Richard Wolff: Die Linke hat 2026 eine echte Chance
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als der Feudalismus in Russland zu Ende ging und das Zarenreich ins Wanken geriet, fasste der große Schriftsteller Nikolai Tschernyschewski die wachsenden Sorgen und Ängste seiner Zeit zusammen. Sein 1863 erschienener Roman Was tun? enthielt eine sozialistische Antwort. Vierzig Jahre später trat allerdings ein Raubtierkapitalismus auf den Plan, um den russischen Feudalismus zu ersetzen. Die früheren Leibeigenen begannen zu begreifen, dass sie der alten Ausbeutung nicht entkommen waren, wie sie es sich erhofft und erträumt hatten. Stattdessen litten sie als Industriearbeiter unter einer neuen Form der Ausbeutung.
Auch Wladimir Lenin erkannte die Sorgen und Ängste seiner Zeit und hielt sie in einem Pamphlet fest. Der Titel, erneut: Was tun? Auch Lenin bot eine sozialistische Antwort auf diese Frage.
»Karl Marx’ hegelianische Sichtweise ermöglichte es ihm zu erkennen, dass die Art und Weise, wie das Vereinigte Königreich Indien, Nordamerika und den Rest seines Imperiums unterwarf, auch den Grundstein für deren weitere, moderne Entwicklung in einer Weise legte, die dieses britische Imperium letztendlich untergrub.«
Und heute? Heute bringt ein im Niedergang begriffenes US-Imperium den Kapitalismus amerikanischer Prägung selbst ins Wanken und untergräbt ihn. Die Weltwirtschaft wird immer und immer wieder erschüttert; internationales Recht wird zunehmend missachtet; plumper Autoritarismus prägt die US-amerikanische Innenpolitik. Viele Menschen auf der ganzen Welt stellen daher einmal mehr die alte Frage – und das zu Recht. Und erneut gibt es eine sozialistische Antwort.
Kollaps des Alten und Aufstieg des US-amerikanischen Imperiums
Aus den Wirren von Politik und Krieg, die sich gegenseitig auf unterschiedliche Weise bedingen, vollzieht sich aktuell ein historischer globaler Neuanfang. Oberflächlich betrachtet ist nahezu die gesamte Welt heute direkt oder indirekt in den Krieg der USA und Israels gegen den Iran, den Krieg zwischen Russland, der Ukraine und der NATO sowie deren Auswirkungen verwickelt. Doch unter dieser Oberfläche werden Konturen eines Neuanfangs sichtbar. Sie können uns helfen, unsere eigene Geschichte besser zu verstehen und dadurch unseren weiteren Weg besser zu gestalten.
Karl Marx’ hegelianische Sichtweise ermöglichte es ihm zu erkennen, dass die Art und Weise, wie das Vereinigte Königreich Indien, Nordamerika und den Rest seines Imperiums unterwarf, auch den Grundstein für deren weitere, moderne Entwicklung in einer Weise legte, die dieses britische Imperium letztendlich untergrub. So führten beispielsweise die von einer Kolonie geführten Unabhängigkeitskriege zunächst zur Gründung der Vereinigten Staaten und anschließend zur Monroe-Doktrin. Beides schwächte das britische Empire und seine imperialen Bestrebungen. Andererseits versorgten die expandierenden USA Großbritannien auch mit von Sklaven produzierter Baumwolle, die es wiederum der britischen Textilindustrie ermöglichte, das Wachstum und die Macht des Empire im 19. Jahrhundert weiterhin zu stützen – wobei die Vereinigten Staaten für das Königreich zudem neue Märkte und profitable Investitionsmöglichkeiten boten.
»Das US-Imperium zeigte allen kolonialisierten Völkern der Welt einen Weg in die Zukunft auf: Sie sollten die Technologien der Kolonisatoren nachahmen, die industrielle Produktion diversifizieren und gewinnbringend an den Weltmärkten teilnehmen.«
Als sowohl Europa als auch Japan im 19. und frühen 20. Jahrhundert darum wetteiferten, ihre jeweiligen Imperien zu erweitern und auszubeuten, gipfelte dies in zwei Weltkriegen, die letztlich beide Imperien zerstörten. Die Vereinigten Staaten waren in den Weltkriegen zumindest teilweise eine Ausnahme, weil ihr Territorium durch zwei Ozeane und die damaligen Grenzen der Militärtechnologie weitgehend geschützt war. Die USA überstanden den Ersten Weltkrieg (1914–18) im Vergleich zu den anderen Kriegsteilnehmern mit minimalem Schaden. Dies gelang ihnen erneut im Zweiten Weltkrieg (1939–1945), wobei sie den militärischen Aufbau nutzten, um sich von der Weltwirtschaftskrise (1929–1939) zu erholen. So konnten sie letztlich frühere Imperien durch ihr eigenes ersetzen. Viele der großen Auseinandersetzungen, die die Weltgeschichte seit 1945 prägen, entstanden aus diesem raschen Zusammenbruch der alten Imperien und dem geradezu kometenhaften Aufstieg des neuen US-amerikanischen Imperiums.
Doch Amerikas »informelles« Imperium erwies sich als produktiver und mächtiger als die »formellen« Imperien der Vergangenheit. Es stand vereint hinter einer einzigen Mission: den Rest der Welt zu unterwerfen, um in erster Linie den eigenen Kapitalisten zu dienen. Wie Marx vorausgesagt hatte, schuf der Aufstieg der USA durch ihre technologischen Innovationen, insbesondere in der Luftfahrt und Telekommunikation, eine vereinigte Weltwirtschaft. So konnten Reichtümer in bislang beispiellosem Ausmaß angehäuft werden.
Das US-Imperium zeigte zudem allen kolonialisierten Völkern der Welt einen Weg in die Zukunft auf: Sie sollten die Technologien der Kolonisatoren nachahmen, die industrielle Produktion diversifizieren und gewinnbringend an den Weltmärkten teilnehmen. Vor 1945 waren die Milliarden formell und informell kolonialisierter Menschen auf die schlechtesten, marginalsten Positionen im globalen Kapitalismus beschränkt: Sie dienten lediglich als Lieferanten von Rohstoffen und billigen Arbeitskräften. Die mit Nachdruck angestrebte politische Unabhängigkeit der Kolonien führte jedoch zu Enttäuschung für diejenigen, die sich davon eine Befreiung aus ihrer kolonialen Marginalität versprochen hatten.
Die »Entwicklungsstaaten« schlagen zurück
Einige dieser Milliarden von Menschen versuchten, aus ihrer marginalisierten, untergeordneten Stellung auszubrechen, indem sie den Sozialismus der Europäer übernahmen. Die Arbeiterklassen in Europa hatten sich auf eine Welt der »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« gefreut, als sie den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus vorantrieben. Doch im Ergebnis dieses Übergangs – hin zum real existierenden Kapitalismus – wurden diese Versprechen nicht eingelöst. Daher kristallisierte sich der Sozialismus als die neue Antwort heraus. Marx spielte dabei eine entscheidende Rolle, denn seine Analyse des Kapitalismus verortete das Hindernis für die Einlösung des Versprechens im Kapitalismus selbst, genauer gesagt in der ihn definierenden Struktur der Produktionsverhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Arbeiterinnen und Arbeiter, die Marx’ Lehren vernahmen, versuchten, eine antikolonialistische Bewegung aufzubauen, die zugleich sozialistisch war: Kwame Nkrumah in Ghana, Ahmed Sékou Touré in Guinea, Fidel Castro in Kuba, Ho Chi Minh in Vietnam, Patrice Lumumba im Kongo und so viele andere.
Ihre Bemühungen, so inspirierend und einflussreich sie auch für alles waren, was seitdem geschehen ist, erwiesen sich aber als verfrüht. Der Antiimperialismus war zwar fest verankert und die Massen entschlossen, die Marginalisierung der ehemals kolonialisierten und nun nominell »unabhängigen« Weltregionen zu beenden. Die Unterstützung für den Sozialismus war hingegen weniger tief verwurzelt – zwar vorhanden und wachsend, aber insgesamt noch relativ unterentwickelt. Zum programmatischen Ziel der ehemals kolonialisierten Länder wurde es daher, so schnell wie möglich Zugang zum globalen Kapitalismus zu erlangen, der nach 1945 vom US-Imperium angeführt wurde.
»In den 1970er Jahren war der Wiederaufbau der durch den Weltkrieg zerstörten großen Volkswirtschaften weitgehend abgeschlossen. Damit geriet die erste Phase des US-amerikanischen Nachkriegswohlstands ins Stocken.«
Ab 1945 ersetzte das US-Imperium den europäischen Kolonialismus durch eine amerikanische Form der ökonomischen, politischen und kulturellen Dominanz und Vorherrschaft. Die Vereinigten Staaten fassten die inzwischen politisch unabhängigen Nationen lose in den Vereinten Nationen zusammen, einer Institution, die von den USA kontrolliert und finanziert wurde. Sie bündelten und kontrollierten einzelne Staaten mit dem Nordatlantikpakt (NATO), der Southeast Asia Treaty Organization (SEATO) und vergleichbaren Bündnissen. Die ersten 25 Jahre nach 1945 waren zudem eine Phase des Wiederaufbaus für die vom Krieg zerstörten Volkswirtschaften Westeuropas und Japans. Durch die finanzielle Unterstützung im Rahmen von Initiativen wie dem Marshall-Plan kaufte das Nachkriegs-Westeuropa das für seinen Wiederaufbau Benötigte von amerikanischen Firmen. Das bescherte den US-Kapitalisten Wohlstand, unterfüttert mit keynesianischen Maßnahmen.
Dieser Wohlstand führte zu einer unkritischen Verherrlichung all dessen, was amerikanisch war; alles Amerikanische war Bestandteil einer wirklich »exzeptionellen« Nation. Doch diese Einzigartigkeit war nur vorübergehend, eine historische Kuriosität, die durch die extrem ungleichen Auswirkungen zweier Weltkriege geprägt war. Vielmehr übertünchte die Selbstbeweihräucherung der Vereinigten Staaten den Fortgang der Geschichte, die die Nation und die Welt veränderte. Als das amerikanische Imperium schließlich zu Beginn des 21. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte, schienen nur wenige zu erkennen, dass man sich tatsächlich am Zenit befand. Noch weniger konnten den Beginn des Niedergangs des US-Imperiums erkennen.
Das Ende des amerikanischen Nachkriegswohlstands und Chinas Aufstieg
In den 1970er Jahren war der Wiederaufbau der durch den Weltkrieg zerstörten großen Volkswirtschaften weitgehend abgeschlossen. Damit geriet die erste Phase des US-amerikanischen Nachkriegswohlstands ins Stocken. Die Vereinigten Staaten waren nicht mehr der einzige große Industriestandort des Westens und auch nicht mehr die einzige Atommacht. Sie blieben zwar die weltweit dominierende kapitalistische Macht, außer dort, wo ihre Vorherrschaft abgelehnt wurde – also in den von der Sowjetunion sowie der Volksrepublik China angeführten Staaten. Der US-Dollar war zur weltweit führenden Währung geworden, und die Vereinigten Staaten hatten die weltweit führenden Verbraucher- und Kapitalmärkte. Im Zuge dessen waren die USA zu einem der größten Schuldner der Welt geworden. Doch während sie damit eine neue potenzielle Anfälligkeit des Dollars schufen, banden sie den Rest der Welt über das Petrodollar-System umso enger an die eigene Währung.
Damit der Wohlstand der USA anhalten konnte, musste die Arbeitgeberklasse einen neuen Weg finden, unter den veränderten globalen Bedingungen Profite zu erzielen. Dies gelang ihr durch zwei gewichtige ökonomische Entwicklungen: Die erste war eine Abwanderung der Fertigungsindustrie aus den Vereinigten Staaten nach China, Indien, Brasilien und in andere Länder. China war durch den Sieg der kommunistischen Revolution 1949 am besten positioniert, um diese Abwanderung aufzufangen, da die Volksrepublik viele Mittel zur Förderung einer raschen Industrialisierung aufwies. Tatsächlich bot China ausländischen Arbeitgebern Zugang zu einer riesigen Masse an neuen Arbeitskräften zu weitaus niedrigeren Löhnen als irgendwo sonst. Einige Jahre später waren sowohl die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte als auch ihre Reallöhne gestiegen, wodurch China zu einem großen und wachsenden Verbrauchermarkt und somit für ausländische Firmen noch attraktiver wurde.
»Damit der Wohlstand der USA anhalten konnte, musste die Arbeitgeberklasse einen neuen Weg finden, unter den veränderten globalen Bedingungen Profite zu erzielen.«
Unter der Kontrolle und Aufsicht eines mächtigen zentralen Staats- und Parteiapparats baute China eine Zwei-Sektoren-Wirtschaft auf. Die eine Hälfte bestand aus Privatunternehmen im Besitz von chinesischen und ausländischen Kapitalisten. Die andere Hälfte umfasste staatliche Firmen, die der chinesischen Regierung gehörten und von ihr betrieben wurden. Innerhalb weniger Jahrzehnte steigerte das Land sehr rasch die Produktion, zunächst von Konsum- und anschließend von Investitionsgütern. Durch Partnerschaften mit Großkonzernen wie Walmart drang China schnell fast überall in die Verbrauchermärkte vor. Arbeitgeber auf der ganzen Welt konnten Lohnsteigerungen umgehen, weil ihre Arbeiterinnen und Arbeiter dank des Zugangs zu billigen Waren aus China mit ihren Gehältern besser auskommen konnten.
Die zweite wichtige Entwicklung, die den Wohlstand der USA nach den 1970er Jahren sicherte, war das bereits angesprochene Petrodollar-System. Saudi-Arabien, damals der weltweit größte Ölproduzent, und die USA hatten sich darauf geeinigt, dass alle weltweiten Ölverkäufe in US-Dollar abgewickelt werden mussten. Das bedeutete, dass jedes Land, das Öl kaufen wollte, wachsende Dollarreserven vorhalten musste, um bezahlen zu können. Länder, die Öl verkauften, erzielten enorme Gewinne – in Dollar. Diese Bestände wurden gehalten und die Gewinne in auf Dollar lautende Vermögenswerte investiert, insbesondere in US-Staatsanleihen, aber auch in Aktien und Anleihen privatwirtschaftlicher US-Unternehmen sowie in amerikanische Immobilien. Dollar, die ins Ausland geschickt wurden, um die US-Importe (die zunehmend die Exporte überstiegen) zu bezahlen, flossen somit über das Petrodollar-System in die Vereinigten Staaten zurück, zum großen Teil in Form von Darlehen an das US-Finanzministerium.
Auf diese Weise war das US-Finanzministerium in der Lage, die zahlreichen großen und kleinen Kriege zu finanzieren, ohne Steuern zu erhöhen und somit innenpolitischen Widerstand fürchten zu müssen. Während die Fördermengen stiegen und Öl als Energiequelle immer wichtiger wurde, wuchs der Pool an Petrodollar-Mitteln und trieb damit die Kreditaufnahme der USA immer weiter an. Es war ein Kreislauf, der weit weniger Besorgnis hervorrief, als er eigentlich hätte tun sollen.
Und nun: Trumps Krieg gegen den Iran
Was würde wohl passieren, fragten sich nur wenige, wenn die Ölversorgung aus natürlichen oder gesellschaftlichen Gründen irgendwann zum Erliegen käme? Wie würde sich beispielsweise eine Sperrung der Straße von Hormus auf das Petrodollar-System auswirken, das ohnehin schon mit anderen Herausforderungen zu kämpfen hatte? Würde ein Rückgang des weltweiten Ölhandels die Kreditaufnahme der US-Regierung zur Finanzierung ihrer Billionen-Dollar-Schulden blockieren oder erschweren? Könnte die Kreditaufnahme der US-Regierung unter diesen Umständen die Zinssätze in die Höhe treiben – gerade zu einem Zeitpunkt, an dem eine wirtschaftliche Rezession dies zu einer besonders schlechten Idee machen würde?
»Heute braut sich in der Straße von Hormus ein neuer Wirbelsturm zusammen.«
Das sind die aktuellen Widersprüche des heutigen Kapitalismus. Sie sind Auswirkungen früherer Konstellationen, die nun ihren Scheitelpunkt erreichen. Der Kapitalismus beschränkte sich einst, beispielsweise in Europa, auf kleine Regionen innerhalb eines feudalen Kontexts. Doch er wuchs stetig weiter, stürzte den Feudalismus und vollzog den Übergang zu einer neuen, anderen Produktionsordnung. Zunächst handelte es sich dabei um einzelne, später um Gruppen von Unternehmen, Ländereien und Werkstätten, in denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Feudalherren und Leibeigenen abgelöst hatten. Schließlich wuchsen einzelne kapitalistische Betriebe und organisierten sich weiter zu nationalen Kapitalismen. Die von Natur aus expansiven nationalen Kapitalismen führten zu Kolonialismus und schließlich zum globalen Kapitalismus. Der Austausch von Waren, Dienstleistungen, Krediten und Investitionen steigerte Produktivität, Wohlstand und Macht.
Doch er erzeugte auch neue Widersprüche und Konflikte, die unter anderem zur Sperrung der Straße von Hormus geführt, die Vereinigten Arabischen Emirate zum Austritt aus der OPEC veranlasst, fossile Energieträger zunehmend durch Solartechnologie ersetzt und den Bau von Pipelines zur Verringerung der Abhängigkeit von Tankern vorangetrieben haben. Hinzu kommt die schwindende politische Unterstützung für Donald Trumps Präsidentschaft, da hohe Öl- und Spritpreise (und auch der Aufstieg von KI) dazu beitragen, ökonomische Ungleichheiten zu verschärfen.
Was tun im Jahr 2026?
Einst hatte eine ökonomische Revolution den europäischen Feudalismus von einem frühen, kleinräumigen und dezentralisierten Gesellschaftssystem in einen Spätfeudalismus verwandelt, der von absoluten Monarchien und dem Streben nach Kolonien auf der ganzen Welt geprägt war. Ein vergleichbarer Wandel innerhalb des europäischen Kapitalismus verwandelte diesen von einem frühen, dezentralisierten Gesellschaftssystem in einen Spätkapitalismus, der von globalisierenden Megakonzernen geprägt ist. Sowohl die feudale als auch die kapitalistische Epoche sowie die Übergänge zwischen ihnen waren gekennzeichnet durch einige der schlimmsten Gewalttaten, Völkermorde und Kriege in der Geschichte unserer Spezies.
Heute braut sich in der Straße von Hormus ein neuer Wirbelsturm zusammen. Feudalismus und Kapitalismus sowie die Übergänge zwischen und innerhalb dieser Systeme hatten eine Gemeinsamkeit: Die Arbeitsverhältnisse waren antagonistisch strukturiert. Im Feudalismus standen Leibeigene und Feudalherren in ständigem Kampf gegeneinander; im Kapitalismus Arbeiterschaft und Arbeitgeber. Der Aufstand der Leibeigenen gegen den Feudalismus – mit Zielen wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – endete in einem Kapitalismus, der den einen antagonistischen Kampf lediglich durch einen anderen ersetzte. Vielleicht liegt die Lösung nun in einer ganz anderen Art von Wandel und Übergang – einem, der endlich mit all diesen Antagonismen bricht, etwa denen zwischen Herr und Sklave, Lehnsherr und Leibeigener oder Arbeitgeber und Arbeitnehmer.
Ein solcher Übergang, den wir vielleicht bald brauchen werden, gründet auf der Ablehnung solcher antagonistischen Spaltungen. Stellen wir uns doch einmal die Möglichkeit eines Wandels an den Arbeitsstätten – in den Fabriken, Büros, Geschäften, landwirtschaftlichen Betrieben und so weiter – hin zu demokratisch strukturierten zwischenmenschlichen Beziehungen vor. Nehmen wir an, jede an einer Arbeitsstätte tätige Person hätte eine Stimme, wobei Mehrheiten darüber entscheiden, was produziert wird, wie es produziert wird und wo die Arbeit stattfindet. Was wäre, wenn demokratische Entscheidungen ebenfalls darüber bestimmen würden, wie die Produkte verwertet oder – sofern sie in Marktsystemen vertrieben werden – wie die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Produkte verwendet werden? Mit demokratischen Entscheidungen würde ebenso über die Verteilung der Einnahmen aus der kollektiven Arbeit abgestimmt.
»Hier und jetzt braucht es diesen Übergang, diese neue Art des Wandels. Demokratisch organisierte Arbeitergenossenschaften müssen das Ziel sein. Ein solcher Übergang wird dem Konzept der Demokratie endlich gerecht, weil er das Wirtschaftsunternehmen als einen unverzichtbaren Ort zur Verwirklichung der Demokratie hinzufügt.«
Gewinnmaximierung wäre an solchen Arbeitsplätzen nur noch eines von mehreren Zielen. Die Kontexte und Bedürfnisse der jeweiligen lokalen Gemeinschaften, der Region, der Nation und der Gesellschaft an sich wären wichtig und willkommen, um zusätzliche Ziele und Maßnahmen zu definieren und umzusetzen. Unter kapitalistischen Bedingungen organisierte Arbeitsstätten haben ihre Beziehungen zu ihrer Umwelt bislang so gestaltet, dass die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Situation reproduziert wurde. Demokratisierte Arbeitsstätten würden diese Wechselbeziehungen anders strukturieren, wobei die eigene, alternative Arbeitsorganisation reproduziert würde. Wenn das geschafft wird, bedeutet es, dass demokratische Entscheidungsfindung in Zukunft gesellschaftlich weitaus verbreiteter wäre, als es im Kapitalismus je erreicht werden konnte.
Denn selbst dort, wo der Kapitalismus Demokratie im politischen Bereich (auf Grundlage der Staatsbürgerschaft oder des Wohnsitzes) zuließ, verwehrte er sie im ökonomischen Bereich. Beschäftigte in kapitalistischen Betrieben hatten und haben kein Mitspracherecht bei wichtigen Unternehmensentscheidungen. Die Firmenbosse behielten sich diese Entscheidungen ausschließlich selbst vor; Unternehmensentscheidungen wurden von den Interessen der Arbeitgeber bestimmt. Wenn hingegen die Trennung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer überwunden wird, leistet jeder, der in einem demokratisierten Unternehmen arbeitet, einen Beitrag zu dessen Führung. Ebenso trägt jeder und jede Arbeiterin im Betrieb die gleiche Verantwortung.
Hier und jetzt braucht es diesen Übergang, diese neue Art des Wandels. Demokratisch organisierte Arbeitergenossenschaften müssen das Ziel sein. Ein solcher Übergang wird dem Konzept der Demokratie endlich gerecht, weil er das Wirtschaftsunternehmen als einen unverzichtbaren Ort zur Verwirklichung der Demokratie hinzufügt. Um es klar zu sagen: Dieser Übergang müsste global sein und sowohl für privatwirtschaftliche als auch für staatliche Unternehmen gelten. Der Kapitalismus hat eine Weltwirtschaft geschaffen. Der hier vorgeschlagene sozialistische Übergang kann eine bessere schaffen – eine Wirtschaft, die sich wirklich der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Demokratie verschreibt, die der Kapitalismus zwar versprochen, aber nie verwirklicht hat.
Übersetzung von Tim Steins.