Shawn Fain verteidigt seine Führung bei den United Auto Workers
Die Mitglieder der Autobauer-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) wählen in den kommenden Wochen ihre Spitzenfunktionäre per Briefwahl. Die Stimmzettel wurden am 21. August versandt und müssen bis zum 5. Oktober zurückgeschickt werden.
Bei der Wahl wird entschieden, ob Präsident Shawn Fain – der durch die Streiks gegen die »Big Three« der Automobilindustrie 2023 bekannt wurde – den Kurswechsel der Gewerkschaft, weg von ihrer früheren arbeitgeberfreundlichen Haltung, fortsetzen kann.
William Hughes, Mitglied der UAW-Ortsgruppe 249 bei Ford in Kansas City, erklärt, bei der Wahl gehe es darum, die Dynamik der Gewerkschaft aufrechtzuerhalten. Man müsse weitere Erfolge für die Mitglieder erkämpfen. »In meinen 27 Jahren in der Gewerkschaft habe ich noch nie auch nur annähernd so viele Errungenschaften miterlebt, wie wir mit diesen Tarifverträgen erzielt haben – nicht nur bei den Big Three«, so Hughes. »Vor meiner Zeit bei Ford habe ich Autositze vormontiert, und ich kann mir absolut nicht vorstellen, dass in der Zulieferbranche und in den Werken jemals gestreikt und ernsthaft versucht worden wäre, auf bessere Verträge zu drängen.«
»Fains Gegner spielen die in den vergangenen drei Jahren erzielten Erfolge hingegen herunter und behaupten, jeder andere Präsident hätte sie ebenso erreichen können.«
Fain wurde mit seinem Wahlprogramm »Keine Korruption, keine Hierarchien, keine Zugeständnisse« erstmals 2023 zum Vorsitzenden der UAW gewählt. Er baut nun auf seine Erfolgsbilanz in den Tarifkämpfen bei den Big Three und anderswo sowie auf das Versprechen, die Organisierung von Zulieferern und bislang nicht gewerkschaftlich organisierten Automobilwerken im Süden fortzusetzen.
Seine Gegner spielen die in den vergangenen drei Jahren erzielten Erfolge hingegen herunter und behaupten, jeder andere Präsident hätte sie ebenso erreichen können. Sie verweisen außerdem auf Unruhe in der Gewerkschaftszentrale und negative Berichte des bundesweit zuständigen Beobachters Neil Barofsky. Letzterer war 2021 ernannt worden, um die Gewerkschaft zu kontrollieren, nachdem zahlreiche Korruptionsfälle aufgedeckt und rund ein Dutzend Funktionäre inhaftiert worden waren.
Ein Lächeln auf den Lippen
Fains stärkste Unterstützerbasis findet sich gerade in den Ortsverbänden, in denen die Mitglieder die neue Bereitschaft zum Kampf gegen die Unternehmensleitung am eigenen Leib erfahren haben.
JoAnna McClenathan ist leitende Konstrukteurin bei General Dynamics Electric Boat in Connecticut und Mitglied des Lenkungsausschusses des Reformnetzwerks UAW Member Action, das Fain unterstützt. Sie lobt Fain, dieser sei die Tarifverhandlungen aktiv angegangen und habe eine neue Abteilung für Verhandlungsstrategien ins Leben gerufen. Mit Hilfe dieser habe ihr Ortsverband einen »Rekordvertrag« mit 30-prozentigen Lohnerhöhungen erkämpft.
Fain hatte die Abteilung eingerichtet, um einerseits die Arbeitgeber besser zu analysieren und andererseits die Mitglieder bei eskalierenden Verhandlungen einzubeziehen. »Während unseres Tarifkampfs im letzten Jahr kam er zu uns und traf sich mit uns. Er war ein wichtiger Grund dafür, dass wir über die entsprechenden Ressourcen verfügten«, sagt McClenathan. »Im Grunde hatten wir seit den 1980er Jahren hinter verschlossenen Türen verhandelt. Lange Zeit fühlten sich viele von uns in unserer Ortsgruppe machtlos: Das haben [die Tarifpartner] uns angeboten, also werden wir einfach dafür stimmen. Im vergangenen Jahr konnten die Mitglieder ihre Stimme nutzen und sich stärker engagieren. Das ist der neuen Strategie zu verdanken.«
Ähnlich verhält es sich beim Zulieferer American Axle aus Three Rivers, Michigan, wo die Mitglieder mit den Ergebnissen eines zweiwöchigen Streiks im Juni zufrieden sind: Ab 2030 werden sie 30 Dollar pro Stunde verdienen, gegenüber einem derzeitigen Höchstlohn von 22 Dollar.
»Die Menschen können sich nun Autos leisten, mit denen sie zur Arbeit fahren. Einige möchten ihr erstes Eigenheim kaufen. Einige Menschen, die wir seit Jahren nicht mehr lächeln gesehen haben, laufen nun mit einem Lächeln im Gesicht herum.«
»Wir bemerken allmählich Veränderungen auf dem Parkplatz«, kommentiert Jon Krause, Mitglied des Verhandlungsausschusses. »Die Menschen können sich nun Autos leisten, mit denen sie zur Arbeit fahren. Einige möchten ihr erstes Eigenheim kaufen. Einige Menschen, die wir seit Jahren nicht mehr lächeln gesehen haben, laufen nun mit einem Lächeln im Gesicht herum.«
Krause prognostiziert, dass die Gewerkschaftsmitglieder in Three Rivers für Fains United UAW-Kandidatenliste stimmen werden.
Brian Sullivan, Mitarbeiter im Rechtsdienst und Mitglied der UAW-Ortsgruppe Local 2325, erklärt, die Beschäftigten in seinem Bereich hätten sich zum Ziel gesetzt, branchenweite Tarifverhandlungen zu führen. Sie seien von Fains Branchen-Strategie mit den Automobilherstellern inspiriert: »Wir wollen eine UAW-Führung, die hinter uns steht, wenn wir ähnlich mutige Schritte unternehmen.«
Die Konkurrenz
Fains fünf Konkurrentinnen und Konkurrenten verbrachten den Großteil der öffentlichen Debatte zum Präsidentschaftswahlkampf am 30. Juli damit, ihn anzugreifen. Die Rivalen sind: Rich Boyer, Vizepräsident des Stellantis Department; Tricia Geiger, eine Vertreterin für internationale Dienstleistungen; der Stellantis-Angestellte Brian Keller; der Mack-Truck-Mitarbeiter Will Lehman; sowie Greg Mooney, Protokollführer der Gewerkschaftsortsgruppe Local 2147.
Die bekanntesten Herausforderer sind Boyer und Keller. Keller erhielt bei den Vorstandswahlen 2022 14 Prozent der Stimmen und war im vergangenen Jahr federführend bei den (erfolglosen) Bemühungen, Fain abzuberufen. Bei der Delegiertenwahl seiner Ortsgewerkschaft im Frühjahr belegte er den vierten Platz unter fünf Kandidaten.
Boyer und Fain traten bei der letzten Wahl auf derselben Liste an, ebenso wie Vizepräsident Mike Booth und die Schriftführerin und Schatzmeisterin Margaret Mock, die nun ebenfalls mit ihrer eigenen Liste gegen Fains Liste antreten. Ihre Differenzen mit Fain waren Gegenstand ausführlicher Berichte des Beobachters Barofsky.
Fain warf Boyer vor, den Tarifvertrag bei Stellantis nicht durchgesetzt zu haben und Mitverantwortung für ein neues Anwesenheitsprogramm zu tragen, das von den Mitgliedern verabscheut werde. Außerdem habe er versucht, gewerkschaftlich geschützte Arbeitsplätze für Familienangehörige zu sichern – durchaus eine gängige Praxis in der alten UAW vor der Ära Fain.
»Zuvor hatte der Beobachter Fain aufgefordert, gegen den Aufruf des Vorstands vom Dezember 2023 zu einem Waffenstillstand im Gazastreifen zu lobbyieren. Fain weigerte sich wütend und wirft dem Beobachter vor, es seitdem auf ihn abgesehen zu haben.«
Boyer hat stets betont, dass es Aufgabe der Gewerkschaft sei, die Anwesenheitsrichtlinien des Unternehmens durchzusetzen. In einer Videobotschaft an die Mitglieder zur Ratifizierung des Tarifvertrags 2023 beklagte er den übermäßigen Gebrauch von Krankmeldungen durch Personen, die »schlichtweg keine Lust haben zu arbeiten«, und deutete an, dass Werke geschlossen würden, sollte die Gewerkschaft nicht dazu beitragen, die Anwesenheitsquote zu verbessern.
Der Vorstand der Gewerkschaft beschloss daraufhin, Boyer und Mock (die ebenfalls versucht hatte, ein Familienmitglied auf die Gehaltsliste zu setzen) von einigen ihrer Aufgaben zu entbinden. Fain und andere Vorstandsmitglieder erklärten, Mock nutze ihr Amt, um Projekte zu blockieren und sich an ihr missliebigen Kolleginnen und Kollegen zu rächen.
Der Beobachter stimmte allerdings Boyer und Mock zu, ihre Enthebung stelle eine »Vergeltungsmaßnahme« der Führung dar. Die beiden wurden wieder in ihre Ämter eingesetzt. Zuvor hatte der Beobachter Fain aufgefordert, gegen den Aufruf des Vorstands vom Dezember 2023 zu einem Waffenstillstand im Gazastreifen zu lobbyieren. Fain weigerte sich wütend und wirft dem Beobachter vor, es seitdem auf ihn abgesehen zu haben. Barofsky kritisiert wiederum Fain, dieser habe versucht, Vorteile für seine Verlobte und deren Schwester durchzusetzen.
»Die Wahrheit in Bezug auf Boyer ist: Ich wollte nicht, dass er das Stellantis Department leitet, weil er einfach keine gute Arbeit für unsere Mitglieder leistet«, erklärte Fain gegenüber dem Magazin The Nation. »Ich habe ihm nicht gestattet, Familienangehörige in UAW-Positionen einzustellen. Und ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie er Zugeständnisse mit [dem Arbeitgeber] Stellantis aushandelt und unseren Tarifvertrag nicht durchsetzt.«
Boyers Anhänger beschreiben ihn als offen und kämpferisch. Seine wichtigsten Versprechen in seiner Wahlkampferklärung im UAW-Magazin waren die Senkung der Gewerkschaftsbeiträge auf zwei Stundenlöhne pro Monat, der Abbau von Personal und Gehältern in der Gewerkschaftszentrale sowie die ausschließliche Einstellung von Mitgliedern. Die Delegierten auf dem Parteitag im Sommer stimmten allerdings dafür, die Beiträge bei 2,5 Stundenlöhnen zu belassen, um den Streikfonds auf- und auszubauen und ausreichend Mittel für aggressive Organisierungs- und Verhandlungskampagnen zu generieren.
Die gegenseitigen Anschuldigungen haben derweil den Zynismus unter den Mitgliedern geschürt (eine Haltung, die bereits vor 2023 vorherrschte). Fains Gegner konzentrieren sich größtenteils auf die »internen Machtkämpfe« in der Führung. »Mir gefällt nicht, wie [Fain] mit Menschen umgeht«, sagt beispielsweise Jennifer Miller, Protokollführerin der Ortsgruppe Local 1700 in der Nähe von Detroit, die Boyer unterstützt. »Ich mag seine Arroganz nicht. Ich glaube nicht, dass er für alles, was er angeblich geleistet hat, tatsächlich Anerkennung verdient.«
»Die gegenseitigen Anschuldigungen haben derweil den Zynismus unter den Mitgliedern geschürt.«
Bei der vorherigen Wahl profitierte Fain, der gegen den damaligen Präsidenten Ray Curry antrat, seinerseits von einer starken Stimmung gegen den Amtsinhaber. Diese war zurückzuführen auf jahrelange Frustration über Zugeständnisse gegenüber den Arbeitgebern, Werksschließungen und Korruption in den obersten Ebenen der Gewerkschaft. Diesmal wird Fain diesen Vorteil nicht haben.
J. J. Barbosa, ein Maschinenbauer im Jeep-Werk von Stellantis in Toledo, hat Keller bei allen drei seiner Kandidaturen unterstützt. Er halte Keller für hartnäckig und konsequent und zeigt sich »empört darüber, dass es immer noch diese Hierarchiestufen [bei den Gehältern] gibt«. Letztendlich hätten sich alle früheren und amtierenden Amtsinhaber der »Vettern- und Günstlingswirtschaft« schuldig gemacht.
Momentum
In Interviews mit Gewerkschaftsmitgliedern war häufig zu hören, die Menschen seien beeindruckt, dass Fain oft in den Ortsverbänden erscheint, um mit den Mitgliedern zu sprechen, und ihre Tarifkämpfe direkt unterstützt hat.
Carlos Gonzalez-Rios, der seit 27 Jahren im Motorenwerk von General Motors in Buffalo, New York, beschäftigt ist, berichtet, er habe Fain zweimal getroffen. Er selbst habe von den Siegen der Gewerkschaft profitiert, zum Beispiel in Form einer Lohnerhöhung um 25 Prozent. »Wir haben außerdem die Lebenshaltungskostenanpassung (COLA) zurückbekommen«, sagt er. »Wir haben jetzt auch keine Endlos-Zeitarbeitskräfte mehr, die fünf oder sechs Jahre lang angestellt werden.«
Er verweist zudem auf den Erfolg bei Volkswagen in Tennessee, wo die Beschäftigten für einen Beitritt zur UAW gestimmt und Anfang dieses Jahres einen ersten Tarifvertrag ausgehandelt hatten. Die Fabrik ist nun das erste gewerkschaftlich organisierte Automontagewerk in ausländischem Besitz im Süden der USA.
»Einige Wechsler mögen durch die beeindruckenden Verhandlungsergebnisse überzeugt worden sein, die Fain mit seinem mutigen Ansatz erzielt hat; andere wollen sich möglicherweise lediglich dem Amtsinhaber anschließen.«
Für Gonzalez-Rios geht es bei den anstehenden Wahlen nun um die Frage, ob diese Dynamik beibehalten werden kann: »Ich würde mich lieber für den Kandidaten entscheiden, der sich bewährt hat und über die Führungsqualitäten verfügt, die uns das gebracht haben, was wir derzeit haben«, sagt er. »Und wir haben noch weitere Ziele, auf die wir hinarbeiten – wir wollen eine Gesundheitsversorgung für alle Ex-GM-Angestellten nach deren Pensionierung.«
»Ich habe gewisse Menschen zur Rechenschaft gezogen, und das verärgert manche Leute. Das verstehe ich«, sagte Fain während der Präsidentschaftsdebatte. »Aber nur mit dem Wahlargument ›Der Beobachter hat dies oder jenes gesagt‹ zu werben, wird letztlich keinerlei Ergebnisse oder Vorteile für die Mitglieder bringen.«
Die Seiten gewechselt
Die 400.000 aktiven Mitglieder und fast 600.000 Rentner in der Gewerkschaft entscheiden über die Besetzung aller 14 Sitze im sogenannten internationalen Vorstand der UAW.
Fains »United UAW«-Kandidatenliste, die für dreizehn der Sitze antritt, umfasst auch Kandidatinnen und Kandidaten, die bei der letzten Wahl noch gegen ihn angetreten waren. Damals gehörten sie dem sogenannten »Administration Caucus« an, der die Gewerkschaft seit den 1940er Jahren geführt hatte und in den vergangenen Jahrzehnten für eine Reihe von Zugeständnissen an die Arbeitgeberseite verantwortlich war. Einige Wechsler mögen durch die beeindruckenden Verhandlungsergebnisse überzeugt worden sein, die Fain mit seinem mutigen Ansatz erzielt hat; andere wollen sich möglicherweise lediglich dem Amtsinhaber anschließen.
Anfang August versuchten drei frühere UAW-Präsidenten – Ray Curry, Rory Gamble und Ron Gettelfinger –, die alten Führungsriegen wiederzubeleben, indem sie einen Brief veröffentlichten, in dem sie Geiger, Mock und andere Gegner von Fain öffentlich unterstützten. Fain konterte und erinnerte die Mitglieder an Gettelfingers »Sellout« 2007, durch den die Löhne bei Neueinstellungen halbiert und das verhasste Zwei-Stufen-System innerhalb der Belegschaften eingeführt wurden.
Vier Regionaldirektoren auf Fains Liste treten ohne Gegenkandidaten an: Mark DePaoli in Region 1A, Mike Miller in Region 6, Tim Smith in Region 8 und Brandon Mancilla in Region 9A. Für die übrigen fünf Direktoren- sowie drei Vizepräsidentenposten treten mehrere Kandidatinnen und Kandidaten an, ebenso wie für das Amt des Schriftführers und Schatzmeisters.
Die Kandidaten benötigen eine Mehrheit, ansonsten kommt es zur Stichwahl. Die Stimmen werden am 6. Oktober ausgezählt.
Dieser Artikel erschien zuerst bei Labor Notes. Übersetzung von Tim Steins.