Hat Andrew Tates Frauenhass endlich ausgedient?
Ende Juli veröffentlichte das Magazin The Cut den Artikel »Revenge of the Simps« von Ezra Marcus. Es ist die Geschichte von Nikita Tyukalo, einem 21-jährigen Anhänger von Andrew Tate, der in Luxusmietwohnungen in den Vororten von Seattle einen Webcam-Sexhandelsring aufgebaut hatte. Das Besondere: Tyukalo wurde von selbsternannten »Simps« überführt, also von besessenen Fans der jungen Frauen, die Tyukalo ausbeutete. Den Simps war beim stundenlangen Streamen offenbar aufgefallen, dass etwas nicht stimmte.
Tatsächlich orientierte sich Tyukalo bei seinem Unternehmen direkt an Tates Kurs »Pimping Hoes Degree«, in dem Männern beigebracht wird, wie sie Frauen für die Online-Sexarbeit anwerben und deren Einnahmen einstreichen können. Die Männer, die sich Tyukalos Models vor den Bildschirmen ansahen, bauten ihrerseits eine Amateur-Ermittlungstruppe namens »White Knights« auf. Sie trugen Beweise für Ausbeutung, Missbrauch und Menschenhandel zusammen und leiteten diese an die Polizei weiter. Im Juni stand dann ein SWAT-Team bei Tyukalo vor der Tür.
Jacobin-Redakteurin Meagan Day sprach mit Evelina Johansson Wilén, einer regelmäßigen Jacobin-Autorin und sozialistisch-feministischen Wissenschaftlerin aus Schweden, über den Artikel und die darin geschilderten Ereignisse. Neben ihren Beiträgen zu den Themen Dating, Romantik, Familie, Kinderbetreuung und Frauenarbeit hat Wilén Forschung zu Incel-Communities und der Sugar-Dating-Branche betrieben. Day hat ihrerseits Artikel über die »Gender Wars« in der Trump-Ära, die Manosphäre und Phänomene wie »Looksmaxxing« verfasst.
Day und Wilén erörtern die zahlreichen Fragen, die der Cut-Artikel aufwirft: den Business-Unterbau des Phänomens Andrew Tate, die brutale Hierarchie, die dessen Ideologie sowohl Männern als auch Frauen auferlegt, sowie die Probleme, die der »geschlechtsinterne« Statuskampf unter Männern mit sich bringt.
Diese Cut-Story hat bei uns bei Jacobin durchaus Aufmerksamkeit erregt, unter anderem weil vielen von uns nicht wirklich bewusst war, dass Andrew Tate mehr als nur eine ideologische Figur ist: Er liefert seinen Anhängern buchstäblich eine Anleitung für den Betrieb von Zuhälterringen. Das allein ist schon alarmierend genug, insbesondere angesichts seines riesigen weltweiten Publikums, vor allem unter jungen Männern. Doch dann zu erfahren, dass ein 21-Jähriger diesen Leitfaden erfolgreich umsetzt und Mädchen im gleichen oder noch jüngeren Alter ausbeutet, ist mehr als schockierend. Das verdient eine eingehendere Betrachtung.
Wie würdest Du das Tate-Phänomen erklären? Warum ist dieser Typ so beliebt?
Bei Tate lag der Fokus bislang vor allem auf seiner sexistischen Ausdrucksweise, nicht auf Tate als Entrepreneur und Mentor für seine Anhängerschaft. Ich halte das für einen Fehler, denn die Menschen fühlen sich nicht nur deshalb zu ihm hingezogen, weil sie seine Ansichten über Frauen teilen. Sie fühlen sich zu ihm hingezogen, weil er für Erfolg steht und für die Chance, aufzusteigen und Großes zu erreichen.
Betrachtet man Tates Bewegung nicht nur als frauenfeindliche Ideologie, sondern auch als eine der männlichen »Selbstverbesserung«, ergibt das Ganze viel mehr Sinn. Denn die soziale Mobilität ist ins Stocken geraten; die Löhne stagnieren. Tate spricht von einem Gefühl der Sinn- und Ausweglosigkeit. Und dieses Gefühl ist real. Der ideologische Schachzug besteht darin, diese Emotionen weg von einer Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und hin zum Hass auf Frauen und zu Hass auf Schwäche im allgemeineren Sinne umzulenken.
»Ich glaube, dass Tates intensiver Hass auf Schwäche tatsächlich ein echtes Problem für Männer wie Simps und Incels darstellt, die sich in vielerlei Hinsicht ja über ihre eigene Schwäche, ihr Leiden oder ihre unerfüllten Sehnsüchte definieren.«
Tate zeigt beispielsweise einen massiven Hass auf Menschen mit Glutenunverträglichkeit. Hier verstärkt seine Weltanschauung lediglich die kapitalistische Ideologie: Man ist ein Selfmademan; man darf niemals irgendjemanden oder irgendetwas für das Ausbleiben des eigenen Erfolgs verantwortlich machen. In diesem Sinne ist auch eine Glutenunverträglichkeit lediglich eine Frage der Einstellung. Man ist zu passiv, man will es nicht wirklich genug, und deshalb leidet man.
Das Interessante an dem besagten Artikel ist aber, dass er Risse in diesem Bild aufzeigt. Wir neigen dazu, von der Manosphäre als einer Einheit zu sprechen – die Incels, die Looksmaxxer, Andrew Tate, alle scheinen sie Teil desselben schrecklichen Phänomens zu sein. Doch ich glaube, dass Tates intensiver Hass auf Schwäche tatsächlich ein echtes Problem für Männer wie Simps und Incels darstellt, die sich in vielerlei Hinsicht ja über ihre eigene Schwäche, ihr Leiden oder ihre unerfüllten Sehnsüchte definieren.
Tates Ideologie greift eine Angst unter jungen Männern auf, dass die Welt gespalten ist in männliche Gewinner und männliche Verlierer. Dieses Verständnis kennen wir von den Incels: Sie glauben ebenso fest daran wie Tate, mit dem einzigen Unterschied, dass sie sich als die Loser identifizieren. Tate richtet sich in diesem Sinne nicht an Incels; und Incels haben grundsätzlich die Hoffnung aufgegeben, in die Reihen der Tateschen Übermenschen aufzusteigen. Tate richtet sich an die Ehrgeizigen, an die Macher, an jene Männer, die glauben, dass sie aufsteigen können, wenn sie nur hart genug arbeiten. Und der einzige Weg, in dieser Welt aufzusteigen oder sich als »wirklich wertiger Mann« zu beweisen, besteht darin, eine unumstößliche Hierarchie über andere Menschen zu errichten, sie zu dominieren und auszubeuten.
Tate lebt diese Theorie der männlichen Dominanz vor. Wie das in der Praxis aussieht, ist durch und durch soziopathisch. Tate selbst ist wahrscheinlich der geborene Soziopath. Seine ambitioniertesten Nachahmer, wie Tyukalo, sind es wahrscheinlich ebenfalls. Doch die meisten jungen Männer, die sich für Tates Ideen interessieren, sind es nicht. Sie versuchen aktiv, Soziopathie in sich selbst zu kultivieren. Denn sie befürchten, dass sie andernfalls als Verlierer des innermännlichen Wettbewerbs enden.
All das wird angetrieben durch eine regelrechte Massenpanik davor, dass es so etwas wie den archetypischen, hoffnungslosen Verlierertypen unter Männern gibt – und die persönliche Angst eines jeden Mannes, dass er selbst dieser Loser werden könnte.
Geld ist dabei ein wichtiger Indikator für den Status eines Mannes, ebenso wie die Kontrolle über Frauen. Tate bietet einen Entwurf, wie man beides erlangen kann. Doch der Dreh- und Angelpunkt dieser Ideologie ist eine gnadenlose Nullsummen-Sichtweise auf den Wert eines Mannes in der Welt.
Das sehe ich auch so. Es ist eindeutig ein Spiel der Männer. Frauen spielen darin keine wirkliche Rolle, außer als Mittel zum Zweck. Doch das Interessante ist: Innerhalb dieses Spiels sagen Tate und seine Anhänger den Simps im Grunde: »Ihr seid die Loser.« Und wenn er sie zu weit in die Ecke drängt und nach unten tritt, wird es ihnen zunehmend unmöglich, sich mit ihm zu identifizieren.
»Der ›Tateismus‹ ist wie eine Pyramide aufgebaut, an deren Spitze der absolute Top-Alphamann steht. Das mag für ehrgeizige und rücksichtslose Follower von Tate funktionieren. Sie hoffen, die Pyramide zu erklimmen. Doch für die anderen Männer – die Simps, die Incels, die Loser, die armen Schlucker – ist es demütigend.«
Es findet also ein Machtkampf statt, der jede Vorstellung von einem männlichen Kollektiv zunichte macht. Der Wettbewerb soll dabei ein Wettbewerb unter Männern bleiben, bei dem Frauen lediglich als Währung dienen. Aber wenn manche Männer zu tief nach unten gedrückt werden, funktioniert die gesamte Struktur nicht mehr. Das sieht man bei den White Knights: Sie begannen stattdessen, sich mit den ausgebeuteten Frauen zu identifizieren.
Der Artikel erzählt die Geschichte von Männern, die im Grunde genommen in die Kategorie der »männlichen Verlierer« fallen. Sie verbrachten buchstäblich den ganzen Tag damit, in einem Forum namens SimpCity über ihre Lieblings-Porno-Streamerinnen zu plaudern – und fanden eine Art Sinn und Befreiung, als sie sich von deren Ausbeutung durch Männer distanzierten. Sicher, sie bedienen sich eines anderen, dem Patriarchat vertrauten männlichen Archetyps: der des wohlwollenden Beschützers. Doch der Artikel macht deutlich, dass sie begannen, diese Frauen als Subjekte mit einem eigenen Innenleben zu betrachten, sich aufrichtig Sorgen um sie zu machen, und schließlich dazu bewegt wurden, gegen die Ausbeutung aktiv zu werden.
Genau das wird im Titel des Artikels (»Die Rache der Simps«) angedeutet. Der »Tateismus« ist wie eine Pyramide aufgebaut, an deren Spitze der absolute Top-Alphamann steht. Das mag für ehrgeizige und rücksichtslose Follower von Tate funktionieren. Sie hoffen, die Pyramide zu erklimmen. Doch für die anderen Männer – die Simps, die Incels, die Loser, die armen Schlucker – ist es demütigend. Und vielleicht reicht der Kick der Misogynie irgendwann nicht mehr aus, um sie zu bestechen und zu überzeugen.
Aus diesem Grund fand ich den Beitrag so interessant. Als ich vor etwa zwei Jahren in den Incel-Foren mitlas, wurde dort über die Chads [überlegene »Alpha-Männer«] folgendermaßen gesprochen: Chads sind in gewisser Weise dumm. Sie sehen die Welt nicht so, wie sie wirklich ist, aber sie haben trotzdem Erfolg. Die Incels sahen sich selbst als irgendwie weiser, alltagsklüger und näher an der Wahrheit. Das war ihre Art, mit dem eigenen Scheitern umzugehen. Und genau das bringt sie in Konflikt mit Männern wie Tate, der sich selbst als Chad sieht.
In den von mir analysierten Foren richtete sich der Hass damals aber nach wie vor fast ausschließlich gegen Frauen. Solidarität galt nur anderen Männern in derselben Situation. Was nun in dem Cut-Artikel beschrieben wird, ist in diesem Sinne anders. Das lässt mich vermuten, dass sich möglicherweise etwas im Wandel befindet.
Als ich die Incel-Community beobachtete, gab es ständig interne Debatten. Als sie beispielsweise das Konzept der männlichen Opferrolle entwickelten, begannen sie, Unterscheidungen zu treffen: Wenn man psychische Probleme hat, wenn man Schwarz ist, wenn man arm ist, dann ist die eigene Opferrolle größer. Andere widersprachen: »Wir wollen doch ein Kollektiv sein. Und ihr ruiniert das, indem ihr eine Rangliste aufstellt, wer am ärmsten dran ist.«
Mein Punkt ist, dass es sich bei diesen Foren nicht nur um Menschen handelt, die einander eine Ideologie vorbeten. Es finden echte Diskussionen statt, echte Entwicklungen vollziehen sich. Das müssen wir anerkennen, auch wenn natürlich gleichzeitig festzuhalten ist, dass die Grundideen und Prämissen schrecklich sind.
Das ist nun das erste Mal, dass wir eine Gruppe aus diesem Incel-nahen Umfeld sehen, die sich tatsächlich für die Frauen einsetzt und gegen die Chads kämpft. Das ist eine durchaus bemerkenswerte Entwicklung.
Die Simps zeigten sich sehr bestrebt, den Fall aufzuklären und diese Frauen zu schützen. Dieser Eifer wurde aber erst entfacht, als Tyukalo in ihre Chats kam und sie herabwürdigte, indem er sie als Loser bezeichnete. Seltsamerweise benutzte er auch immer wieder das N-Wort. Meiner Meinung nach sollte das darauf abzielen, deutlich zu machen, dass sie die unterste Stufe der Gesellschaft einnehmen und daher kein Recht hätten, ihn zu kritisieren. Er verspottete sie, und das schürte ihren Rachedurst. Ihre Rache bestand darin, diese jungen Frauen aus seinem Menschenhandelsring zu befreien.
Anstatt in massenhafte Paranoia darüber zu verfallen, ein »Verlierer« zu sein – und insbesondere Frauen dafür zu hassen, dass sie Männer nicht aus diesem Status befreien, indem sie mit ihnen schlafen und sie heiraten –, könnten einige dieser Männer offenbar langsam die Nase voll haben und beginnen, sich selbst gegen die Strukturen männlicher Dominanz zu wenden. Denn diese Strukturen sind nicht nur für Frauen erniedrigend und demütigend, sondern auch für diese Männer persönlich. Ich bin mir fast schon sicher, dass ich zu optimistisch klinge, aber es ist zumindest ein nettes Gedankenexperiment, die Schwachstellen solcher frauenfeindlicher Ideologien aufzudecken.
Es gibt eine Stelle in dem Artikel, an der einer der Simps genau darüber sinniert. Er sagt im Wesentlichen: All dies ist Teil eines größeren strukturellen Phänomens. Inwiefern haben wir selbst dazu beigetragen, es zu schaffen? Das ist doch ein wunderschöner Moment.
»In Tates Welt kann schlichtweg nicht jeder aufsteigen. Dass die meisten Männer Loser sind, dass sie scheitern, ist nicht nur vorausgesetzt, sondern sogar erforderlich.«
Er sagt im Grunde genommen, dass Männlichkeit und Weiblichkeit sich in einer tiefgreifenden Krise befinden. Für ihn ist das Dasein als Simp das Ergebnis dieser Krisen. Wenn er sich als Simp sieht und gleichzeitig diese Krisen erkennt, wird es zu einem Kampf dafür, nicht zu dem zu werden, was er verachtet. Das ist aufrichtig bewegend.
Wie gesagt, vielleicht sind wir diesbezüglich auch etwas zu optimistisch und positiv. Andererseits wäre es aber fast schon überraschend, wenn so etwas nicht geschehen würde. Denn in Tates Welt kann schlichtweg nicht jeder aufsteigen. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise Jordan Peterson: Was auch immer man über seine Ideologie sagen mag – sie enthält nichts, was strukturell dazu führt, dass die meisten Männer scheitern müssen. Bei Tate ist das absolut der Fall: Dass die meisten Männer Loser sind, dass sie scheitern, ist nicht nur vorausgesetzt, sondern sogar erforderlich.
Denn damit es die dominanten Alpha-Männer gibt, muss es zeitgleich viele männliche Verlierertypen geben. In Tates Ideologie geht es somit nicht um männliche Solidarität untereinander. Vielmehr ist es ein innermännlicher Kampf bis aufs Blut. Nun stellt sich die Frage: Wie lange lassen sich die Männer am unteren Ende dieser Gesellschaft noch mit dem Versprechen abspeisen, dass zumindest Frauen ihnen unterlegen sind? Denn das ist ja das einzige Angebot, das es gibt. Das ist möglicherweise nicht auf Dauer hinnehmbar.
Zudem sind Männer wie Tate und Tyukalo zwar die Zuhälter der Frauen, doch sie sind auch die Drogendealer der Simps. Diese Männer sind offensichtlich pornosüchtig, und zweifellos leiden sie darunter. Es geht nicht nur darum, dass Frauen ausgebeutet und Männer gedemütigt werden; die Pornosucht der Männer wird gezielt gefördert und zur Gewinnerzielung ausgenutzt. Das könnte ihnen einen weiteren Anreiz bieten, sich aufzulehnen.
Viele Menschen dürften das apokalyptisch und negativ auffassen. Wir wollen hier kein allzu rosiges Bild zeichnen – es gibt in diesem Zusammenhang vieles, das beunruhigend ist. Dennoch können wir überraschende, kleine Hoffnungsschimmer in dieser Story entdecken.
Vielleicht sollten wir nicht über die »Rache der Simps« sprechen, sondern über die Emanzipation der Simps. Bei Rache bleiben sie im gleichen Rahmen eines innermännlichen, kämpferischen Konflikts gefangen. Emanzipation bedeutet hingegen den Beginn von etwas Neuem. Wir wissen nicht, ob es dazu kommen wird, aber wir können langsam erkennen und uns vorstellen, wie so etwas möglich werden könnte.
Übersetzung von Tim Steins.