München wird zur Hauptstadt der KI-Kriegsindustrie
Das Bild der Münchner Rüstungsindustrie war lange Zeit geprägt vom Exportschlager Leopard 2. Das beliebte Modell aus der Münchner Panzerschmiede KNDS (vormals Krauss-Maffei Wegmann) war dabei, als die Bundeswehr nach Jahrzehnten der deutschen militärischen Zurückhaltung völkerrechtswidrig Jugoslawien angriff, es »verteidigte unsere Freiheit am Hindukusch« und kämpfte für Erdoğan gegen den demokratischen Konföderalismus in Nordsyrien. Auch im Krieg in der Ukraine sind die Leoparden im Einsatz.
Zwar will KNDS seine Panzerproduktion im Rahmen der »Zeitenwende« in München weiter hochfahren. Doch die konventionelle Kriegsindustrie steht aktuell unter Druck und hat mächtige Konkurrenz bekommen. Weitgehend ohne kritische gesellschaftliche Debatte entsteht derzeit ein Münchner Silicon Valley, das die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts entwickelt. Mit Unternehmen wie Helsing, Quantum Systems, Stark Defence und anderen bildet sich hier das wichtigste europäische Zentrum für militärische KI.
Schon jetzt ist in den Kriegen nicht mehr vorrangig die Quantität der militärischen Kapazitäten entscheidend, sondern immer mehr die technologische Qualität autonomer Aufklärungs- und Waffensysteme. Während Europa im zivilen KI-Wettbewerb weitgehend auf der Strecke bleibt, scheint gerade im Bereich der militärischen KI die Konkurrenzfähigkeit mit den global bedeutendsten Konzernen zu gelingen – mit Deutschland als Drehscheibe.
Staatlich geförderte Killerdrohnen-Einhörner
Der kometenhafte Aufstieg von Helsing begann im Jahr 2021 mit einer Anschubfinanzierung des Spotify-Gründers Daniel Ek. Weniger als zwei Jahre dauerte es, bis eine zweite Finanzierungsrunde den Gründern zum »Einhorn«-Status verhalf – dieser bezeichnet Start-ups mit zehnstelliger Bewertung. Heute hat Helsing mit einer Bewertung von 18 Milliarden Dollar schon manch traditionellen Rüstungsriesen überholt. Das Unternehmen entwickelt KI-Systeme zur Auswertung militärischer Sensordaten, integriert Software in Waffensysteme anderer Hersteller, produziert seit Ende 2024 auch eigene Kampfdrohnen und arbeitet aktuell am weltweit ersten vollautonomen Kampfjet. Ähnliche Profile haben die auch in und um München ansässigen Start-ups Quantum Systems, Stark Defence, Arx Robotics, Avilus und Tytan Technologies.
Zusätzlich zum historisch beispiellosen Aufrüstungsprogramm der »Zeitenwende«, das erklärtermaßen die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas formen soll, will der Bund nun für die Tarnfarben-Tech-Bros an der Isar nicht nur Ankerkunde sein, sondern selbst zum Risikokapitalgeber werden.
Darüber hinaus sitzen mit Alpine Eagle und Sky Laser Defence zwei Start-ups für Drohnenabwehrtechnologie in München. Ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt bietet die Firma Hologate KI-gestützte Virtual-Reality-Umgebungen an, in denen der Einsatz spezifischer Waffensysteme geübt werden kann – Ego-Shooter-Matrix als Training für Armee und Polizei. Und in derselben Stadt entwickelt das vom klassischen Rüstungskonzern Hensoldt geförderte Start-Up Project Q seine Open-Source-Plattform »Hydris« – auch bezeichnet als »Internet of Defence« – eine Art militärisches Allround-Betriebssystem, das den Zweck hat, verschiedene Waffensysteme miteinander zu vernetzen.
Zusammengenommen bildet dieses Unternehmenscluster einen neuen Untersektor der Kriegsindustrie, der zahlreiche Investoren anlockt, weiter auf rasant steigende Wachstumsraten zu wetten. Dieses Risikokapital verschränkt sich mit staatlichen Rüstungsbudgets und geopolitischer Konkurrenz zu einem besonderen Geschäftsmodell. Mehrere der Münchner KI-Militär-Start-ups haben umfangreiche Aufträge der Bundeswehr erhalten, andere kooperieren mit dieser im Rahmen von Pilotprojekten. Obendrein hat die Bundesregierung jüngst ein Strategiepapier zur Start-up-Förderung vorgelegt. Dieses sieht ein »Direktbeteiligungsvehikel für Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie« vor. Zusätzlich zum historisch beispiellosen Aufrüstungsprogramm der »Zeitenwende«, das erklärtermaßen die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas formen soll, will der Bund nun für die Tarnfarben-Tech-Bros an der Isar nicht nur Ankerkunde sein, sondern selbst zum Risikokapitalgeber werden.
Europas Antwort auf Palantir
Bemerkenswert ist dabei die politische Selbstdarstellung dieser Unternehmen. Anders als das US-Pendant Palantir, dessen Gründer Peter Thiel völlig unverblümt einen in seinem Sinn freien Markt für unvereinbar mit Demokratie erklärt, präsentieren sich die Münchner Militär-Start-ups als Verteidiger demokratischer Werte. Gerade Helsing inszeniert sich offensiv als liberale Alternative zu seinen offen faschistoiden amerikanischen Kollegen im Silicon Valley. So begründet der Manager Robert Fink seinen Wechsel von Palantir zu Helsing auch mit seiner »europäischen Überzeugung«.
Doch gleich, ob sich die Manager tatsächlich der Illusion hingeben, dass ihr Wirken der Demokratie zuträglich sei oder ob sich diese liberale Rhetorik vielmehr in einer Marketingstrategie erklärt, die europäische private und öffentliche Geldgeber gewinnen will: Es ist historisch evident, dass hoch militarisierte Gesellschaften parlamentarische Rechenschaft, Transparenz und Gewaltenteilung tendenziell abbauen.
Der europäische politische Mainstream kippt zwar zunehmend ins Rechtsautoritäre, ist aber auf diesem Weg noch nicht so weit angekommen, dass es für staatlich beauftragte Unternehmen opportun scheint, wie in den USA offen eine Ideologie der ethnonationalistischen Überlegenheit zu propagieren.
In der aktuellen Phase der deutschen Entwicklung bedeutet die durch Rüstungsausgaben begründete Zerschlagung der restlichen Sozialstaatselemente für ökonomisch abgehängte Teile der Gesellschaft eine noch geringere Chance auf demokratische Teilhabe als ohnehin schon. Der Claim von Helsing »zum Schutz unserer Demokratien« erscheint zudem doppelt absurd, wenn man die demokratischen Zustände in Nato-Staaten wie der Türkei oder bei engen Nato-Verbündeten wie Israel oder den Vereinigten Arabischen Emiraten betrachtet.
Klar ist jedenfalls: Der europäische politische Mainstream kippt zwar zunehmend ins Rechtsautoritäre, ist aber auf diesem Weg noch nicht so weit angekommen, dass es für staatlich beauftragte Unternehmen opportun scheint, wie in den USA offen eine Ideologie der ethnonationalistischen Überlegenheit zu propagieren. Doch im Hintergrund mischt das rechtsradikale US-Kapital kräftig mit: Peter Thiel, einer der Hauptinvestoren bei Stark Defence und Anhänger einer kruden apokalyptischen Weltanschauung, möchte die Vorherrschaft des Westens durch militär-technologischen Fortschritt sichern.
Die zunehmende Verschmelzung von Risikokapital, Staat und Militär in Deutschland spiegelt diese Agenda Thiels. Hierzulande wird dies mit dem Etikett der liberalen Demokratie überschrieben, wohingegen im Anfang 2026 veröffentlichten Manifest von Palantir das eigentliche Projekt ehrlich zum Ausdruck gebracht wird: Die Herstellung von Hegemonie gegenüber »dysfunktionalen und rückständigen Kulturen«.
Bislang gibt es auf Seiten der deutschen politischen Elite teilweise noch Berührungsängste mit Vordenkern und Oligarchen der US-Rechten wie Peter Thiel. Doch etwa die von Thiel organisierten »Dialog«-Geheimtreffen, an denen seit 2018 mehrmals Jens Spahn teilnahm, oder die angekündigte Vergabe des Axel-Springer-Preises an Thiel zeigen, dass im Hintergrund schon lange Drähte aufgebaut wurden und nun ein Teil der deutschen Rechten daran arbeitet, die Thiel-Ideologie auch über die AfD hinaus anschlussfähig zu machen.
Die Lüge des »human in the loop«
Aber die Problematik militärischer KI geht über ihre rechtsextremen Vordenker hinaus: Sie automatisiert den Krieg an sich. Sensoren, Satelliten, Drohnenschwärme und algorithmische Auswertung erzeugen riesige Datenströme, die in Echtzeit militärische Entscheidungen vorbereiten und faktisch auch treffen. Angeblich agiere die Waffe dabei nicht völlig unabhängig, sondern nur schneller und effektiver. Die Autonomie von Waffensystemen wird üblicherweise folgendermaßen kategorisiert: »human in the loop« (der Mensch muss jede Waffenwirkung freigeben), »human on the loop« (das System handelt selbstständig, kann aber jederzeit vom Menschen gestoppt werden) oder »human out of the loop« (das System trifft Entscheidungen ohne menschliche Eingriffsmöglichkeit). Helsing etwa verfolgt nach eigenen Angaben das Prinzip »human in the loop«.
Das zentrale Versprechen der HX2, Kamikaze-Drohne von Helsing: Das KI-System gleicht laufend Sensordaten mit digitalen Karten ab und steuert so die Drohne im Fall elektronischer Angriffe auch ohne GPS oder Funkverbindung. Wie bleiben jedoch ohne Funkverbindung Menschen »in the loop«? Laut dem ukrainischen Militär-Blog Militarnyi griffen HX2-Drohnen fernab der Front im russischen Hinterland Reparaturmannschaften und Straßenarbeiter an. Wann im Rahmen solcher Missionen HX2-Drohnen noch unter menschlicher Kontrolle bleiben und wann sie vollständig autonom steuern (und töten), scheint mehr als zweifelhaft.
Es ist anzunehmen, dass das Münchner Silicon Valley mittelfristig das schon jetzt mit Drohnen ausgestattete europäische Grenzregime und in weiteren Etappen auch Geheimdienste und Polizeibehörden als weitere Absatzmärkte erschließen wird.
Vereinzelte Berichte über Bundeswehraufträge an Produzenten autonomer Waffen oder den Einsatz des israelischen Systems »Lavender« im Gaza-Genozid haben die Tendenz zum KI-Krieg zwar punktuell sichtbar gemacht. Was bislang jedoch weitgehend fehlt, ist ein Gesamtblick auf die historische Dimension. Wir erleben gegenwärtig den Beginn einer grundlegenden Umwälzung der Kriegsführung, qualitativ vergleichbar mit der Industrialisierung des Kriegs im 19. Jahrhundert oder der Erfindung der Atombombe im 20. Jahrhundert.
Diese Entwicklung wird nicht auf kriegerische Auseinandersetzungen beschränkt bleiben: Es ist anzunehmen, dass das Münchner Silicon Valley mittelfristig das schon jetzt mit Drohnen ausgestattete europäische Grenzregime und in weiteren Etappen auch Geheimdienste und Polizeibehörden als weitere Absatzmärkte erschließen wird. Manch Gesetzgeber hat hier schon Vorarbeit geleistet: Das Bayerische Polizeiaufgabengesetz etwa räumt der Behörde seit 2018 die Befugnis ein, Sprengmittel einzusetzen – etwa Handgranaten oder Panzerfäuste. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Befugnisse künftig auch für Kamikazedrohnen gelten.
Ein heutiger Antimilitarismus muss im angehenden Zeitalter der KI-Kriege über Forderungen nach Abrüstung oder diplomatischer Konfliktlösung hinausgehen. Er muss die politische Ökonomie der KI selbst in den Blick nehmen: ihre Eigentumsverhältnisse und Finanzierungsstrukturen, ihre Verflechtung mit dem Staat und ihre geopolitische Rolle – auch im Münchner Silicon Valley der Killerroboter. Denn hier wird die Grundlage für die globalen Kriegsverbrechen der kommenden Jahrzehnte geschaffen. Oder in den Worten Peter Thiels: »Navigating World War III«.