Zum Hauptinhalt springen

Im Kampf UEFA gegen FIFA geht es um das größte Stück Kuchen im Weltfußball

Die FIFA wollte WM und Klub-WM an Investoren verkaufen, die UEFA stoppte das mit moralischer Entrüstung. Dabei geht es nicht um saubere Prinzipien, sondern um den Kampf der Kapitalfraktionen im Fußball um die größte Beute.
Letztlich musste Infantino doch zurückrudern. Bild: IMAGO / ZUMA Press

Am Ende war es doch nur ein Arbeitspapier, ein noch nicht legitimierter Plan als Diskussionsgrundlage, ein großes Missverständnis. »Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen«, meinte FIFA-Boss Gianni Infantino kleinlaut. Bei dem »ursprünglich angestrebten Ziel« handelte es sich um die Ausgliederung der gewinnträchtigsten Produkte des Fußball-Weltverbandes mit Sitz in Zürich.

Die Männer- und Frauen-WM, sowie die 2025 erstmals erheblich aufgestockte Klub-WM und die Jugend-Weltmeisterschaften sollten in die Firma FIFA Forward Enterprise überführt werden, die auch für private Investoren hätte geöffnet werden können. Unter Führung des exklusiven »FIFA-Finanzberaters« JPMorgan wären hierfür potenzielle Interessenten gesucht worden. Heißester Kandidat für einen Einstieg war der US-amerikanische Milliardär Joshua Kushner, Bruder des Schwiegersohnes von US-Präsident Trump, Jared Kushner.

Die Entrüstung in der alten Fußballwelt war groß. Nach einer WM, die für viele Fans wegen überhöhter Ticketpreise und Einreiseverboten einen ohnehin fahlen Beigeschmack hatte, hatte Infantino das Fass damit zum Überlaufen gebracht. Am lautesten meldete sich die UEFA. »Der Fußball«, so der europäische Kontinentalverband ganz dem sportlichen Ideal verpflichtet, »ist nicht verkäuflich«, die Weltmeisterschaft könne »nicht wie ein Investmentprodukt behandelt werden«. Zwischendurch drohte sie gar mit dem Boykott des Events – und sorgte so für das Scheitern von Infantinos revolutionär-kapitalistischen Projekts im Weltfußball.

Dabei ist es auch die UEFA, die den Verkauf und die Vermarktung des »beautiful game« (Marketingbezeichnung der FIFA) massiv vorantreibt. Und nicht nur sie: Einige nun laut aufschreiende Akteure befürworten selbst den Einstieg von Investoren. Es ist kein moralischer Konflikt, sondern die Kapitalfraktionen aus Welt- und Kontinentalverband, sowie den Vereinen liefern sich gerade einen Kampf um das größte Stück der prächtigen Torte Profifußball.

Die moralische Überhöhung im Statement aller 55 Mitgliedsverbände der UEFA hat gute Gründe, sieht sich der »alte Kontinent« auch auf Ebene der Fußballfunktionäre doch gerne selbst als sauberer Leuchtturm im FIFA-Meer der Korruption. In Europa – wo man noch immer die globaler Dominanz im Nationalmannschafts- und besonders im Vereinsfußball hält – steht das Treiben der FIFA schon länger in der Kritik. Nicht nur aufgrund der allgegenwärtigen und unter Infantino noch einmal offensichtlicher gewordenen Korruption, sondern auch aufgrund der Ausweitung der Fußball-WM auf 48 Teilnehmer (von denen vor allem die bisherige Fußball-Peripherie in Afrika oder Asien profitiert).

Die FIFA und maßgeblich ihr Präsident versuchen seit Jahren, der UEFA den Markt abzugreifen. 2021 wollte Infantino – ironischerweise selbst ehemaliger UEFA-Generalsekretär – die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre austragen lassen.

Zudem wird die zunehmende Eventisierung des Spiels bei FIFA-Turnieren und das Kungeln mit den aufstrebenden Golf-Staaten oder Trumps USA durch Infantino vom Gros der Fans abgelehnt. Die UEFA versucht Boden bei diesen gutzumachen, denn sie ist selbst nicht besser. Korruption und die Eventisierung und Ausweitung von Fußballturnieren sind auch bei der UEFA seit jeher ein fester Bestandteil der Verbands-DNA. In fast allen Ländern hängen daher bei Europapokal-Partien im Vereinsfußball Zaunfahnen mit Sprüchen wie »UEFA Mafia« im Stadion.

Kontinental- und Nationenverbände aus bisher randständigen Fußballnationen vor allem des globalen Südens zeigten sich angesichts der zu erwartenden Einnahmensteigerungen (und der entsprechend großzügigen Verteilung durch den Weltverband) beim endgültigen Verkauf der FIFA-Turniere offener für die Pläne Infantinos. Sie sind auch seit jeher die großen Unterstützer der im Westen stark umstrittenen FIFA-Bosse. So besteht der Großteil der Einnahmen und Infrastruktur der Fußballverbände von Samoa, Simbadwe oder Sri Lanka aus FIFA-Zuwendungen.

Der große Markt der UEFA

Die gewichtigen europäischen Fußballnationen sind auf derlei Zahlungen nicht angewiesen. Sie haben eigene Einnahmequellen und zwar die größten, die ein Verband im Fußball generieren kann. Mit der Europameisterschaft tragen sie das medial bedeutsamste Kontinentalturnier für Nationalmannschaften aus. Mit der englischen Premier League, der spanischen La Liga, der italienischen Serie A und der deutschen Bundesliga sind die sportlich bedeutsamsten Ligen allesamt in Europa angesiedelt. Daran konnten auch der Fanatismus und die Tradition der argentinischen und brasilianischen Liga oder das finanzkräftige Engagement Saudi-Arabiens am Aufbau einer ähnlich guten Nationalliga nichts ändern.

Aus diesem für Europa noch immer vorteilhaften Status ergibt sich die buchstäbliche »Königsklasse« – die UEFA Champions League. Der bedeutsamste und sportlich mit weitem Abstand stärkste Wettbewerb des Vereinsfußballs ist der Goldesel des europäischen Kontinentalverbandes. Fast 4 Mrd. Euro erzielte die UEFA durch diesen Wettbewerb. Geld, das vor allem über den Verkauf von Übertragungsrechten, zentralem Sponsoring und einer Erhöhung des Teilnehmerfelds generiert wird. Doch schon jetzt ist der Terminkalender sehr eng getaktet und lässt sich nicht beliebig erweitern. Topspieler müssen aktuell bis zu 70 Spiele im Jahr machen – der Markt kommt aufgrund der Regenerationszeiten der modernen Gladiatoren bereits jetzt an sein Limit.

Gianni Infantino kennt derlei Zahlen sehr genau. Zwar ist die von der FIFA organisierte Männer-WM mit über 6 Mrd. Euro (Stand 2022, die WM 2026 dürfte diesen Betrag noch um ein Vielfaches steigern) wettbewerbsmäßig sowie von der medialen Präsenz noch immer mit Abstand das finanziell stärkste Turnier, doch es macht auch über 90 Prozent der FIFA-Einnahmen aus und findet nur alle vier Jahre statt. Die FIFA und maßgeblich ihr Präsident versuchen seit Jahren, der UEFA den Markt abzugreifen. 2021 wollte Infantino – ironischerweise selbst ehemaliger UEFA-Generalsekretär – die Weltmeisterschaft alle zwei Jahre austragen lassen.

Dies hätte angesichts der gigantischen Einnahmen selbstredend weiteren Gewinn für die FIFA bedeutet. Doch der UEFA-Präsident Aleksandar Čeferin widersprach diesem Vorhaben entschieden, hätte es doch de facto eine niedrigere Einstufung der Europameisterschaft bedeutet, die ebenfalls alle vier Jahre ausgetragen wird. Zudem erfand die UEFA zur Einnahmensteigerung die UEFA Nations League, beanspruchte also bereits sehr viel Raum im eng getakteten Fußballkalender. Auch hier drohte die UEFA hinter den Kulissen wohl bereits mit dem Boykott ihrer Nationalteams, letztlich wurden die Pläne genauso verworfen wie der aktuelle Investoreneinstieg.

Bei Klubs handelt es sich in praktisch allen Ländern außer Deutschland um klar hierarchisch organisierte Wirtschaftsunternehmen mit Gewinnabsicht und ohne Mitbestimmung der Fans.

Als weiterer Angriff auf die UEFA wurde die Klub-WM gesehen. Dieses weltweite Vereinsturnier war früher ein fußballerischer Zwischensnack während der Winterpause mit den Gewinnern der wichtigsten Kontinentalturniere im Vereinsfußball. Infantino baute dieses mit 32 Teams zu einem globalen Event der besten Vereinsmannschaften der Welt aus – auch wenn dies de facto ein sportliches Schlachtfest europäischer Teams gegen Vereine aus beispielsweise Ozeanien bedeutete. Das Turnier fand in Europa zwar keinen großen Anklang und galt eher als Flop, war jedoch vor allem in Afrika und Südamerika ein großer Quotenbringer.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt gelten Infantino und Čeferin als die politischen Rivalen des Weltfußballs schlechthin. Das Verhältnis zwischen beiden ist inzwischen so schlecht, dass die UEFA bereits einen Gegenkandidaten zum nächsten FIFA-Kongress um das Amt des Präsidenten aufbaut. Es soll sich dabei um Nasser Al-Khelaifi handeln. Der Katari ist Eigentümer von Paris Saint-Germain und war eine der treibenden Kräfte hinter der Champions-League-Reform. Die honorigen, scheinbar unkommerziell wirkenden Worte der UEFA sind angesichts dieser Personalie wohlfeil.

Vereine vs. Verbände

Al-Khelaifi vertritt den aktuell wohl mächtigsten Akteur im Spiel um die wirtschaftliche Macht im Fußball: die Klubs. Als klassische Vereine nach deutschem Vorbild mit Mitgliederversammlung und Gremien darf man sich diese vielerorts nicht vorstellen, vielmehr handelt es sich in praktisch allen Ländern außer Deutschland um klar hierarchisch organisierte Wirtschaftsunternehmen mit Gewinnabsicht und ohne Mitbestimmung der Fans. Das Ziel der FIFA, mit Investoren neues Geld in den Markt zu pumpen, haben die Vereine längst erreicht. Die erhebliche Wertsteigerung von Spielern der vergangenen Jahre und die Unsummen an Gehältern, die für diese mittlerweile gezahlt werden, waren nur durch sie möglich. Längst haben die Klubs eine solche Macht, dass sie den Verbänden das alleinige Recht zur Austragung der obersten Ligen schon vor zwanzig Jahren streitig machten. In Deutschland gibt es beispielsweise die Deutsche Fußball-Liga (DFL), in der sich die Profivereine der ersten beiden Ligen selbst organisieren und zusammen mit dem DFB die 1. und 2. Bundesliga organisieren.

Auch die nationalen Ligen stehen in erheblichem Konkurrenzverhältnis zueinander. Seitdem frühere Beschränkungen entweder ganz aufgehoben oder extrem gelockert wurden, ist der Spielermarkt gänzlich globalisiert. Vereine und letztlich auch ganze Ligen müssen schauen, wie sie Einnahmen akquirieren und damit auch höher dotierte Verträge oder Transfersummen zahlen können. Aufgrund historischer Begebenheiten und einer breiten Ablehnung von Kommerzialisierung des Sports durch die Fans, wird so beispielsweise der Bundesliga eingeredet, sie verfüge nicht mehr über die nötige Konkurrenzfähigkeit beispielsweise zu England, wo längs reiche Geldgeber am Werk sind.

So wird auch in der Bundesliga bereits seit längerem über die Öffnung für Investoren im Ligabereich diskutiert – der Einstieg eines Investors aus dem Private-Equity-Bereich sollte der DFL eine Milliarde Euro bringen. Nach massiven Protesten mit von den Fans verursachten Unterbrechungen bei nahezu jedem Spiel, wurden die Pläne schließlich aufgegeben. Investoren bei Wettbewerben sind zumindest im Vereinsfußball durchaus gern gesehen. Auch wenn DFB-Vize und DFL-Präsident Hans-Joachim Watzke bei den FIFA-Plänen meinte, hier »sei eine Grenze überschritten worden«, trieb er doch genau einen solchen Investoreneinstieg maßgeblich voran.

Die Investorenpläne der FIFA mögen vom Tisch sein, der Kampf um die Herrschaft im Weltfußball und letztlich auch das Monopol der Verbände ist es noch lange nicht.

Dass die Verbände in diesem hyperkapitalistischen Spiel überhaupt noch ein Wörtchen mitzureden haben und schlussendlich die von allen Playern anerkannten Wächter und Organisatoren des Weltfußballs sind, ist keineswegs ausgemacht. Im Basketball ist beispielsweise die NBA komplett selbst organisiert und agiert völlig eigenständig vom Weltverband FIBA, sogar mit eigenen Regeln wie längeren Viertelzeiten. Auch im Fußball gab es mit der Super League 2021 bereits Pläne, eine solche Weltliga der besten Vereine komplett selbstorganisiert mit Kapital von außen und Fokus auf die Übertragung statt des Stadionerlebnisses auszutragen.

Vereine wie Real Madrid, der FC Barcelona oder Manchester United wollten austesten, wie die Stimmungslage für ein solches Projekt wäre. Der Claim »The best Clubs. The best Players. Every Week.« stand bereits, die Pläne waren weit fortgeschritten. Letztlich konnte der Vorstoß durch die Verbände gerade noch so verhindert werden. Die beteiligten Klubs wären aus ihren nationalen Ligen ausgeschlossen worden (gerade für die Fans im Stadion ist der regionale Bezug extrem wichtig) und die Spieler hätten nicht mehr in ihren Nationalmannschaften spielen und bei den großen Nationenturnieren teilnehmen dürfen.

Dennoch musste die UEFA den Riesen der Super League Zugeständnisse machen: Die Champions League wurde reformiert und aufgestockt. So ist es aus den großen Ligen für die Spitzenvereine kaum noch möglich, nicht in die Champions League zu kommen. Aus England sind sogar die ersten fünf Teams direkt qualifiziert. Dass die Klubs ihr eigenes Ding machen, ist die ganz große Befürchtung der Verbände.

Die Investorenpläne der FIFA mögen vom Tisch sein, der Kampf um die Herrschaft im Weltfußball und letztlich auch das Monopol der Verbände ist es noch lange nicht. Bei Infantinos Plänen zum Verkauf der WM (bei denen vor allem auch er selbst profitiert hätte) mögen die ganz großen Player des Weltfußballs einer Meinung gewesen sein, doch eigentlich haben Vereine und Verbände auf unterschiedlichen Ebenen bereits seit Jahren verschiedene Interessen. Bei der Skalierung des Profifußballs wird dies wohl nicht die letzte scheinbar »revolutionäre« Idee gewesen sein, die auf Kosten von Spielern und vor allem Fans geht.

Noch keine Antworten

Sei die erste Person, die ihre Gedanken teilt.