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Ratko Mladić bleibt für viele in Serbien ein Held

Der verurteilte Kriegsverbrecher Ratko Mladić ist kürzlich in Haft in Den Haag verstorben. Doch vor den anstehenden Wahlen in Serbien tun sich der amtierende Präsident Aleksandar Vučić und viele andere schwer, sich von ihm und seinem Vermächtnis zu distanzieren.
Lela Vujanić
In Serbien hält die Politik keinerlei Abstand von dem jüngst verstorbenen Ratko Mladić. Bild: IMAGO / Anadolu Agency

Kurz nachdem die Todesnachricht bekannt geworden war, staunten die Bewohnerinnen und Bewohner eines Wohnblocks in der Belgrader Innenstadt nicht schlecht: Über Nacht war ein Mural eines verstorbenen Kriegsverbrechers auf den Wänden ihres Blocks entstanden. Wütend reagierten sie mit einer eigenen »Nacht- und Nebelaktion« und zerstörten beziehungsweise übermalten die jüngste Hommage an Ratko Mladić. Es war das erste Mal, dass ein mehrere Meter langes und etwa einen Meter hohes Wandgemälde an diesem Gebäude angebracht wurde, doch das Gesicht des Kriegsverbrechers ist in der serbischen Hauptstadt allgegenwärtig.

Die Nachricht von Mladićs Tod in der Haft in Den Haag erreichte die serbische Öffentlichkeit mitten im Wahlkampf: Die Parlamentswahlen sind zwar noch nicht offiziell angesetzt, dies soll laut Präsident Aleksandar Vučić aber sehr bald geschehen. Die »siegenden Studenten« (nach durchgehenden Massenprotesten seit November 2024) setzen sich für Wahlen ein, ebenso wie mittlerweile auch der amtierende Staatschef Vučić und seine SNS (die überaus unpassend so genannte »Serbische Fortschrittspartei«). Mit Blick auf Mladićs Ableben verkündete der Justizminister hastig, dass »die Protokolle bekannt sind« und Mladić als Ex-General entsprechend mit militärischen und staatlichen Ehren beigesetzt werden müsse. Präsident Vučić hingegen ruderte bald zurück, verwies auf »Wünsche der Familie« und deutete an, dass es möglicherweise doch keine staatlich organisierte Beisetzung geben werde.

»›Der einzige Völkermord auf dem Balkan richtete sich gegen die Serben‹, heißt es in einem auf Englisch gehaltenen Spruchband an einem Gebäude an der Haupteinkaufsstraße der Stadt, direkt gegenüber dem Belgrader Kulturzentrum.«

Einige Oppositionsführer gaben Statements ab, in denen sie sich klar von Mladićs Vermächtnis distanzierten und betonten, die Wahrheit über seine Opfer und den Genozid dürfe nicht vergessen oder relativiert werden. Die EU-Kommission, die in Sachen Balkan nicht unbedingt als moralische oder politische Autorität gilt, erklärte ihrerseits, in einem EU-Beitrittsland dürfe es keinen Spielraum geben, einen verurteilten Kriegsverbrecher zu feiern. In der Republika Srpska – der serbisch geprägten Entität im benachbarten Bosnien und Herzegowina, wo Mladić diverse Gräueltaten befehligte – fanden derweil zahlreiche Mahnwachen für den General statt, oft begleitet mit bekannter Fußball-Hooligansymbolik. In einem professionell produzierten Video sind Studenten aus der Republika Srpska zu sehen, die in Belgrad auf der Branko-Brücke ein riesiges Plakat mit dem Bildnis von Mladić hochhalten. Darauf die Worte: »Auf Deinem Kampf fußt unsere Freiheit.«

Überlebende und Opferverbände aus Srebrenica sowie aus ganz Bosnien zeigten sich schockiert über derartige Reaktionen auf den Tod des Völkermörders. Sie betonten, Mladićs Verurteilung und Inhaftierung seien rechtmäßig gewesen. Sein Tod ändere indes nichts, denn dadurch würden die zahlreichen Toten nicht zurückgebracht oder die Massengräber vergessen gemacht.

Mythenbildung im zerfallenden Jugoslawien

Ratko Mladić wurde 1942 in Ostbosnien geboren. 1965 trat er in die Jugoslawische Volksarmee (JNA) ein, als diese noch eine angesehene Institution des sozialistischen Jugoslawiens war. Er stieg in ihren Reihen auf und wurde schließlich General. Sein wirkliches »Karrierehoch« begann jedoch erst mit dem Zerfall Jugoslawiens in den frühen 1990er-Jahren: Mladić begann, sich in Knin einen Namen zu machen, wohin er entsandt worden war, um gegen die Militärkräfte des sich gerade unabhängig erklärten Kroatiens zu kämpfen. Als die JNA offiziell aus Bosnien abzog und 1992 die Armee der Republika Srpska gegründet wurde, wurde er zum Kommandeur deren Hauptstabs und übernahm dabei einen Großteil der lokalen Infrastruktur der JNA, einschließlich Personal, Waffen und anderer Ressourcen.

Mediengewandt und stets kamerafertig tauschte Mladić seine ideologischen Loyalitäten schnellstens aus und gerierte sich nicht mehr als Kämpfer für das sozialistische Jugoslawien, sondern als Verteidiger der ethnischen Serben. Zu seinem »Vermächtnis« in Bosnien gehören die Belagerung von Sarajewo, der Völkermord in Srebrenica sowie weitere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in anderen Teilen von Bosnien und Herzegowina. Nachdem das Dayton-Abkommen von 1995 das Ende des Krieges in Bosnien besiegelte, wurde Mladić vom Internationalen Strafgerichtshof der Vereinten Nationen für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) angeklagt.

Um sich einem Prozess zu entziehen, begab er sich nach Belgrad und lebte dort unter dem Schutz von Präsident Slobodan Milošević relativ unbehelligt, bis sein Schutzherr im Oktober 2000 gestürzt wurde. Die folgenden Jahre verbrachte Mladić im Untergrund – zunächst unterstützt von einem Netzwerk ehemaliger Militäroffiziere und später von Verwandten. 2008 war er vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden. 2011 wurde er in einem Dorf im Norden Serbiens gefasst und nach Den Haag ausgeliefert. Am 27. August dieses Jahres starb er dort in einem Gefängniskrankenhaus.

Unabhängig von seinem tatsächlichen physischen Aufenthaltsort oder seinem politischen beziehungsweise haftrechtlichen Status war Mladić in Serbien stets präsent – als Plakat, Mural, Slogan, T-Shirt-Motiv, als ein übergreifendes Symbol oder als historisch-narrativer Handlungsbogen, der in endlosen politischen (und Social-)Medienkampagnen immer wieder eingesetzt und reproduziert wurde. Mladić stand sozusagen stets bereit, um zu dienen – tot oder lebendig. Bis heute bleibt er ein wesentlicher Bestandteil von groß angelegten Aktionen regierungsnaher Straßengangs und Hooligan-Gruppen, die regelmäßig in Belgrad auftreten.

Die Aktivistin Tanja Marković, die sich seit den 1990er Jahren in Friedens- und antifaschistischen Initiativen engagiert, erklärt mir gegenüber: »Der Staat hält keinerlei Abstand. Man erinnere sich, wie das Ratko-Mladić-Mural in der Njegoševa konsequent bewacht wurde und wie lange es dauerte, bis dieses Wandbild entfernt werden konnte.« Zu den beständigsten Slogans gehören Verweise auf Genozid: »Der einzige Völkermord auf dem Balkan richtete sich gegen die Serben«, heißt es in einem auf Englisch gehaltenen Spruchband an einem Gebäude an der Haupteinkaufsstraße der Stadt, direkt gegenüber dem Belgrader Kulturzentrum.

»Es gab Zeiten in der jüngeren Geschichte Serbiens, in denen es so schien, als sei die Gesellschaft bereit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und gute Beziehungen zu ihren Nachbarn wiederaufzubauen.«

Hinzu kommen unter anderem Darstellungen von Mladić, meist in Nahaufnahme, mit einer Armeemütze, oder lediglich sein Name, begleitet von einem »passenden« Slogan. Diese Murals und Slogans lösen oft Wut unter Bürgerinnen und Bürgern sowie bei Friedens- und Jugendaktivisten aus, die Eier werfen oder versuchen, die Bilder mit weißer Farbe zu übermalen. Doch die Murals tauchen immer wieder auf.

In der nationalistischen Mythenbildung fungiert Mladić als Verteidiger des Serbentums, der einen Völkermord verhindert hat. Hier wird ein historischer Bogen geschlagen zwischen dem Massaker an Serben im Zweiten Weltkrieg und der tatsächlich drohenden ethnischen Säuberung von Serben während der Jugoslawienkriege. Damit sollen serbische Menschen und das Serbentum an sich nicht nur gegen vermeintliche innere Feinde wie Kroaten und Muslime, sondern auch gegen imperialistische Kräfte verteidigt werden. Mit Anti-NATO-Rhetorik kann man in Serbien immer punkten, schließlich wurde das Land im Laufe der Kriege durch Sanktionen geschwächt und zum Ziel einer höchst umstrittenen NATO-Bombardierungskampagne (Vorläufer hierfür waren übrigens Luftangriffe gegen Mladićs Truppen im Jahr 1995). 

Der Mythos – zunächst mit einem quasi-sozialistischen Anstrich, später als ein Ethnonationalismus mit antiimperialistischen Elementen – verdichtet komplexe historische Verläufe sowie einige reale Ungerechtigkeiten zu einer mörderischen Ein-Helden-Geschichte, die sich gut in einen breiteren narrativen Rahmen einfügt, in dessen Kern uralte Wunden und ethnisch bedingter Hass stehen. Dieses Framing erklärt rückblickend nicht nur die Kriege, sondern auch die grundlegenden Ursachen, wie und warum das sozialistische Jugoslawien zerfiel. Zwar zeigen Daten die massenhafte Verarmung nach dem Ende Jugoslawiens, doch wir haben hier in erster Linie nicht den Klassenkampf verloren, sondern uns einfach schrecklich und tödlich gehasst.

Völkermordleugnung für den Machterhalt

Zwei Fragen muss jeder Anwärter auf hohe politische Ämter in Serbien beantworten können: Gab es einen Völkermord in Srebrenica, und ist das Kosovo Teil Serbiens?

Wer auch immer die Herausforderer sind und was auch immer er oder sie wirklich denken mögen – man kann immer wieder beobachten, wie sich die Kandidatinnen und Kandidaten in den Fernsehdebatten winden und ein Spiel mitspielen müssen, das so konzipiert ist, dass jeder, der nationalistische Mythen entlarvt und sich ihnen entgegenstellt, letztendlich die Wahlen verliert. Für Außenstehende mögen diese beiden grundlegenden Fragen nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch intellektuell realitätsfern erscheinen: Das Kosovo, ob nun mit oder ohne Sternchen (Kosovo* heißt es manchmal in offiziellen internationalen Dokumenten), existiert tatsächlich als eigenständiger Staat. Und der Völkermord in Srebrenica hat tatsächlich stattgefunden; die Gebeine der Tausenden Opfer waren unübersehbar, als sie von Forensikfachleuten geborgen, gereinigt und identifiziert wurden (hinzu kamen diverse andere Gräber, in die Leichen verschoben oder Leichenreste verstreut worden waren, um das Verbrechen zu vertuschen).

Es gab Zeiten in der jüngeren Geschichte Serbiens, in denen es so schien, als sei die Gesellschaft bereit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und gute Beziehungen zu ihren Nachbarn wiederaufzubauen. Beim erneuten Lesen der Artikel und beim erneuten Anschauen von alten Fernsehsendungen wird deutlich, dass sogar die öffentlich-rechtlichen Sender von Radio-Televizija Srbije, obwohl stets unter dem starken Einfluss der jeweils regierenden Partei stehend, ihren Zuschauern in zahlreichen Sendungen Einblicke in das Ausmaß der Gräueltaten boten. Im Jahr 2010 verabschiedete das serbische Parlament eine Erklärung, in der das Verbrechen von Srebrenica verurteilt und den Familien der Opfer eine Entschuldigung sowie Beileid für die Tragödie ausgesprochen wurde. Vučić selbst reiste 2015 anlässlich der Gedenkfeier zum zwanzigsten Jahrestag nach Srebrenica. Gerade mit Blick auf seine frühere politische Haltung wurde dies von vielen als ein Wandel hin zur Versöhnung interpretiert.

Warum hält sich der Mythos dennoch hartnäckig? Wer profitiert davon? Wer hält ihn am Leben? Wer könnte ihn entkräften und einen neuen Mythos etablieren?

»Natürlich gibt es auch diejenigen, die diesen Mythos in Frage stellen. Doch auch sie verfallen hin und wieder in ein Kollektivschuld-Framing und beschwören Nationalismus, wo sie eigentlich von Klasse sprechen könnten.«

2024 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Resolution zum Gedenken an den Völkermord von Srebrenica, in der die Leugnung des Genozids und die Verherrlichung der wegen Kriegsverbrechen Verurteilten ausdrücklich kritisiert und angeprangert werden. Am Tag der Abstimmung fand sich auch Vučić bei den Vereinten Nationen ein, in eine serbische Flagge gehüllt. Er nahm eine Haltung ein, die offenbar suggerieren sollte, er bete dafür, dass Serbien nicht des Völkermords beschuldigt werde. Am Abend leuchteten auf einem Wolkenkratzer, der Teil des höchst umstrittenen Megaprojekts Belgrade Waterfront ist (und der zugleich als visuelle Wahlkampfbühne dient), in leuchtenden Farben die Worte »Wir sind kein Volk der Völkermörder«.

In der UN-Resolution wird ausdrücklich festgestellt, dass die strafrechtliche Verantwortung für den Genozid auf bestimmten Einzelpersonen lastet; die vermeintliche »Kollektivschuld« der Serbinnen und Serben wurde hingegen in einer Lobbykampagne im Vorfeld der Abstimmung von Vučić und Milorad Dodik, dem Führer der Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina, selbst inszeniert. Nachdem die Resolution angenommen war, verkündete Vučić – wie in einer Parallelrealität lebend – einen moralischen Sieg, da es 68 Enthaltungen gegeben hatte. Seinem Wahlkampf für die damals anstehenden Kommunalwahlen dürfte das zugutegekommen sein.

Dieser als Mittel zur Machterhaltung in Serbien eingesetzte Mythos verstärkt sich stets, wenn es Probleme, Wahlen oder starke Konkurrenten um die Macht gibt. Der historische Bogen und das Narrativ halten sich dementsprechend seit den frühen 1990er Jahren und werden seitdem praktisch durchgängig von staatlicher Seite genährt, in Kriegs- wie in Friedenszeiten. Mitglieder des amtierenden Regimes sind dabei ein integraler Bestandteil, entweder als Figuren in konkreten historischen Ereignissen – wie im Fall von Vučić, der in der letzten Phase der Herrschaft Miloševićs als Informationsminister fungierte – oder als politische Akteure, die materiell und politisch davon profitieren, den Mythos am Leben zu erhalten.

Um an der Macht zu bleiben, ist es bis heute entscheidend, die Bürgerinnen und Bürger nicht ihr neu gefundenes kapitalistisches »Paradies« hinterfragen zu lassen. Sie sollen demnach Geiseln in dieser imaginären Gemeinschaft aus lauter Kriegsverbrechen und Kriegsverbrechern bleiben; vermeintlich mitschuldig durch die reine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, mitschuldig durch weit verbreitete Gefühle von Verlust, Schuld und Scham, die durch ethnisches Theater verarbeitet werden. Tatsächliche, massive ökonomische und soziale Einbußen werden dabei meist ignoriert oder hintangestellt.

Der sich selbst hassende Serbe

Natürlich gibt es auch diejenigen, die diesen Mythos in Frage stellen. Doch auch sie verfallen hin und wieder in ein Kollektivschuld-Framing und beschwören Nationalismus, wo sie eigentlich von Klasse sprechen könnten.

In einer recht bizarren Abfolge historischer Wendungen wurde das deutsche Konzept der Vergangenheitsbewältigung, also die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, in den Wortschatz und die Praxis lokaler NGOs übernommen. Das Konzept passte tatsächlich gut in die Tradition des politischen Liberalismus in Serbien. Allerdings wurden dabei die ökonomischen Zusammenhänge beim Zerfall Jugoslawiens ausgeblendet sowie lokale Geschichten und Erlebnisse als mögliche Quellen für Frieden und Gerechtigkeit außen vor gelassen.

Dennoch, wie die Aktivistin Marković betont: »Ohne [diese Vergangenheitsbewältigung] wären wir in Bezug auf Kriegsverbrechen wohl noch völlig im Dunkeln. Andererseits ist aber auch wahr, dass Kriegsverbrechen das Wirtschaftsverbrechen namens Privatisierung und die Entrechtung breiter Volksmassen überdeckt haben. Personen aus dem Umfeld der Machthaber konnten im Zuge der Kriege einstige Fabriken mühelos für sehr wenig Geld in ihren Besitz bringen und so ihren Reichtum zementieren. Und heute können wir praktisch nichts mehr gegen sie unternehmen.«

Gerissene Strategen der politischen Rechten erkannten die Schwächen des Modells und »erfanden« den Vorwurf des Autochauvinismus (sozusagen der »serbische Selbsthass«), bei dem die Kluft zwischen den gebildeten, mitunter snobbischen Stadtbewohnern auf der einen Seite und dem Rest des Landes auf der anderen Seite geschickt ausgenutzt wurde. Das ist bis heute ein machtwirksames Instrument: Der Vorwurf des Selbsthasses wurde wiederholt gegen die aktuelle Protestbewegung der Studierenden vorgebracht. Es war perfektes Clickbait: So wurden protestierende Studenten immer wieder als »Ustaše« (also als Anhänger der kroatischen Nazi-Kollaborateure während des Zweiten Weltkriegs) bezeichnet sowie beschuldigt, eine »Farbenrevolution« anzetteln zu wollen und somit gegen den Staat Serbien und das gesamte Serbentum zu arbeiten.

»Eines Tages wird es in Belgrad keine Mladić-Murals mehr geben. Nicht wegen einzelner Akte des Widerstands, sondern weil es schlichtweg keine politische Kraft an der Macht geben wird, die daran interessiert ist, seinen Mythos am Leben zu erhalten.«

Die besagte, von Studentinnen und Studenten angeführte Massenbewegung startete Ende 2024, als eine Bahnhofsüberdachung in der zweitgrößten Stadt des Landes, Novi Sad, einstürzte und 16 Menschen getötet wurden. Die Protestbewegung und ihre Wahlliste (auf der keine Studierenden, aber deren Unterstützer aus diversen Professionen und Gesellschaftsschichten stehen sollen) sind die Hauptkonkurrenten und die größte Gefahr für Vučićs Machterhalt. Die Bevölkerung – oder zumindest ihr rebellischer Teil – drängt weiterhin auf politische Reformen und eine Demokratisierung, die weitgehend als unvollendet wahrgenommen wird. Die sozioökonomische Agenda spielt erneut keine sonderlich wichtige Rolle, obwohl es im Vergleich zu früheren Mobilisierungen gewisse Veränderungen gegeben hat. 

Zu Mladić schwiegen die Studierenden bislang. In der Öffentlichkeit gibt es (angesichts der beschriebenen Umstände) ein gewisses Verständnis dafür. Viele scheinen zu hoffen, dass ein Regierungswechsel die Möglichkeit eröffnen kann, diese Themen endlich neu zu diskutieren.

Doch es gibt auch zahlreiche Ansätze und alternative Geschichtsdeutungen zu jener, in der Mladić als der Beschützer der Serben die zentrale Figur darstellt. Es gibt die vielen Menschen, die identitäre und ethnische Grenzen überschritten haben, um denen auf der anderen Seite zu helfen. Einige starben dabei, getötet von Angehörigen ihrer eigenen ethnischen Gruppe. Andere widersetzten sich – zu ihrem eigenen Nachteil – dem interethnischen Druck und der Verwicklung in Verbrechen. Es gibt auch alternative Geschichtsdarstellungen des Zerfalls, die nicht nahtlos in die Erzählung vom vermeintlich seit Urzeiten bestehenden Hass zwischen den Ethnien Ex-Jugoslawiens passen.

Eines Tages wird es in Belgrad keine Mladić-Murals mehr geben. Nicht wegen einzelner Akte des Widerstands, sondern weil es schlichtweg keine politische Kraft an der Macht geben wird, die daran interessiert ist, seinen Mythos am Leben zu erhalten. Doch damit das Mladić-Narrativ seinen Einfluss endgültig und vollständig verliert, muss auch der übergeordnete Rahmen, der sie stützt, verschwinden: Wir müssen uns selbst erklären, warum so lange nicht genügend Menschen verstanden haben, dass der Krieg unter anderem ein gewaltiges Projekt kollektiver Enteignung war. Und wir müssen die aktuellen sozialen Bewegungen darauf ausrichten, einen Teil dieses kollektiven Besitzes zurückgewinnen zu wollen.


Übersetzung von Tim Steins.

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