst umgehend wegen kommunistischer Umtriebe verhaftet und vor Gericht gestellt. Das Urteil: zehn Monate Einzelhaft.
Es ist kein normaler Prozess gegen eine politisch missliebige Person, wie es ihn schon Hunderte, wenn nicht Tausende Male gegeben hat. Hier steht ein Mann wegen zweier Delikte vor Gericht: Er bekennt sich zur Idee des Kommunismus und wird der »Religionsstörung zweiten Grades« angeklagt. Die Doppelanklage »Kommunismus« und »Religionsstörung« ist bemerkenswert. Sie bildet eine verstörende Gemeinsamkeit zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Kirche.
»Weitling weiß um die revolutionäre Kraft, die von der Bibel ausgehen könnte, würde sie nicht verdreht, entschärft oder spiritualisiert.«
Geboren am 5. Oktober 1808 in Magdeburg, wächst Wilhelm Weitling in bitterer Armut auf. Soziale Not treibt ihn wie viele Handwerker auf Arbeitssuche. Er geht nach Paris und schließt sich dort dem »Bund der Gerechtigkeit« an. Im Jahre 1846 kommt es zu einem tiefen Zerwürfnis mit Marx, der nichts anfangen kann mit Weitlings Betonung der Rolle der Religion für die kommunistische Agitation. Nach Stationen in London emigriert Weitling in die USA – 1871 stirbt er arm und weithin vergessen. Doch dieser frühe Protagonist der kommunistischen Idee bietet heute noch Inspiration für eine Erneuerung der sozialistischen Bewegung und hat es deshalb mehr als verdient, erinnert zu werden.
Der Begründer des Kommunismus
Wilhelm Weitling ist mehr als nur ein Vorläufer des deutschen Kommunismus, er ist sein Begründer. 1838 geben sich die Mitglieder des Bundes der Gerechtigkeit ein Programm, das Weitling selbst verfasst. Es trägt den aussagekräftigen Titel »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte«. Marx lobt die Schrift als ein »brillantes literarisches Debut der deutschen Arbeiter«. Es ist die erste kommunistische Programmschrift seit Thomas Müntzers Schrift im Bauernkrieg im 16. Jahrhundert. Das Werk ist von einem Proletarier für Proletarier verfasst.
»Ich verfasste diese Schrift«, so erinnert sich Weitling später, »zu einer Zeit, in welcher ich jeden Abend bis 10 und 11 Uhr und jeden Sonntag bis 12 Uhr nachmittags als Schneidergeselle arbeiten musste.« Über diese Umstände spricht er nicht jammernd, sondern selbstbewusst. Denn: »Wer über das Elend urteilen will, muss selber Arbeiter sein.«
Weitling beruft sich in der kommunistischen Programmschrift auf die christliche Ethik, um den Kommunismus als eine Lösung der elenden Lage anzubieten. »Ich fing«, schreibt er, »bei der Nächstenliebe an. Dadurch bin ich Kommunist geworden.« Von diesem Gebot ausgehend entwirft Weitling eine kommunistische Gesellschaft. Armut und Elend sind keine Naturereignisse, auch nicht gottgewollt, sondern werden von »Umsonstessern«, gegen die Weitling donnert, gemacht. Wo es Armut gibt, »ist der Besitz des Eigentums ein gegen die Gesellschaft verübtes Unrecht«. Es ist ein kühnes Manifest, und zwar biblisch fundiert. Es geht in einigen Punkten weit über das berühmte Kommunistische Manifest von Marx und Engels hinaus, das zehn Jahre später veröffentlicht wird.
Die Lehre Christi ist für Weitling eine Befreiungstheologie für diese Erde. Mit über hundert Bibelstellen untermauert er nur wenige Jahre später in seinem Evangelium des armen Sünders seine tiefe Überzeugung, dass die mit dem Kommunismus erstrebte gerechte Gesellschaft, in der die Gleichheit und die Gerechtigkeit wohnen, das ist, was die Enterbten seit achtzehn Jahrhunderten von der christlichen Botschaft erhoffen. Er ermutigt sie: »Das Evangelium ist für Euch! Machet daraus ein Evangelium der Freiheit.« Selbstbewusst ermutigt er: »Alles ist von Gottes- und Rechts wegen unser aller Gemeingut. Fordern wir es wieder zurück.«
»Die Utopie des Reichs Gottes versteht Weitling als Kraft zur Veränderung der Lage der arbeitenden Menschen.«
Weitling weiß um die revolutionäre Kraft, die von der Bibel ausgehen könnte, würde sie nicht verdreht, entschärft oder spiritualisiert. Den linkhegelianischen Aufklärern, die den Atheismus predigten, hält er ganz befreiungstheologisch entgegen: »Die Religion muss nicht zerstört, sondern benützt werden, um die Menschheit zu befreien.« Das Christentum ist eine »Religion der Freiheit, der Gleichheit und christlichen Liebe«. Mit Analysen wie diesen wird sein Evangelium des armen Sünders zu einem Grundlagendokument einer Befreiungstheologie im Europa des aufkommenden Kapitalismus. Es ist ein Text voller Sehnsucht nach Geschwisterlichkeit, eine Inspiration und zugleich eine hoffende Ermutigung im Kampf für die Freiheit und die Gleichheit aller.
Die Utopie des Reichs Gottes versteht Weitling als Kraft zur Veränderung der Lage der arbeitenden Menschen: »Hier auf Erden ist auch ein Reich Gottes zu gründen. Wenn wir nicht den Mut haben, für die Gründung dieses Reiches etwas zu tun, wozu sich so viel Gelegenheit bietet, so tun wir auch für das in den Lüften nichts: denn wie immer man das Reich Gottes verstehen will, so kann doch der Christ nur durch die Erfüllung der Gebote Christi dahin gelangen.«
Kein Wunder, dass diesem Evangelium des armen Sünders noch vor seinem Druck der Prozess gemacht wird. Weitling bekommt als einer der Ersten zu spüren: Die Kritik am Eigentum ist im Kapitalismus eine Gotteslästerung. Und mit seiner kommunistischen Bibelauslegung begeht er ein Sakrileg. Doch die Anklage vor Gericht offenbart im Grunde, was verdeckt werden sollte, nämlich dass die Religion der Bibel in Zürich längst zu einer Mammonsreligion geworden ist.
Theologie und früher Sozialismus
Es gab bis weit ins 19. Jahrhundert keinen Theologen, der sich mit den Schriften der Frühsozialisten auseinandergesetzt hatte. Niemand erkannte, dass die religiösen Frühsozialisten die Versprechungen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einem kühnen Entwurf mit dem moralischen Grundanliegen des Christentums verknüpft hatten. Ihr Motiv der Befreiung von Ausbeutung, Entfremdung und Unterdrückung wurde nicht erkannt. Stattdessen tat man die Arbeiterbewegung als antikirchlich oder atheistisch ab und machte ihr Ringen um eine gerechte Gesellschaftsordnung zu einer Weltanschauungsfrage. Es war Ernst Bloch, der Weitling schließlich rehabilitierte und in ihm eine Stimme »von einer langen nicht gehörten Christlichkeit« erkannte.
»Damit alle frei sein können, forderte Weitling die Vergesellschaftung von Reichtum, Gemeineigentum und Gemeinwirtschaft.«
Marx und Engels hielten Weitling und die anderen Frühsozialisten für Träumer. Sie würden für den »bestmöglichen Plan der bestmöglichen Gesellschaft« Gebilde aus Luft und religiösem Glauben ersinnen und mit ihrem »utopischen Sozialismus« den Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus blockieren. So heißt es im Kommunistischen Manifest von 1848. Diese Aburteilung und Verächtlichmachung führte dazu, dass Weitling und die anderen Frühsozialisten in Vergessenheit gerieten.
Die hartnäckige Erzählung in der sozialistischen und kirchlichen Geschichtsschreibung war geboren, dass sich Religion und atheistischer Sozialismus von Beginn an konträr gegenüberstehen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der Sozialismus wurde zuerst christlich begründet. Aber selbst wenn der Sozialismus religiös begründet auftrat, war er für die Kirchen ein geistiger Gegenspieler – und er führte zu einer innerkirchlichen Spaltungslinie zwischen Befreiungschristentum unten und einem Kirchenchristentum an der Seite der Mächtigen oben.
Ein Weg zur Erneuerung
Der Sozialismus ist einst angetreten, um das Elend der Menschen abzuschaffen und das Reich der Freiheit zu bringen. Aber im Zuge dieses Versuchs ist er auch missbraucht worden. Man kann ihn nicht reinwaschen, wohl aber wieder aufrichten, damit er wieder mit seinen ureigenen Utopien auftreten kann. Gerade im Erbe von Wilhelm Weitling zeigen sich zwei Wege, wie eine solche Erneuerung des Sozialismus aussehen könnte: durch Freiheit und Moral.
Der Sozialismus, wie Weitling ihn verstand, war eng mit der Vorstellung von Freiheit verknüpft – aber nicht mit unserer heutigen liberalen Vorstellung von Freiheit. Wer wirklich frei sein will, braucht Löhne, von denen man leben kann, Wohnungen, deren Mieten bezahlbar sind und eine würdige Rente. Die Freiheit des Einzelnen gedeiht nur mit Hilfe von Solidarität und Gerechtigkeit. In Zeiten, in denen die Oligarchen die Freiheit besitzen, die Weltherrschaft zu übernehmen und die Kluft zwischen arm und reich wächst, hat sich die Eigentumsfrage ins Monströse vergrößert. Damit alle frei sein können, forderte Weitling die Vergesellschaftung von Reichtum, Gemeineigentum und Gemeinwirtschaft. Diese Forderung mag damals die ökonomische Situation der Zeit überfordert haben, heute aber gehört sie auf die gesellschaftliche Tagesordnung.
Aber Weitlings Freiheitsbegriff muss auch um einen ökologischen Blick erweitert werden. Das Katastrophenwetter des Sommers 2026 ist eine unmittelbare Folge eines Wirtschaftssystems, das ewig wachsen soll und muss. Es zeigt sich, dass die zur Bewältigung der Klimakrisen erforderlichen Maßnahmen den Rahmen des bestehenden kapitalistischen Systems sprengen. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Klimaschutz-Beschluss 2021 den Freiheitsbegriff neu gefasst. Der Gesetzgeber sei »zur verhältnismäßigen Verteilung von Freiheitschancen über die Generationen« verpflichtet. Klimaschutz ist Freiheitsschutz. »Die Schonung künftiger Freiheit verlangt auch, den Übergang zur Klimaneutralität rechtzeitig einzuleiten.« Denn klar ist: Je später gehandelt wird, desto kleiner wird der Handlungsspielraum und desto tiefgreifender und radikaler werden die Maßnahmen in der Zukunft ausfallen. Deshalb muss der Sozialismus des 21. Jahrhunderts eine Antwort auf diese Existenzfrage auf dem Planeten geben und Freiheit für künftige Generationen gewährleisten.
»Der Kommunismus ist also kein ausgedachtes Luftgebilde. Es hat ihn gegeben – es soll ihn wieder geben.«
Aber neben Freiheit braucht es auch Moral. In den Jahrzehnten vor 1848 haben alle französischen Frühsozialisten den Kommunismus mit Motiven biblischer Ethik konstituiert. Dabei haben sie einen Blick zurück zur kommunistischen Urgemeinde des Christentums in Jerusalem geworfen, wo nach der Erzählung der Apostelgeschichte niemand Not litt, weil alle alles gemeinsam hatten. Der Kommunismus ist also kein ausgedachtes Luftgebilde. Es hat ihn gegeben – es soll ihn wieder geben. Aber neben dieser Rückbesinnung blickten die Frühsozialisten auch nach vorne: zur Utopie des Sozialismus im Reich Gottes. Die erinnerte Vergangenheit der kommunistischen Solidargemeinschaft in Jerusalem und die erhoffte Utopie des Reichs Gottes nährten die Utopie eines moralischen Sozialismus, der zum Kampf um Humanität und Gerechtigkeit inspiriert.
Für eine Erneuerung des Sozialismus sind diese moralischen Ursprungsideen bedeutsam und neu zu entdecken. Die moralische Utopie der frühen Sozialisten verbunden mit Marx’ Kritik des Kapitalismus kann das ursprüngliche Anliegen des Sozialismus erneut zur Sprache bringen und damit zu einer Quelle politisch-ethischer Orientierung werden. In der sozial-ökologischen Vielfachkrise sind die Verdammten dieser Erde heute die Erschöpften dieser Erde, die durch die ökologische Zerstörung geschunden werden.
Die Utopie des Sozialismus ist wie zu Weitlings Zeiten wieder utopisch und gleichzeitig zeitgemäß geworden. Zur Rettung des Lebens ist er sozial und ökologisch unausweichlich, politisch notwendig und moralisch geboten.