Soll ich eine Freundschaft beenden, die nur noch aus Party besteht?
Liebe Şeyda,
ich habe einen Freund, mit dem ich nicht mehr so gern Zeit verbringe. Wenn wir uns treffen, fühle ich mich, als würden wir unsere Zeit verschwenden. Wir sind oft die ganze Nacht unterwegs, aber es passiert nichts, außer dass wir uns betrinken und reden.
Er ist an einem anderen Punkt in seinem Leben, das meiner Wahrnehmung nach schon auf Autopilot läuft, und braucht den Party-Ausgleich, während ich Probleme damit habe, meine eigenen Ziele zu erreichen und oft nachgebe, wenn er mich einlädt, wieder einen drauf zu machen. Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind ein schlechter Einfluss aufeinander.
Ich spüre, wie ich langsam ein Ressentiment ihm gegenüber entwickle, weil wir uns beide im Kreis drehen, statt wirklich füreinander da zu sein. Ich will meine Zeit mit Freunden nicht immer nur betrunken verbringen.
Ich weiß nicht, ob wir uns einfach auseinandergelebt haben und ich das akzeptieren muss oder ob etwas anderes dahintersteckt. Wie soll ich am besten damit umgehen, vor allem, wenn Reden allein nicht reicht?
Liebe Grüße,
Marko (Name geändert)
Lieber Marko,
fast jeder kennt diese Begegnungen, die sich anfühlen wie ein Karussell, das sich immer schneller dreht, ohne irgendwo anzukommen. Und am nächsten Morgen bleibt nichts, außer einem brummenden Schädel. Ich verstehe deine Verzweiflung. Wann wir uns von einer Freundschaft verabschieden sollten, ist tatsächlich verdammt schwer zu beantworten. Auch, weil die Freundschaft, etwa im Gegensatz zur romantischen Liebe, weniger gesellschaftlich festgelegten Koordinaten folgt, an denen wir uns entlanghangeln können. Keine Hollywood-Dramaturgie für das erste Date, den Kuss, den Antrag. Kein anerkanntes Drehbuch für den Anfang und das Ende. Und das ist eigentlich wunderbar! Genauso soll es sein! Die Freundschaft ist unbestimmter, manchmal freimütiger, aber deshalb auch undurchsichtiger in ihren Krisen. Viele trauen sich kaum, überhaupt Erwartungen in Freundschaften zu formulieren, weil die stille Übereinkunft lautet, dass das Große, Verbindliche angeblich nur in die romantische Partnerschaft gehört.
Manch einer würde dir vermutlich entgegnen, dass es ganz gewöhnlich ist, Freundschaften mit unterschiedlichen Graden von Nähe zu führen, und sich Menschen in unterschiedlicher Weise zu öffnen. Und darin liegt natürlich ein wahrer Kern: Mit manchen teilen wir unser Leben, andere begleiten wir wohlwollend aus der Ferne.
»Ich lese den Schmerz aus deiner Nachricht, Zierwerk einer Partykulisse zu sein, anstatt in dieser Beziehung gewählt zu werden. Für den Freund, der du bist.«
Das ist auch der Preis eines Lebens in ständiger Zeitknappheit, die oft ungleich verteilt ist. Wer prekär arbeitet, mehrere Jobs jongliert oder unbezahlte Care-Arbeit stemmt, hat schlicht nicht nur weniger Zeit, sondern auch weniger Kraft für Verbundenheit. Sich mit Mut und Feinsinn in den Zwischenräumen des Menschlichen einzunisten und dort andere zu empfangen, ist meist das Erste, was im Alltag unter die Räder kommt. Und du scheinst dich in dieser Freundschaft gerade überfahren zu fühlen.
Mehr noch: Ich lese den Schmerz aus deiner Nachricht, Zierwerk einer Partykulisse zu sein, anstatt in dieser Beziehung gewählt zu werden. Für den Freund, der du bist. In einer besseren Welt würden wir uns alle mehr und bewusster füreinander entscheiden und uns gemeinsam an der Wirklichkeit erfreuen, anstatt sie uns regelmäßig mit Bier und Schnaps (in meinem Falle Wodka-Ayran) schön zu trinken. Aber lass uns mal deine Situation mit nüchternem Kopf entwirren. Denn in deinem Dilemma liegen noch ein paar große Fragen unserer Zeit.
Auch »Männerfreundschaften« brauchen Liebe
Aus der jahrhundertelangen, unheilvollen Allianz von Patriarchat und bürgerlicher Ordnung stammen einige zählebige Erbstücke. Da wäre zunächst der bereits erwähnte soziale und politische Vorrang der romantischen Zweierbeziehung vor allen anderen Formen der Verbindung. Denn schließlich reift aus ihr im besten Falle irgendwann die überschaubare, gut organisierte Kernfamilie heran, die den freien Markt zuverlässig mit Arbeitskräften, Konsumentinnen und allem sonst noch Nötigen beliefert.
Ein zweites Unheil im patriarchal-bürgerlichen Bunde ist die sogenannte Männerfreundschaft, und zwar in ihrer übelsten und weit verbreiteten Ausprägung: jener Zweckgemeinschaft, die vor allem dem Ausgleich von Interessen dient. Und diese Verbindung ist, wenig überraschend, mit der Vorherrschaft der Heterobeziehung aufs Engste verwoben. Aber Schritt für Schritt.
Freundschaft – man glaubt es kaum – galt ursprünglich als männliche Domäne. Das liegt daran, dass es in patriarchalen Gesellschaften seit jeher Männer waren, die die Öffentlichkeit beherrschten, Eigentum verwalteten und daher Kontakte knüpften. Viele dieser Verbindungen waren und sind vor allem eines: instrumentell. In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich diese Schieflage noch einmal verschärft. Das vermeintlich Rationale wurde männlich codiert, der Mann sollte Macher sein und Entscheider, und jede Intimität unter heterosexuellen Männern galt fortan als Grenzüberschreitung, jede Schwäche als Zumutung. Die eigentliche Arbeit, die Beziehungen am Leben hält – zuhören, halten, trösten –, wurde ausgelagert, historisch und bis heute an Frauen und Queers.
»Hast du für dich schon herausgefunden, was schöpferische Zeit wäre? Um welche Form von Selbstverwirklichung geht es dir? Oder versteckt sich hinter deinem Unbehagen doch ein Leistungsgedanke von Selbstoptimierung in der Freundschaft?«
Das trifft natürlich nicht auf alle Männerfreundschaften zu. Gerade proletarische Männer, mit denen ich aufgewachsen bin, pflegten viele feste Bindungen und einen überschwänglichen, serienreifen Hang zur Emotionalität (was wohl die andere Seite der Medaille ist). Doch ich kenne auch die anderen: Männer, die sich erst gar nicht um Freundschaft bemühen, weil ihre romantischen Partnerinnen den ganzen emotionalen Aufwand ohnehin abfangen. Übrig bleiben dann Freundschaften als reine Erlebnismodelle, die kurzweilig, amüsant und vor allem austauschbar sein sollen.
Diese Übereinkünfte erzeugen die Illusion von Vertrautheit, ohne dass man einander wirklich kennen und lieben muss. Die Autorin bell hooks verstand unter Liebe den Willen und das gemeinsame Handeln, das uns intellektuell, emotional und spirituell wachsen lässt. Und ja, auch wahre Freundschaft gibt es nicht ohne Liebe.
Liebe ist eine Aufforderung an uns alle, also auch an dich. Wenn ich dich richtig verstehe, hast du das Gespräch mit deinem Freund bereits gesucht. Falls nicht, wäre das ohnehin der erste Schritt. Und gleichzeitig würde ich dir raten, vorher ein paar Dinge für dich abzuklären, um deinem Freund mit Weitherzigkeit zu begegnen. Denn dein Satz, ihr würdet miteinander Zeit »verschwenden«, hat mich aufhorchen lassen. Hast du für dich schon herausgefunden, was schöpferische Zeit wäre? Um welche Form von Selbstverwirklichung geht es dir? Oder versteckt sich hinter deinem Unbehagen doch ein Leistungsgedanke von Selbstoptimierung in der Freundschaft?
Warum ziehst du doch immer wieder mit ihm los, und was genau stößt dich zugleich gerade an ihm ab? Ich habe irgendwann einsehen müssen, dass die Dinge, die mich an anderen am meisten auf die Palme bringen, oft genau die Anteile an mir selbst sind, die ich nicht mag. Da geht es weniger um das, was die andere Person tut, als vielmehr um die Strenge, mit der ich mir selbst begegne. Deine Nachricht klingt so, als wäre da ein Teil von dir, der den Marko-auf-Autopilot loswerden will. Und dein Freund hält dir gerade unfreiwillig einen Spiegel vor.
Ich möchte dir trotz allem raten, es noch einmal mit deinem Freund zu versuchen. Auch, weil der neue Autoritarismus der politischen Gegenwart eine Verhärtung mit sich bringt, die ich an mir selbst und meinem Umfeld beobachte. Wir sollen mehr arbeiten, mehr leisten, navigieren uns tagtäglich durch den allgegenwärtigen Zerstörungswahn. Während uns die Nachrichtenlage im Dauerstress hält, werden auch unsere Geduldsfäden immer kürzer. Beziehungen und Freundschaften wirken immer mehr wie Anstrengung, und Risse werden schnell zu endgültigen Brüchen.
»Vielleicht steckt dein Freund gerade einfach in einer beschissenen Lebensphase, die ihn taub und gleichgültig macht. Das wäre in diesen Zeiten nicht unwahrscheinlich.«
Vereinzelung ist keine Naturkatastrophe, die uns einfach zustößt, sondern auch politisch gewollt. Wer keine verlässlichen Bindungen mehr hat, organisiert sich schwerer. Wir werden einander brauchen, wenn es wirklich hart wird. Und es wird härter werden. Deshalb sollten wir öfter versuchen, Beziehungen zu retten, bevor wir sie aussortieren. Vielleicht steckt dein Freund gerade einfach in einer beschissenen Lebensphase, die ihn taub und gleichgültig macht. Das wäre in diesen Zeiten nicht unwahrscheinlich.
Mein Vorschlag:
Plane etwas für euch, das dir gefällt und radikal anders ist als euer übliches Party-Ritual. Lad ihn dazu ein. Ein bisschen Sport? Meinetwegen, aber bitte kein Wettbewerb. Ein Picknick bei Kerzenlicht? Ich weiß, das klingt romantisch, soll es auch. Gemeinsam auf eine Demo gehen und ein paar Cops anschreien? Das schweißt erstaunlich zusammen. Biete ihm ein letztes Mal aktiv eine andere, nüchterne Version von euch beiden, jenseits vom Tresen.
Und falls er zu all dem nicht bereit ist, hast du deine Antwort. Spätestens dann weißt du, dass ihr gerade nicht nur in verschiedene Richtungen schaut, sondern von ganz verschiedenen Orten aus. Dann schenk ihm zum Abschied ein Lebenszeit-Abo für Kater-Tabletten und sag: adieu, mon ami. Denn lieben kann man nur gemeinsam.
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