In der West Bank bestimmt Apartheid jedes Spiel
An einem Sonntag Ende Mai erreichten mich die Bilder des schwerverletzten Imad Haroun Ishtayeh. Videos, die Gewalt gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern in der West Bank zeigen, sind zu einer grausamen Regelmäßigkeit geworden. Dieses Mal, Monate nach meiner letzten Rückkehr aus Palästina, musste ich trotzdem gegen meine Emotionen ankämpfen.
Social-Media-Accounts wie Eye on Palestine hatten ein Video veröffentlicht, das zeigte, wie Ersthelfer Imad von einer Leiter bargen. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, dass der 26-Jährige versucht hatte, die israelische Separationsanlage bei Al-Ram zu überwinden – daraufhin schossen israelische Sicherheitskräfte auf ihn.
Imad stammte aus Salem, das östlich von Nablus nahe dem Flüchtlingslager Balata liegt. Dort betrieb er einen Geflügelschlachthof, unterstützte den kranken Vater, bis sich die Geschäfte – wie überall in der West Bank – verschlechterten und er versuchte, die heutigen israelischen Gebiete zu erreichen – in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Alltag unter Besatzung
Jener Ort, wo Imads Existenz am 31. Mai dieses Jahres tragisch beendet wurde, liegt knapp einhundert Meter vom Hauptquartier des Palästinensischen Fußballverbandes (PFA) und dem palästinensischen Nationalstadion, dem Faisal Al-Husseini International Stadium, entfernt. Entlang der Separationsanlage, die an dieser Stelle den Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina von Al-Ram in der West Bank trennt, fuhren wir meist mit einem orangefarbenen Sammeltaxi zur Arbeit.
Zwei Wochen lang war ich Teil des Alltags im PFA: Ich begleitete TV-Produktionen, diskutierte mit der Medienabteilung über mehr Sichtbarkeit für palästinensische Spielerinnen und Spieler in Deutschland, traf Nationalspielerin Sara Shakhshir sowie den Verbandspräsidenten und wurde von Familien herzlich aufgenommen. Doch dieser Alltag bedeutete auch, dass ein Blick aus dem Fenster genügte, um mit einem grauen Betonstreifen konfrontiert zu sein, der alles durchzieht. Auf der anderen Seite der Mauer steht ein neues Einkaufszentrum; auf »unserer Seite« sind einige kleinere Shops und ein Falafel-Restaurant, das uns in vorgezogenen Mittagspausen immer wieder köstlich versorgte.
»Seit dem 7. Oktober 2023 hat kein Ligabetrieb mehr stattgefunden. Kürzlich gab der PFA bekannt, dass im September dieses Jahres der Spielbetrieb mit einem Vorbereitungswettbewerb wiederaufgenommen werden soll.«
Egal, wie sehr Definitionen und Diskurse um die graue Mauer auseinanderdriften, sie zementiert eine der extremsten Formen von Segregation. Im Zusammenspiel mit Festnahmekampagnen, die immer wieder auch Nationalspielerinnen wie zuletzt Rand Halawani und Natalie Abu Diya treffen, Checkpoints und geschlossenen Straßen strukturiert sie den Alltag aller Palästinenserinnen und Palästinenser der West Bank. Diese Bewegungs- und Freiheitseinschränkungen sind nicht nur eine objektive Realität. Als subjektive Realität prägen sie Erwartungen und Hoffnungen an die Zukunft, lösen dabei Sorgen sowie Ängste aus und beeinflussen das Handeln der Menschen, die ihr Leben entsprechend der israelischen »Sicherheitsinfrastruktur« ausrichten müssen.
Mit Akram Joma, einem der beiden PFA-Fotografen, war ich ziemlich genau einen Monat vor Imad Ishtayehs Tod in Nablus. Unseren Weg nach Nablus säumen unzählige israelische Fahnen am Straßenrand der Route 60. Sie sollen die Vormachtstellung Israels bezeugen – keine rein rechtliche, sondern auch eine physische. Denn obwohl weite Teile der Route 60 in der sogenannten »Area C« liegen, die gemäß den Osloer Abkommen unter vollständiger administrativer und sicherheitspolitischer Kontrolle Israels steht, ist die West Bank völkerrechtlich palästinensisches Territorium, das von Israel besetzt wird. Die Route 60 zählt dabei zu den gefährlichsten Straßen. Seit dem 7. Oktober 2023 ist sie zu einer »Straße des Todes« für Palästinenser geworden – immer wieder werden sie dort von Siedlern attackiert. Links und rechts der Straße stehen auf vielen Hügeln Siedlungen.
Akram stammt aus Jenin. Jenin hat eine lange Widerstandsgeschichte, die bis in die britische Mandatszeit zurückreicht. Während der Zweiten Intifada gingen viele »Märtyreroperationen« von Jenin aus – ein Euphemismus für Selbstmordattentate. Seit 2021 formierte sich mit der »Jenin Brigade« eine neue Widerstandsgruppe, deren Mitglieder gegen Siedler, Checkpoints und das israelische Militär Gewalt ausübte. Das ist einer der Gründe dafür, dass in Jenin eine israelische Militärbasis auf beschlagnahmtem Land direkt außerhalb des »ehemaligen« Flüchtlingslagers entsteht – jenem Lager, das als »Wespennest« des Widerstands bekannt ist. Seit Anfang 2025 vertreibt die IDF systematisch die Bewohnenden, zerstört flächendeckend Infrastruktur und erklärt das Camp zur militärischen Sperrzone. In rechten israelischen Sicherheitskreisen wird bewusst die Parallele zu Gaza gezogen: Es findet eine »Gazafizierung« des Lagers statt.
In Nablus treffen wir die 22-jährige Sara Shakhshir und ihren Bruder Nihad. Die Stadt liegt eingelassen in das Tal zwischen den Bergen Gerizim und Ebal. Während die beiden uns stolz durch die Altstadt mit ihrem quirligen Souq, dem Marktviertel, führen, erzählt Sara, dass sie wie die noch immer in Haft sitzende Natalie Abu Diya im Aufgebot war, als die Frauenmannschaften des linken Fußballvereins Bohemians Dublin und des palästinensischen Teams für ein Solidaritätsmatch zum 76. Nakba-Gedenktag am 15. Mai 2024 aufeinandertrafen. Wir scherzen: Akram, Sara und ich waren in Dublin. Akram als Fotograf für den Verband, Sara als Spielerin auf dem Platz und ich auf der Tribüne. Doch es sollte zwei Jahre dauern, bis wir einander kennenlernen und in Palästina treffen würden.
»Nihad erklärt, dass er auf dem Weg zum Training jedes kulturelle und nationale Symbol der palästinensischen Identität zu Hause lässt oder tief im Rucksack verstaut.«
Sara ist stolz, Nationalspielerin zu sein: »Für die palästinensische Nationalmannschaft zu spielen, ist für mich die größte Ehre. Jedes Spiel ist eine Gelegenheit, die Nationalhymne zu singen und eine Botschaft zu vermitteln: Palästina existiert, egal wie sehr man versucht, es auszulöschen.«
Erst jüngst – am 24. Juli – ist Nablus erneut zum Schauplatz von Israels eskalierendem Siedlerkolonialismus geworden, wie Al Jazeera berichtete. Bei Siedlerangriffen auf das Dorf Tal südwestlich von Nablus gelang es einem Palästinenser, einem Siedler das Gewehr zu entreißen. Dabei wurden mindestens zwei Israelis getötet, darunter der Siedler. Die israelische Armee erschoss daraufhin den Schützen und drei weitere Palästinenser. Was folgte, waren pogromartige Racheakte in der gesamten West Bank. Die Armee riegelte Nablus und umliegende Dörfer ab. Krankenwagen konnten nicht passieren, Schwangere mussten in Krankenwagen entbinden. Mindestens eine Frau verlor dabei ihr ungeborenes Kind.
Fußball in der West Bank
Während wir mit Sara unterwegs sind, erfahre ich mehr über ihren Alltag. Seit dem 7. Oktober 2023 hat kein Ligabetrieb mehr stattgefunden. Kürzlich gab der PFA bekannt, dass im September dieses Jahres der Spielbetrieb mit einem Vorbereitungswettbewerb wiederaufgenommen werden soll. Ob die »West Bank Premier League« – die höchste Spielklasse – im nächsten Jahr wirklich wieder starten kann, steht in den Sternen.
Sara spielt bei Sareyyet Ramallah. Meist fährt sie gemeinsam mit ihrem Bruder nach Ramallah. In zwei Tagen wird sie wieder zum Training aufbrechen. »Unter normalen Umständen dauert die Fahrt nach Ramallah etwa 40 bis 45 Minuten. Doch wegen der Besatzung und der Checkpoints kann sie schnell mal auch zwei Stunden dauern – manchmal sogar bis zu zehn Stunden«, berichtet Sara mit Blick auf alltägliche Schikanen.
Wir erreichen mittlerweile den Ort, an dem der »Löwe von Nablus« – Ibrahim Nabulsi – von der israelischen Armee am 09. August 2022 gemeinsam mit zwei weiteren Kämpfern getötet worden war. Die IDF sagte, sie habe ihn und weitere »Terroristen« eliminiert. Nablus ist wie Jenin eine Hochburg des Widerstands. Besonders seit 2022, als sich mit der »Höhle der Löwen« eine neue Gruppe bildete, die die Grenzen der herkömmlichen und zum Teil verfeindeten politischen Lager verschwinden lässt, gehören Razzien zum Alltag, wie Sara bestätigt.
Die gesamte Zeit über hatte Nihad nach einem Shop gesucht, der Nablus-Seife anbietet. Endlich hat er sie gefunden. Er möchte mir unbedingt ein Andenken aus Nablus mitgeben – und ich nehme dankend an. Das helle, geruchslose Seifenstück aus Olivenöl beziehungsweise dessen Herstellung ist schließlich seit 2024 immaterielles Weltkulturerbe und soll bei mir zu Hause einige Wochen reichen.
Sara erzählt mir, dass sich Sportlerinnen überall auf der Welt körperlich und mental auf ihr Training vorbereiten könnten. In Palästina sei das anders: »Anstatt mich ausschließlich auf das Training und meine Leistung zu konzentrieren, beschäftigt mich ein großer Teil meiner Gedanken damit, wie ich überhaupt den Trainingsplatz erreichen kann.«
»Und trotz der oft betonten Resilienz hat sich in vielen Bereichen ein allgemeines Gefühl der Hilflosigkeit breitgemacht.«
Ihr Bruder Nihad erklärt, dass er auf dem Weg zum Training jedes kulturelle und nationale Symbol der palästinensischen Identität zu Hause lässt oder tief im Rucksack verstaut. Er zeigt dabei auf seine Handyhülle mit Kufiya-Muster. Das erinnert mich daran, dass Akram mir vor Fahrtantritt sagte, ich solle für die Checkpoints eine Kette verschwinden lassen, die Handala – die Cartoon-Figur des Zeichners Nadji al-Ali – und die Karte des historischen Palästinas zeigt. Er hatte sie mir an meinem ersten Tag geschenkt.
Am Ende ihrer Ausführungen betont Sara immer wieder ihre Resilienz gegenüber den Widrigkeiten ihres Alltages. Dennoch komme ich nicht umhin, festzustellen, dass sich der Großteil des Alltages um alles dreht, bloß nicht den Fußball. Und ich erfahre von Akram und den anderen auch immer wieder Momente der Erschöpfung. Jene Momente, die wir alle kennen. Wenn der Alltag jeden Kampfeswillen übermannt; wenn der einzige Ausweg Flucht ist.
Immer wieder schildern mir Sara und Akram ihren Willen zur Flucht nach vorn. Viele Palästinenserinnen und Palästinenser haben diesen Weg gewählt – wenn auch in sehr unterschiedlichen Formen des Widerstands. Viele wählten den kulturellen Widerstand, etwa im »Freedom Theatre« in Jenin, wo Menschen aller Altersgruppen – insbesondere Kinder und Jugendliche – durch Theater ihre Erfahrungen mit Militärrazzien, Gewalt und Verlust verarbeiten. Andere wiederum wählten den bewaffneten Widerstand in den politischen Fraktionen, um einen freien palästinensischen Staat zu erkämpfen. Und auch Fußball kann als Akt des Widerstands verstanden werden. Jede Widerstandsform birgt spezifische Herausforderungen, Problemstellungen und Widersprüche. Und trotz der oft betonten Resilienz hat sich in vielen Bereichen ein allgemeines Gefühl der Hilflosigkeit breitgemacht. Es ist ein fast unauflösbarer Widerspruch zwischen Kampfeswille auf der einen und Resignation ob der fehlenden politischen Lösungen auf der anderen Seite.
In den Tagen nach meiner Rückkehr aus Nablus denke ich häufiger über Saras Ausführungen nach – wie sehr ihr Alltag im Sport durch die Besatzung strukturiert wird. Ich sitze im PFA-Hauptquartier in Al-Ram und wieder ist da die Mauer. Jene Mauer, die für die Mitarbeitenden im Verband wie auch mich binnen kürzester Zeit zur scheinbaren Normalität wurde, bildet mit den hunderten Checkpoints und möglichen Straßensperren eine ständige Drohkulisse. Die israelische »Sicherheitsinfrastruktur«, die ein System von Apartheid zementiert, prägt das Denken und die Vorbereitung palästinensischer Sportler. Es sind nicht nur die konkreten Situationen an Checkpoints, die Palästinenserinnen wie Sara zur Auseinandersetzung mit Apartheid und Besatzung zwingen, sondern sie gedanklich prägen, lange bevor sie den Checkpoint erreichen.
Ungewisse Zukunft
Die letzten Tage brechen für mich an. Der Gang zu Al-Juba, einem kleinen, alten Zeitungsladen in Ramallahs Innenstadt nahe dem geschlossenen Al Jazeera-Studio, ist zu einer Regelmäßigkeit geworden. Im Wind flattern am Al-Manara-Square die gelben Fahnen mit dem Konterfei Marwan Barghoutis, die hier seit dem Tag der politischen Gefangenen hängen. Bei Al-Juba kaufe ich mir neben der palästinensischen Tageszeitung Al-Ayyam die Wochenendausgabe der New York Times mit Haaretz-Beilage, der linksliberalen israelischen Tageszeitung. Als der Verkäufer einmal nur die Jerusalem Post bekommen hatte, entgegnete er auf mein Entsetzen, dass es wichtig sei zu wissen, was die Gegenseite schreibt – selbst Israels Rechte.
Mit Isam Salama, dem Social-Media-Beauftragten des PFA, fahre ich an meinem letzten Tag von seiner Heimatstadt Anata nach Ramallah. Wir sprechen auch darüber, was es bedeutet, beim PFA zu arbeiten. Israel behält nicht erst seit dem 7. Oktober massiv Steuer- und Zolleinnahmen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) ein. Erst am 09. Juli wurde ein Gesetzentwurf in erster Lesung in der Knesset verabschiedet, der es der Regierung ermöglichen würde, weitere Zollabfertigungseinnahmen der PA einzufrieren. Seit 2019 hat Israel insgesamt 14 Milliarden Schekel (etwa 4 Milliarden Euro) konfisziert, die aus Steuern und Zöllen stammen.
»Der palästinensische Fußball kann einen Einblick in das geben, was vor uns liegt. Ein leises Davonschwinden ohne internationalen Aufschrei.«
Gemäß dem »Pariser Wirtschaftsprotokoll von 1994« werden diese durch Israel für Einfuhren nach Palästina erhoben und monatlich an die PA überwiesen. Mit dem neuen Vorstoß würde sich die Wirtschaftskrise weiter verschärfen, da die Einnahmen etwa 56 Prozent der gesamten öffentlichen Einnahmen der PA ausmachen. Fernab dieser grauen Theorie bedeutet das für Isam konkret, dass er zwei Jobs ausüben muss. Die PA bezahlt ihm und anderen Bediensteten im öffentlichen Sektor immerhin 50 Prozent des Gehaltes, mit einem Minimum von 2000 Schekel (etwa 600 €). Das alles in Anbetracht von Supermarkt- und Restaurantpreisen, die Deutschland in nichts nachstehen.
Auf unserem Weg nach Ramallah passieren wir die Baustellen, die mit dem E1-Siedlungsplan in Verbindung stehen. Er wird von Kritikern als weiterer Schritt in Richtung einer Annexion der West Bank angesehen. Ich frage Isam, ob er glaubt, dass die Palästinenser letztendlich aus ihrer Heimat vertrieben würden. Nach einer Pause antwortete er leise: »Vielleicht nicht mit Gewalt. Aber im Laufe der Jahre werden sie das Leben immer unerträglicher machen, bis die Menschen von alleine gehen.« In diesem Sinne könnte der palästinensische Fußball einen Einblick in das geben, was vor uns liegt. Ein leises Davonschwinden ohne internationalen Aufschrei – ganz so, wie Imad Ishtayehs Tod unweit des Verbandsgebäudes kaum Aufmerksamkeit erregte.