Die Gen Z hatte nie die Wahl, »faul« zu sein
Jedes Mal, wenn eine neue Alterskohorte werbetechnisch relevant wird, wird sie mit urigen Marketing-Labels versehen: Boomer sind Workaholics, die nicht verstehen, dass gut bezahlte Jobs heute nicht mehr so einfach vom Himmel fallen. Millennials haben nur ihre Selbstverwirklichung im Kopf und die Generation Z, die zwischen Ende der 1990er und 2010 geboren wurde, gilt im Gegensatz dazu als arbeitsscheu und faul.
In den Feuilletons sorgte die Gen Z kurz nach der Pandemie für eine ganze Reihe an Debatten. Es gab zahlreiche Texte über angeblich neue Phänomene wie »Quiet Quitting«, bei denen es darum ging, statt Überstunden einfach nur seinen Job zu machen. Und auch wenn es im deutschsprachigen Raum wenig Evidenz für solche Trends gab, hielt sich die Erzählung, Zoomer könnten mit ihrem Wunsch nach mehr Work-Life-Balance den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern. Oder den Wirtschaftsstandort Deutschland ruinieren. Je nachdem, wer gefragt wurde.
»Junge Leute mögen zwar nach wie vor ein geringeres Interesse daran haben, sich für Arbeitgeber kaputtzuschuften, aber es ist egal, ob sie anders arbeiten möchten, entscheidend ist, ob sie es können.«
Aber die ökonomische Realität schob dieser Erzählung schon nach wenigen Jahren einen Riegel vor. Denn mit Krieg, Rezession und Sozialkahlschlag verschwanden Debatten um eine Vier-Tage-Woche quasi über Nacht aus der Öffentlichkeit. »Work-Life-Balance« hört man heute maximal noch als Schimpfwort in CDU-Reden. Junge Leute mögen zwar nach wie vor ein geringeres Interesse daran haben, sich für Arbeitgeber kaputtzuschuften, aber es ist egal, ob sie anders arbeiten möchten, entscheidend ist, ob sie es können. Und das ist aktuell für die Mehrheit nicht der Fall.
Vor der Vorlesung noch kurz Regale einräumen
Das zeigt unter anderem eine neue Auswertung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Noch nie waren so viele 20- bis 24-Jährige in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt aktiv wie aktuell. Allein zwischen 2015 und 2025 stieg ihre Erwerbsquote um 7,1 Prozentpunkte auf 76,8 Prozent. Besonders Studierende arbeiten heute häufiger als früher. Sie gehen oft klassischen Studi-Jobs nach, im Handel oder in der Gastro zum Beispiel.
Es gibt keine belastbaren Erhebungen darüber, warum Bachelor-Studierende heute vor der Vorlesung Regale einräumen oder danach Cappuccinos zubereiten, aber es ist albern, anzunehmen, dass sie es tun, weil sie sonst nichts mit ihrer Zeit anzufangen wissen. Viel naheliegender ist, dass steigende Mieten und niedrige Bafög-Sätze sie dazu zwingen, neben einem Vollzeitstudium auch noch einer Lohnarbeit nachzugehen. In Österreich arbeiten sogar 70 Prozent der Studierenden nebenbei, um finanzielle Engpässe zu überbrücken.
Und diese finanziellen Engpässe treten immer häufiger auf. Im Wintersemester 2025 stiegen die durchschnittlichen Preise für WG-Zimmer zum ersten Mal auf über 500 Euro. Besonders horrende Summen zahlen Studierende in großen Städten wie Berlin oder Hamburg, wo der Schnitt sogar bei weit über 600 Euro liegt. Solche Preise sind selbst für viele Vollzeitarbeitende nur schwer erschwinglich. Für ohnehin finanziell prekär aufgestellte junge Erwachsene ist das quasi unbezahlbar.
»Ob wir Freundinnen treffen können oder Überstunden schieben müssen, entscheidet am Ende des Tages nicht unsere eigene Präferenz, sondern der Chef oder die Vermieterin.«
2023 lebte rund ein Drittel der deutschen Studierenden in Armut. In diesem Zusammenhang wirkt auch die jüngst beschlossene Erhöhung der Bafög-Wohnkostenpauschale auf 440 Euro monatlich wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch deshalb, weil junge Erwachsene nicht davon ausgehen können, dass sich die Situation nach den prekären Studienjahren verbessert. Sie treten nach ihrem Abschluss auf einen Arbeitsmarkt, der so unsicher ist wie lange nicht mehr.
Fleiß ist nicht das Thema
Diese ökonomisch angespannte Situation führt dazu, dass Zoomer in genau den Erwerbssituationen landen, für deren Ablehnung sie noch vor Jahren von Konservativen kritisiert wurden. Der Wunsch nach mehr Flexibilität und Freizeit rutscht in den Hintergrund, wenn man auch auf die fünfzigste Bewerbung keine Antwort erhält. Wer nicht weiß, wie er am Ende des Monats Geld für Lebensmittel auftreiben soll, nimmt dann doch eine Extraschicht an. Wer sonst aus seinem WG-Zimmer fliegt, sucht sich lieber einen zweiten Job.
Die Lehre aus der IAB-Erhebung ist also nicht die anerkennende Feststellung, dass die Gen Z »fleißig« statt »faul« ist, wie in vielen Medien beschrieben, sondern dass sie gezwungen ist, wie so viele Generationen von Lohnabhängigen vor ihr, gegen ihre eigenen Wünsche und Interessen zu arbeiten. Denn ob wir Freundinnen treffen können oder Überstunden schieben müssen, entscheidet am Ende des Tages nicht unsere eigene Präferenz, sondern der Chef oder die Vermieterin. Zumindest solange wir uns diese Freiheit nicht politisch erkämpfen – so wie es schon so viele Beschäftigte vor uns getan haben.