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Wollen Europas Eliten den Krieg mit Russland?

Statt Besonnenheit nach dem Drohnen-Zwischenfall in Leipzig dreht Europa weiter an der Eskalationsspirale. Viele Entscheidungsträger halten den Krieg mit Russland längst für nötig. Aufhalten können ihn nur die Bürger Europas.
Almut Rochowanski
Deutschland reduziert seine diplomatischen Beziehungen zu Russland weiter. Bild: IMAGO / photothek

In einem Wäldchen nahe Berlin wird ein Waffendepot gefunden – immerhin zwei ganze Faustfeuerwaffen – und obwohl der Fund schon letzten Herbst geschah, schwillt die Kriegsstimmungsmache plötzlich akut an. Anfang August gab es einen Zwischenfall mit zwei (oder vielleicht doch drei?) Drohnen am Flughafen Leipzig, eine davon mit Sprengstoff bestückt. Nun hat die deutsche Regierung Russland dafür offiziell verantwortlich gemacht und Konsequenzen angekündigt. Am Wochenende davor wurde in anonymen Quellen gemunkelt, dass es eine wahre Zeitenwende 2.0 werden soll.

Die Vergeltungsmassnahmen muten auf den ersten Blick zahm, wenn auch kurios an: der Vertrag des Russischen Hauses in Berlin wird gekündigt, das Konsulat in Bonn geschlossen, es soll noch mehr Sanktionen der EU geben und auch die russische »Schattenflotte« soll noch mehr unter Druck kommen. Bei näherem Hinsehen sind sie aber beunruhigend, vor allem das schrittweise Reduzieren der diplomatischen Vertretungen. Am Ende aller diplomatischen Beziehungen steht nämlich der Kriegszustand. 

Beweise?

Die Beweislage ist in beiden Fällen eher dünn. Von einer der Leipziger Drohnen ist gar nichts übriggeblieben. Im Fall der zwei eingebuddelten Pistolen gibt es einen Verdächtigen in rumänischer Untersuchungshaft – einen jungen Ukrainer. Es wäre nicht das erste Mal, dass zunächst Russland beschuldigt wird, bevor es sich dann doch ganz anders herausstellt. Innenminister Dobrindt und Außenminister Wade­phul sagten in ihrer Pressekonferenz, dass »Zündmittel verwendet wurden, die aus anderen hybriden Operationen Russlands und dessen Krieg gegen die Ukraine bekannt sind«. Macht nichts, befindet man in der Frankfurter Allgemeinen. »Rufe nach ›Beweisen‹ für die Täterschaft Russlands sind Spitzfindigkeiten« und »die Weltgeschichte hat keine Zeit für den deutschen Instanzenweg«. Die »Stunde der Abschreckung« habe geschlagen, und Deutschland müsse gegenüber Russland eskalieren. 

Beziehungsweise, wie es Sabine Schiffer, Professorin für Journalismus- und Kommunikation und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung sieht, »Wir sind noch in jeden Krieg [hinein]gelogen worden. Und so ist es auch diesmal.« 

Allerdings, obwohl ein ähnliches Zündmittel eher Indiz als Beweis ist, sollten wir trotzdem davon ausgehen, dass zumindest ein Teil der mittlerweile gehäuften Vorfälle von hybrider Kriegsführung auf Russlands Konto geht. Denn Europa hat die Eskalationsspirale schon sehr weit gedreht, Russland hat bei jedem Klick der Europäer zeitgleich eskaliert – meistens in Form von noch stärkeren Angriffen gegen die Ukraine. Es ist anzunehmen, dass das auch dieses Mal der Fall sein wird.

Wie in der Frankfurter Allgemeinen oder gerade wieder von Polens Aussenminister Sikorski ausgedrückt, und wie man aus Russlands hybriden Schuss vor den Bug ablesen kann, denken beide Seiten in etwa so: »Wir zeigen denen, dass wir auch anders können! Dann sehen sie, dass wir es ernst meinen und hören mit ihren Provokationen auf. Wenn wir uns nur endlich trauen, ihnen einmal so richtig Angst einzujagen, werden sie den Schwanz einziehen und klein beigeben.« Das Sicherheitsdilemma entfaltet sich wie ein Feiglingsspiel.  

»In einem Abnutzungskrieg, wie in dem zwischen Russland und der Ukraine, versucht man alles was der Gegner benötigt um Krieg zu führen, zu zerstören beziehungsweise aufzubrauchen.«

Europa, und vor allem Deutschland als der größte Unterstützer der Ukraine, machen schon lange kein Geheimnis daraus, dass sie sich im Krieg mit Russland sehen. Annalena Baerbock ist bereits im Januar 2023 herausgerutscht, dass wir »einen Krieg gegen Russland führen«, auch wenn ihr Schadensbegrenzungsstab versucht hat, es wegzuqualifizieren. Russlands Führung sieht es spätestens seit diesem Jahr auch so. Aussenminister Lawrow sprach unlängst von belgischen und deutschen Generälen, die unverhohlen zugeben, dass sie sich auf einen Krieg mit Russland vorbereiten und bis dahin die Ukraine als Rammbock verwenden. 

Die materielle Realität dieses Krieges spricht für diese Sichtweise. In einem Abnutzungskrieg, wie in dem zwischen Russland und der Ukraine, versucht man alles was der Gegner benötigt um Krieg zu führen, zu zerstören beziehungsweise aufzubrauchen – Waffen, Munition, Fahrzeuge, Stromnetzwerke, Vorräte von Energieträgern und Nahrungsmitteln und natürlich Soldaten. Vor allem aber Geld, denn damit werden alle anderen Ressourcen beschafft. 

Europa stemmt mittlerweile den kompletten zivilen Haushalt der Ukraine mit 30 Milliarden Euro für 2026 und 2027 und zusätzlich, mit 60 Milliarden Euro, einen großen und ständig wachsenden Teil des Verteidigungshaushalts. Diese Zahlen beinhalten nicht bilaterale Zuwendungen der einzelnen EU-Mitglieder oder deren Sachspenden von Waffen. Die Ukraine sollte zwar den Rest ihrer Verteidigungsausgaben aus eigenen Steuereinnahmen decken, doch nur die von der EU finanzierten Pensionen, Lehrer-, Ärzte- und Beamtengehälter erhalten die ukrainische Wirtschaft so weit, dass überhaupt Steuern lukriert werden können. Oder eben doch nicht, denn letzte Woche verlangte Zelensky von der EU einen Vorschuss von 27 Milliarden Euro aus den bis 2027 bewilligten 90 Milliarden, ohne welchen die Ukraine den Krieg angeblich nicht mehr weiterführen kann. Die jüngste ukrainische 40-Tage-Kampagne von massiven Raketen- und Drohnenattacken auf Russlands Raffinerien und Versandzentren, das Meisterstück des inzwischen entlassenen Verteidigungsministers Fedorov, kam ausgesprochen teuer. 

Die Ukraine hätte also diesen Abnutzungskrieg ohne die Unterstützung des Westens  längst verloren. Fast könnte man sagen, dass die Staatlichkeit der Ukraine an sich nur noch mit freundlicher Genehmigung des Westens existiert. Seit die USA letztes Jahr ihre finanzielle Hilfe an die Ukraine eingestellt haben, zahlt Europa diese Kosten nun alleine, wobei Deutschland den weitaus größten Teil beiträgt. 

Keine Vorsicht mehr

Hinzu kommt, dass die Europäer Schritt für Schritt alle vorherige Vorsicht in den Wind geschlagen haben. Einschränkungen bei der Verwendung der von ihnen bereitgestellten Waffen wurden nach und nach aufgehoben und sensible Technologie mit der Ukraine geteilt. Nachdem in diesem Jahr auf einmal immer wieder ukrainische Drohnen über den Baltenstaaten abstürzten, schloss Russland, dass die dortigen Regierungen ihren Luftraum für Angriffe auf Russland zur Verfügung gestellt hatten, was diese freilich abstritten. Deutschland gibt den Geheimdiensten operative Befugnisse, und allen ist klar, wo die zum Einsatz kommen sollen. Nicht nur der Zivilflughafen Leipzig, wo die ukrainische Luftwaffe ihre Basis eingerichtet hat, sondern weite Teile von Europas Infrastruktur dienen der Ukraine als Hinterland – Territorium, von dem aus Krieg geführt wird, das aber außer Reichweite des Feindes liegt – wie die FAZ freimütig zugibt. 

Im Kreml wiegt vermutlich genauso schwer, wie groß die Freude in europäischen Regierungskreisen und Talkshows ist, wenn ukrainische Drohnen eine russische Raffinerie bombardieren, wie ungeniert Europa sich diese Angriffe auf die eigene Fahne heftet.

Hier könnte man einwenden, dass das alles unerheblich sei, denn ein Staat, welcher von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch macht, habe auch ein Recht auf den Beistand anderer Mitglieder der Staatengemeinschaft. Europa mache also nur das, was jeder anständige Staat der Welt täte, um Opfern von Angriffskriegen beizustehen. Daher dürfe Russland es nicht persönlich nehmen, das heißt als direkte Beteiligung am Krieg auslegen. 

»Selbst wenn Europa die gesamten Kosten des Krieges schultert, eines kann all das Geld nicht kaufen: Menschen. Der Ukraine gehen die Soldaten aus, trotz der weitverbreiteten brutalen Zwangsmobilisierung.«

Diese noble Theorie wackelt nicht nur mit Blick auf die europäische Praxis. Im illegalen Angriffskrieg der USA gegen den Iran hat Europa nicht dem Opfer geholfen, sondern dem Aggressor. Auch ein Gedankenexperiment, in dem zum Beispiel der Iran europäische Städte mit Raketen beschießt, welche China oder Russland offen und händereibend finanzieren, macht klar, dass Berlin, Paris oder Kopenhagen es sehr wohl persönlich nehmen würden. 

Sich auf so ein Feiglingsspiel einzulassen, ist gefährlich und verantwortungslos genug. Ist man einmal auf's Gas getreten, kann man oft nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Was aber, wenn die Kollision gewollt ist? 

Noch letztes Jahr schien es, dass ein direkter Krieg zwischen Europa und Russland als mögliches Risiko zwar eingepreist war, aber doch vermieden werden sollte. Heute, im Spätsommer 2026, sehen viele in Europas Regierungs- und Expertenkreisen einen direkten Krieg mit Russland nicht nur als unvermeidlich, sondern notwendig. Als etwas, das Europa gut tun würde.  

Denn im Laufe des letzten Jahres hat die fortschreitende Zerrüttung der Weltordnung den Verlust der globalen Vormachtstellung, die Europa von Amerikas Gnaden genoss, zementiert und bloßgestellt. Trotz wiederholter Kriecherei der Europäer zeigt Trump sich nicht gewillt, für Europa in der Ukraine die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Den Krieg gegen den Iran, den er mutwillig und illegal losgetreten hat, hat Amerika verloren und dabei noch einen Großteil seiner Raketenbestände verpulvert. Zwischendurch fuhr Friedrich Merz nach China, wo ihn der Anblick des chinesischen Fortschritts in schweißgebadete Panik versetzte.

»Noch ist Zeit, den Westen zu retten«, schreibt Springer-CEO Mathias Döpfner dieser Tage in der konservativen britischen Zeitschrift Spectator (zuerst war der Artikel mit »The West Must Win« betitelt, bevor sich die Redaktion eines Besseren besonnen hat). Um die Überlegenheit des Westens angesichts der massiven Rückschläge noch irgendwie zu behaupten, muss Russland unbedingt den Krieg verlieren und für Verhandlungen zu Kreuze kriechen. Deshalb war das europäische Establishment über die 40-Tage-Kampagne zunächst so ekstatisch, so leicht zu überzeugen, dass sich das Blatt nun wendet, dass die Ukraine den Krieg gewinnt. Doch die teure Kampagne verfehlte ihren Zweck; ihre Wirkungstheorie – Kollaps der russischen Versorgungslinien und Wirtschaft, Putin gibt unter Druck auf – war wohl zu kühn. 

Selbst wenn Europa die gesamten Kosten des Krieges schultert, eines kann all das Geld nicht kaufen: Menschen. Der Ukraine gehen die Soldaten aus, trotz der weitverbreiteten brutalen Zwangsmobilisierung. Daher beschloss die EU im Juli, dass ukrainische Männer nicht mehr, wie bisher, automatisch unter der Richtlinie über den vorübergehenden Schutz in der EU bleiben dürfen. Nun erheben sich Stimmen, die auch ukrainische Frauen zum Kriegsdienst einziehen wollen. Und auch das wird nichts daran ändern, dass die Ukraine Russland nicht alleine besiegen kann. 

Also muss Europa früher oder später selbst Hand anlegen und direkt in den Krieg eintreten. Für Nathalie Tocci, Beraterin von zwei VorgängerInnen von Kaja Kallas, ist es eine ausgemachte Sache, dass der Krieg kommt. Sie konsterniert sich über Europas Bürger, die nicht in so einem Krieg kämpfen wollen, und will deren Widerwillen überwinden, indem man jetzt schon europäische Truppen in die Ukraine schickt.

»Europa erlebt gerade ein langsames Hineinrutschen in einen großen Krieg. Erhebliche Teile von Europas Eliten sehnen ihn geradezu herbei.«

Während die breite politische Mitte bewusst Schritte setzt, die einen Krieg mit Russland wahrscheinlicher machen, warnen andere eindringlich. Der ehemalige Financial Times Redakteur Wolfgang Münchau mahnt auf UnHerd, dass auf rhetorische Eskalation oft physische Eskalation folgt, und dass ihn die derzeitige Kriegseuphorie in Europa an 1914 erinnert. Der linke Wirtschaftsprofessor Branko Milanović entsetzt sich über die Kriegslust bestimmter europäischer Staaten und plädiert für das Einfrieren des Konflikts, denn ein eingefrorener Konflikt ist immer noch besser als ein immerwährender Krieg, den er in nukleare Eskalation abgleiten sieht. 

Europa erlebt gerade ein langsames Hineinrutschen in einen großen Krieg. Erhebliche Teile von Europas Eliten sehnen ihn geradezu herbei. Trotzdem ist der Krieg keine ausgemachte Sache. Europas Bürger können ihn noch aufhalten. Wie Sophie Bolt, General-Sekretärin der Campaign for Nuclear Disarmament, mir diesen Sommer erzählte, bremsen britische Abgeordnete immer wieder bei Verteidigungsausgaben, weil sie ihre Wähler fürchten. Vielleicht gelingt es künftig auch, ähnliche Sorgen bei deutschen Politikern zu entfachen.

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